Brasilien: Traditionelle Elite über aufstrebende Mittelschicht geteilt

Datum: 10. November 2011
Uhrzeit: 10:40 Uhr
Leserecho: 1 Kommentar
Autor: Redaktion
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► Starker Widerstand aus der Oberschicht

Das anhaltend starke Wachstum der brasilianischen Wirtschaft hat zu einem Anstieg der Personengruppe geführt, welche sich einen Pauschalurlaub an den tropischen Stränden des grössten Landes in Südamerika leisten können. Der zunehmende Wohlstand der in Brasilien als „C-Klasse“ bezeichneten Mittelschicht und deren gestiegene Ansprüche lösen jedoch nicht überall Begeisterung aus.

Die einheimische Hotellerie beobachtet seit Jahren eine anhaltende Veränderung an den bei Europäern so beliebten Urlaubsorten an der Küste. Brasilianische Touristen, welche sich in den vergangenen Jahren niemals eine Flugreise leisten konnten, bevölkern inzwischen die Küstenstädte des südamerikanischen Landes. Brasiliens wirtschaftliche Erfolgsgeschichte hat nicht nur Millionen von Brasilianern aus der Armut befreit, die Erwartungen der „unteren Mittelschicht“ haben sich erhöht.

Studien des Forschungsinstituts Data Popular haben ergeben, dass sich der Anteil der „C-Klasse“ in der Tourismusbranche zwischen 2002 und 2010 fast auf 34% verdoppelt hat. Diese bevölkert laut dem Institut inzwischen fast die Hälfte aller Flugzeuge innerhalb Brasiliens, was zu wachsenden Spannungen bei der „traditionell privilegierten Bevölkerungsschicht“ führt. Diese muss sich plötzlich am Flughafen in Warteschlangen einreihen und ist nicht mehr unter sich.

„Unsere Umfragen haben gezeigt, dass es einen sehr starken Widerstand aus der Oberschicht gegen die Newcomer gibt. Viele wollen nicht mit Personen aus der aufstrebenden Mittelschicht gemeinsam im selben Hotel untergebracht sein. Sie fühlen sich durch deren Kleidung und Redensarten gestört. Dies führt zu regelrechten Gruppenbildungen, bei denen bestimmte Personen ausgegrenzt werden. Selbst an den Stränden gibt es den Hauch von Exlusivität, man will unter seinesgleichen sein“, erklärt der brasilianische Anthropologe Roberto DaMatta.

Die Tourismus-Industrie leugnet das Problem. „Es gibt Platz für alle. Natürlich gibt es Restaurants und Badestrände für Urlauber mit einem niedrigeren Budget. Dies kann allerdings frei gewählt werden und bietet für alle Personengruppen das passende Angebot“, berichtet ein Hotelbesitzer in Porto Seguro (Küstenstadt im Bundesstaat Bahia). „Für viele unserer Mitbürger ist dies ein magischer Moment und die erste Gelegenheit, innerhalb Brasiliens einen Badeurlaub zu verbringen. Dies soll nicht am Geld scheitern“, fügt er hinzu.

Brasiliens Auftauchen auf der Weltbühne hat bereits die traditionelle internationale Ordnung erschüttert. Jetzt müssen die Bürger der grössten Volkswirtschaft Südamerikas ihre Rollen und Erwartungen für die Zukunft im eigenen Land überdenken.

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  1. 1
    Martin Bauer

    Die Sache hat, wie immer, zwei Seiten.

    Wenn plötzlich Neureiche und Mittelständler lautstark und besoffen die gleichen Plätze bevölkern, wie Leute, die traditionell ein wenig Kultur und gutes Benehmen mitbringen, kann dies viel Schönes verderben. Wenn dieser Prozess sehr schnell von statten geht, kann das sogar unerträglich sein. Ein besonders ekelhaftes Beispiel bieten in Venezuela viele Chavista. Allerdings sind diese durch staatlich legitimierten Raub zu Wohlstand gekommen, was auf die Brasilianer zum Glück gar nicht zutrifft.

    Andererseits kann eine Nation nur über einen breiten Mittelstand zu einer gesunden Gesellschaftsform und einer leistungsfähigen Wirtschaft finden. Dabei wird zwangsläufig die Luft dünner für Leute, die sich als Elite wähnen und mit dem „gemeinen Volk“ keine Berührung haben wollen. In der nördlichen Hemispäre sind viele davon guillotiniert worden oder mit der Titanic untergegangen (leider mit ihnen auch über Tausend arme WIchte, die solche Schiffe überhaupt erst rentabel machten).

    Den brasilianischen Oligarchen steht dieser Wandel noch bevor, und da müssen sie durch. Letztendlich werden nicht nur die Armen sich finanziell verbessern. Denn wandeln diese sich zu kaufkräftigen Konsumenten und zugleich zu qualifzierten Fachkräften, dann werden zwangsläufig die Reichen noch reicher.

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