Ein Spaziergang über den Kolumbus-Friedhof in Havanna

Kolumbusfriedhof1

Datum: 26. Januar 2010
Uhrzeit: 10:40 Uhr
Ressorts: Kuba, Welt & Reisen
Leserecho: 2 Kommentare
Sprachkurs Spanisch (Südamerika)

„Gracias Amelia, muchas gracias.“ Die Marmorplatte ist mit bunten Kunstblumen geschmückt. Über ihr lehnt sich eine junge Frau, in den Armen einen Säugling haltend, an ein weißes Kreuz. „Gracias Amelia“, murmelt auch Marysol, während ihr Mann Rafael verlegen daneben steht. Die beiden erwarten ihr erstes Kind und sind extra aus dem Guantanamo angereist, um „La Milagrosa“ um ihren Beistand zu bitten. Die „Wundertätige“ ist für Menschen aus aller Welt die größte Attraktion des „Necropolis Cristóbal Colón“, Havannas prunkvoller Totenstadt. Vielen hat die Beschützerin kranker Kinder sowie unfruchtbarer und leidender Mütter schon geholfen. Von der großen Dankbarkeit der Menschen künden zahlreiche kleine Marmortafeln und bunte Keramikfiguren aus aller Welt. Dabei hat es das Schicksal mit Amelia selbst nicht gut gemeint. Die junge Frau aus einer reichen kubanischen Familie starb 1901 an den Folgen einer Totgeburt. Mit ihrem Ungeborene zu ihren Füßen wurde sie bestattet. Als der Sarg 13 Jahre später geöffnet wurde, lag das Kind jedoch an ihrer Brust. Diese Position wählte auch der Bildhauer José Vilalta für seine Skulptur. Das Grab ist heute das meistbesuchte auf dem katholischen Friedhof.

Mit 56 Hektar ist er der größte Friedhof Amerikas. Und es gibt in diesem „Marmor-Wald“ unendlich viel zu entdecken. Wissenschaftler, Dichter, Generale, Kolonialherren, Geschäftemacher und Revolutionäre sind hier bestattet und wetteifern über ihren Tod hinaus, mit Obelisken, Tempeln, Arkaden und Pyramiden um die Gunst der Nachgeborenen. Die Baustile sind bunt gemischt. Es gibt neben schlichten Marmortafeln fantasievolle Bronzerefliefs, neogotische, neobarocke, eklektische und auch gewagte moderne Monumente. Oft erzählen Fotos, Bibelsprüche oder Lebensmottos einiges über die Toten. Spaziergänger sollten allerdings vorsichtig sein. Denn aus Pietät wird hier nicht gehupt, eilig haben es die Autofahrer aber trotzdem. Es scheint bei jeder Trauergemeinde wenigstens einen zu geben, der zu spät kommt und schnellstens Anschluss an die Fahrzeugkolonne der Familie sucht. Rücksicht auf von der Marmorpracht überwältigte Touristen kann man von dem Trauernden nicht verlangen. Schließlich ist der Cementerio kein Museum.

Zumindest aus Sicht der Habaneros. Seit mehr als hundert Jahren begraben die Hauptstädter hier ihre Toten. Knapp zwei Millionen Menschen sollen hier zur letzten Ruhe gebettet sein. Und ihre Zahl wächst täglich weiter. Die schwarzen Toyota-Leichenwagen bestätigen das. Im Abstand von zehn Minuten rollen sie durch das prächtige Eingangsportal. Das Tor trägt die Inschrift „Janua sum pacis“ (Ich bin das Tor zum Frieden). Drei Figuren – die christlichen Tugenden Glaube, Hoffnung und Liebe darstellend – begrüßen die Trauernden.

Den Auftrag zur Planung der Nekropole erhielt der junge spanische Architekt Calixto de Loira. Er und später Eugenio Rayneri Sorrentino ließen auf einem Acker weit vor den Toren der Metropole eine Totenstadt anlegen. 1871 wurde der Grundstein gelegt, ein Jahr später konnte die Anlage eröffnet werden. Die Bauarbeiten selbst dauerten noch bis 1886. Heute liegt der Friedhof mitten im belebten Stadtteil Vedado.

Ausländer zahlen fünf konvertible Peso (etwa vier Euro) Eintritt. Dafür können sie dann stundenlang über die schachbrettartig angelegte Anlage mit ihrem 20 Kilometer umfassenden Straßen laufen. Die wichtigsten und prächtigsten Gräber sind entlang der zentralen Avenida Colón zu finden, die vom Eingangstor zur Hauptkapelle führt. Hier liegt das Grabmal des Unabhängigkeitskämpfers General Máximo Gómez und das Pantheon von Catalina Lasa. Dieses ist ein weißes Halbrund mit schmalem Fenster, das sich an einen Quader lehnt. Juan Pedro Baró hat es für die aus seiner Sicht schönste Frau Havannas errichtet: Catalina. Vor dem Grabmal stehen zwei Königspalmen, die alles auf dem Friedhof überragen. Das höchste steinerne Grab ist dagegen „Las Victimas de la Caridad“. Es erinnert an die Opfer eines Brandes, der sich 1890 in einem Eisenwarengeschäft ereignete. Ein Engel mit Augenbinde hält einen leblosen Feuerwehrmann in den Armen. Prächtige Denkmale haben die Toten der revolutionären Armee sowie die Studenten, die 1957 beim Angriff auf den Präsidentenpalast Batistas starben, erhalten.

Kubanische Fahnen oder die schwarzroten von Castros Revolutionsbewegung deuten auf Grabmale von Nationalhelden hin. Auch zahlreiche Freimaurerlogen, Unternehmen und soziale Klubs haben eigene Panteóns errichten lassen. Neogotische Kirchlein, verzierte weiße Kapellen mit Türmchen, trutzig-abweisende Mausoleen mit schlichten Kreuzen und andere, die mit ihren Kuppeldächern und Mosaiken an den Orient erinnern. Unterschiedlich in den Stilrichtungen sind auch die Skulpturen, die trauernde Engel, Menschen und Christusfiguren darstellen. Seit 1987 steht der Columbus-Friedhof unter Denkmalschutz. Der Staat, der den Friedhof Ende der 60er Jahren übernommen hat, müht sich, dieses Erbe zu bewahren. Trotzdem sind viele Gräber geschändet. Man hat die Figuren gestohlen oder Teile abgeschlagen. So kann beispielsweise die einstige Schönheit des Grabmals von Julia Aznar de Galban, verstorben am 17. September 1952, nur noch erahnt werden. Alle drei Figuren sind kopflos. Zurzeit wird die Zentralkapelle mit ihren aus Genua stammenden Glasfenstern saniert. Das Gebäude ist außen wie innen eingerüstet. Einige junge Restauratoren sind dabei, Heiligenfiguren neu zu bemalen.

Adresse: Calle Zapata esq Calle 12, Telefon 07/8321 050, täglich 8 bis 17 Uhr

Photo ©: Peter Chemnitz

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  1. 1
    Milagros Rivero

    Hola. le envio este mensaje con el proposito de saber si usted puee ayudarme en informaciion que no he podido encontrar mediante la Computadora
    Soy Residente de Miami pero naci en Cuba,estoy buscando como poder encontrar la manera de ver un website u otra pagina que me de acceso a poder contactarme con algun personal de oficina que trabaje en la Necropolis de Colon,pues mi papa fallecio en el 2009 y necesitaria encontrar algun dato acerca de el pero no puedo
    Por favor si usted tuviese alguna informacion donde dirigigirme para contactar ya sea a travez de correo electronico se lo agradeceria
    Esperare su respuesta,soy una persona seria y muy responsable para conmigo
    Sin mas cordialmente
    Milagros Rivero
    Muchas Gracias

  2. 2
    Priedsdieds

    Latina-Press: Top Site!

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