Blauhelm-Einsatz gegen den Willen der Menschen von Haiti?

Blauhelmpatrouille

Datum: 06. Oktober 2011
Uhrzeit: 05:01 Uhr
Leserecho: 0 Kommentare
Autor: Otto Hegnauer
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So titelte das deutsche Fernsehen am 3. Oktober 2011 seine Sendungen, ich finde das etwas irreführend. Es ist wieder eine der berühmten Verallgemeinerungen, mit denen man jeden Eindruck erwecken kann, auch wenn er unsicher oder sogar falsch ist. Ich könnte mit Fug und Recht das Gegenteil behaupten, das Fragezeichen am Ende übersieht ohnehin jedermann.

Es stimmt zwar, dass eine unbekannte Anzahl Menschen möchten, dass die Ausländer und speziell Blauhelme möglichst rasch verduften, sie sind der irrigen Meinung, die schlecht bewaffneten, kaum bezahlten haïtianischen Polizisten seien selbst in der Lage, für Ruhe und Ordnung zu sorgen, oder sie ersehnen sogar das nachfolgende Chaos, um unter fragwürdigen Absichten in schleierhafter Hoffnung selber davon zu profitieren.

Niemand hat eine Volksbefragung gemacht und hat das Recht zu behaupten, „gegen den Willen der Haïtianer“, auch wenn regierungsfeindliche Forderungen schreiender Protestler immer die lauthalsigsten sind, sodass es um den 15. durchaus wieder zu Gewaltausbrüchen kommen kann. Ich meinerseits bin mittendrin im Geschehen und in den Versammlungen, die fast andauernd auf einem Flachdach unter „meinem“ Haus stattfinden, und ich habe bisher den festen Eindruck, die Haïtianer seien froh und dankbar für die bisherige Entwicklung, und fürchten alle anderen Meinungen. Ich habe auch gesehen, dass die neuesten „Beurteilungen“ in Mexiko-City geschrieben werden; die Reporter bemühen sich bisher kaum hieher, um sich ein Bild aus der Nähe zu machen.

Erst habe ich geschrieben, wie froh ich diesmal um die vernünftige Meinung des Präsidenten sei, und offenbar ist auch der Sicherheitsrat derselben. Man liest bereits, die UN-Mission stehe vor der Verlängerung um 1 Jahr. Das dürfte der Rechtslage am 15. entsprechen, und jetzt wieder meine persönliche Meinung: das wird nicht genügen. Fachleute haben für den architektonischen und technischen Wiederaufbau nach dem Erdbeben vom 12. Januar 2010 einen Zeitbedarf von mindestens 15 Jahren geschätzt. Ich glaube, dass nicht einmal das genügt, und für den „sozialen Wiederaufbau“ braucht es noch mehr. Für die psychologische Wiedergeburt genügen selbst Generationen nicht.

Seit 2004 sorgen UN-Soldaten für Sicherheit und Stabilität, denn das war schon lange vor dem Erdbeben nötig. Trotzdem sei die Lage in dem krisengeschüttelten Land alles andere als stabil, berichtet das Deutsche Fernsehen. Das stimmt leider; auch dass die Stimmung im Land immer stärker gegen die Blauhelme manipuliert wird. Manipulation ist eben eine gefährliche Waffe, aber Armeen fehlt es ellenthalben an Psychologen, auch den Blauhelmen. Ich habe das seit über 10 Jahren schon oft geschrieben. Obschon ich eigentlich kein Armeefreund bin, aber bei den besonderen Aufgaben der Blauhelme. bedaure ich das.

„Der Protest gegen die UN-Mission Minustah in Haïti wächst. Viele beschuldigen die Blauhelmsoldaten, die Cholera ins Land getragen zu haben, an der inzwischen 6000 Menschen gestorben sind. Zudem kursiert seit einigen Wochen ein Video im Internet. Das soll zeigen, wie Blauhelmsoldaten aus Uruguay einen jungen Haïtianer vergewaltigen.“ Wie wäre es, die Zuschauer darauf aufmerksam zu machen, dass auch die pejorative Verbreitung herabsetzender Nachrichten mit absichtlich gesetzter, abwertender Bedeutung unzulässige Manipulation bedeutet; man will Zuschauerquoten statt differenzierte Wahrheit schaffen. Das wäre eine vornehme Aufgabe der Medien; stattdessen frönt man dem Schüren von Sensationslust.

Ich glaube, die Leute am Ruder sehen die Probleme. Michel Martelly setzt auf internationale Unterstützung, denn seine 10.000 Mann starke Polizei ist kaum in der Lage, Ordnung zu garantieren. Um die Stimmung im Land nicht aufzuheizen, spricht er von einem baldigen Abzug: „Wir arbeiten daran, dass der Abzug möglich wird. Schon im kommenden Jahr soll die Minustah ihre Truppenstärke verringern.“ Bei zu massivem Abbau sieht er sogar die Option einer eigenen Armee.

Ban Ki Moon will die Zahl der Soldaten und Polizisten um etwa 2.700 Mann reduzieren. Es bliebe dann die gleiche Truppenstärke übrig wie vor dem Erdbeben im Januar 2010. Die Mission soll aber in jedem Fall um ein Jahr verlängert werden. Die Entscheidung darüber liegt beim UN-Sicherheitsrat. Der könnte die Verlängerung auch gegen den Willen der Haïtianer durchsetzen. „Unser aller Ziel ist es, dass sich die Minustah absehbar zurückzieht – vielleicht bald, vielleicht in einigen Jahren.“ Der UN-Sicherheitsrat wird das Mandat der Haïti-Mission wohl im Oktober verlängern. Bürger und Blauhelme müssen sich auf weitere Proteste einstellen.

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Die exklusive Haiti-Kolumne im latina press Nachrichtenportal von Otto ‚Swissfot‘ Hegnauer. Der ehemalige Lehrer lebt seit mehreren Jahrzehnten auf Haiti und berichtet exklusiv von seinem täglichen Leben auf der Insel Hispaniola.

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