Haiti: Unter dem Zyklopenauge

Zyklop

Datum: 07. September 2011
Uhrzeit: 03:37 Uhr
Leserecho: 0 Kommentare
Autor: Otto Hegnauer
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Schon im Alten Griechenland waren die Zyklopen als einäugige mythische Dämonen bekannt, aber es waren immer noch Riesen und zudem langezeit fast ausgestorben. Sie existierten nur noch in der Fabelwelt der Nobelschulen, wo Gymnasiasten und andere Nobelkinder damit gequält wurden. Die Zyklopen haben dort in den Lehrplänen bis heute durchgeharrt.

Es gab einst die Zeiten der grossen Kriege, die Digitalisierung und Miniaturisierung war noch nicht zugänglich, aber für die Armeen der Reichen bereits Wirklichkeit. Es waren noch nicht Massenprodukte, sondern Einzel-Anfertigungen. Die Spionage konnte nicht genug kosten, etwa die Spazierstockkamera, die ihr geheimes Zyklopen-Auge im Bogengriff eines Spazierstockes verbarg. Aber immerhin muss man all diesen Entwicklungen zugute halten, dass sie überhaupt Tatsache und eines Tages für jedermann erschwinglich wurden.

Seit der Zeit der Digitalisierung und besonders der Miniaturisierung sind sie neu erstanden, die Zeit der Riesen ist zwar vorbei, heute sind Einaugen in Millidimensionen IN. Zum Beispiel in der Mitte meines Notebookdeckels. Oben innen, man achtet sich nicht, wenn man es nicht weiss. Trotzdem hat man hier mit dem Datenschutz noch kein Problem, im allgemeinen.

Ich habe schön gestaunt, als ich das erstemal von meiner neuen Klause in den Schwarzen Bergen von Haïti Skype angeturnt hatte und nicht nur mit meinem Freund, dem Andreas in Zürich kristallklar sprechen konnte, sondern dass wir uns über das Millimeter-Zyklopenauge auch noch gleich sahen, wie wenn nur ein runder Tisch dazwischen läge.

Auch Webcams sind solche Zyklopenaugen; sie verstecken sich nicht nur zur Verballhornung von arglosen Opfern für Lachsendungen des Fernsehens, sie überwachen das Verhalten von Bébés zuhause und Gefängnisinsassen in den USA, von Vögeln am Nest oder vor ausbruchsbereiten Vulkanen, von Menschen die am Arbeitsplatz rumschwatzen oder solchen in Antarktislabors oder in der Weltraumstation.

Dank der Erfindung des Internets hat jeder und jede überall Zutritt, man muss nur die richtigen Türen finden, und die Schlüssel zum Aufschliessen. Die heissen Links. Das Zyklopenportal bei Swissfot ist eigentlich ein Webcam-Portal. Es verrät die richtigen Adressen, mit denen die genannten Türen und ein paar andere aufgeschlossen werden können, das geschieht durch einen einfachen Klick.

So können Sie zum Beispiel feststellen, ob Ihr Auto noch unversehrt im Parkhaus steht oder etwa schon gestohlen ist. Oder sogar, mit wem es Ihr Mann gerade treibt (natürlich auch umgekehrt). Und deshalb verstrickt man sich leicht mit Datenschutz und Illegalität. Doch wir brauchen keine Angst zu haben, denn wir haben ja alle Tassen im Schrank, und ein lupenreines Gewissen.

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Die exklusive Haiti-Kolumne im latina press Nachrichtenportal von Otto ‚Swissfot‘ Hegnauer. Der ehemalige Lehrer lebt seit mehreren Jahrzehnten auf Haiti und berichtet exklusiv von seinem täglichen Leben auf der Insel Hispaniola.

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