Lateinamerika: Von Drogen und Abhängigkeiten

Datum: 01. November 2011
Uhrzeit: 19:55 Uhr
Ressorts: Leserberichte
Leserecho: 1 Kommentar
Autor: Martin Bauer, Caracas (Leser)
Sprachkurs Spanisch (Südamerika)

Die einen wollen sie, andere brauchen sie, wieder andere verteufeln sie. Und nicht wenige gründen ihre finanzielle Existenz darauf, gleich wo in der „Nahrungskette“ und auf welcher Seite des Gesetzes sie stehen. Nur wenige Phänomene der Menschheitsgeschichte werden so kontrovers, so unaufrichtig und realitätsfern diskutiert, wie süchtig machende Drogen. Und dies seit vielen Jahrtausenden, in allen Kulturen und Kontinenten. Mit diesen Zeilen will ich nicht die Welt verbessern, keine Ratschläge geben und schon gar nicht zur allgemeinen Mobilmachung zum Kampf gegen die Drogen aufrufen. Das Ziel ist lediglich, Fakten und zum Teil wenig bekannte Zusammenhänge zu beleuchten, so dass sie transparenter werden und damit mehr Personen bewusst. Selber habe ich niemals Drogen konsumiert (ausser meinem Feierabend Bier), nie damit gehandelt oder direkt davon profitiert und war auch nie dem Kampf gegen sie verpflichtet. Ich denke also, die nötige Distanz und Unvoreingenommenheit zu besitzen um zu erkennen, dass auch ich abhängig von Drogen bin. Nein, die Schizophrenie hat mich noch nicht ereilt. Ich meine „abhängig“, nicht „süchtig“. Und wer glaubt, dies nicht zu sein, der werfe den ersten Stein!

Wohl keine andere Kategorie von Produkten hat in der Menschheitsgeschichte jemals so viel Kapital umgesetzt und so hohe Gewinne erbracht, ohne jede Werbung. Zumindest ohne offizielle Werbung. Gut, wenn Kinofilme und Fernsehserien ein Gesellschaftsbild zeichnen, in dem Joints und Ecstasy als „cool“ gelten, in dem Mafiosi mittels Ferrari, Designerklamotten, Sexbomben und Macho Gehabe als Vorbilder stilisiert werden, könnte man auch von Werbung reden. Ob die wahren Akteure der Szene hierauf wirklich Einfluss nehmen, sei dahin gestellt. Fakt ist, dass die Nachfrage nach Rauschgiften ungebrochen ist. Keine Regierungsinitiative, in welchem Land auch immer, konnte hieran jemals etwas ändern. Und wo eine Nachfrage besteht, lässt das Angebot nicht lange auf sich warten. Dagegen konnte sich noch niemand erfolgreich stemmen. Wer schon nicht in der Lage ist, die Gier des Marktes nach einem bestimmten Produkt zu kontrollieren, wird gegen das Angebot, diese zu befriedigen, erst recht scheitern. Ob es sich dabei um Luxus- oder Gebrauchsgüter handelt, um käuflichen Sex, Waffen oder Drogen, ist völlig gleich.

Daraus folgert, wer sich selbst nicht unter Kontrolle hat, sondern Drogen kauft und konsumiert, bildet das allererste Glied einer Kette, ohne die alle weiteren keinen Halt fänden. Wer für sich selber entscheidet, mit Drogen zu leben und ggf. auch zu sterben, akzeptiert damit alle mit Herstellung, Vertrieb und Konsum in Verbindung stehenden Handlungen und zeichnet voll dafür verantwortlich. Solange hierdurch andere nicht zu Schaden kommen, sehe ich auch nicht notwendigerweise ein Motiv zur Einmischung, auch nicht durch den Gesetzgeber. Warum den Anbieter und seine Kunden hindern, wenn beide sich einig sind, zumal der Erfolg solcher Massnahmen eben nicht nachhaltig greift?

Anders sieht es mit Kindern und Jugendlichen aus, die solche Entscheidungen für sich selber noch nicht treffen dürften. Leider tun sie es in der Praxis nur viel zu oft. Und dann wird immer erst mal demjenigen die Schuld zugewiesen, der ihnen das Rauschgift verschafft hat, in der Regel dem Drogenhändler. Nicht, dass ich diesen freisprechen möchte, aber ihn trifft eine „Schuld“, wenn wir den Begriff denn verwenden wollen, erst an zweiter Stelle. Eltern, oder wer immer der Erziehungsberechtigte ist, stehen an aller erster Stelle in Pflicht und Verantwortung. Auch hier will und kann ich nicht raten, wie man es „besser macht“, nur in aller Deutlichkeit die Augen für die Realität öffnen, welche die Betroffenen gerne verschliessen. – Eines darf man nicht übersehen: Ohne den Drogenkonsum der Erwachsenen gäbe es auch keinen unter Minderjährigen.

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  1. 1
    Der Bettler

    Martin,nach längerer Zeit wieder ein hervorragender Bericht.Da ich mit Drogen nichts am Hut habe,habe ich mich auch nicht damit befaßt.Es ist
    äußerst interessant,ja spannend,was sich alles um die Drogenwelt abspielt.
    Man könnte es ja fast mit der Angst bekommen,wenn man hört,daß Banken
    ja ganze Industriezweige mit der Geldwäsche involtiert sind.Durch Deinen Bericht habe ich in meinen schon fortgeschrittenen Alter wieder neue Erkenntnisse und Denkanstöße bekommen. Sehr gut.

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