Chile: Nationaler Bildungsrat streicht „Pinochet-Diktatur“ aus Schulbüchern

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Datum: 04. Januar 2012
Uhrzeit: 23:08 Uhr
Leserecho: 3 Kommentare
Autor: Dietmar Lang
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► Ära von General Pinochet soll Grundschülern "ausgewogener" vermittelt werden

Aus der „Diktatur“ wird das „Militärregime“, aus dem „Militärputsch“ die „militärische Machtübernahme“: in Chile soll zukünftig Grundschülern die Schreckensherrschaft von General Augusto Pinochet mit seinen knapp 40.000 Opfern „ausgewogener“ vermittelt werden. Einen entsprechenden Beschluss zur Abänderung der Schulbücher und des Unterrichtsmaterials hatte der Nationale Bildungsrat NCED bereits im November beschlossen, die Entscheidung wurde jedoch erst am heutigen Mittwoch (4.) bekannt.

In den ersten Klassen werden die Schülerinnen und Schüler zwischen sechs und zwölf Jahren damit nichts mehr von einem „blutigen Militärputsch“ hören müssen. Diese Terminologie passt anscheinend nicht mehr ins Bild der derzeitigen Rechtsregierung unter Staatspräsident Sebastián Piñera. Inwieweit der Milliardär selbst Einfluss auf die nun heftig diskutierte Entscheidung genommen hat ist unklar. Gerade die Angehörigen der Opfer – über 3.000 Oppositionelle werden auch heute noch vermisst – sehen dies als massive Geschichtsfälschung an. Der Präsident des Sozialistischen Partei des Landes, Osvaldo Andrade, fand zunächst nur ironische Worte: „Es hat Ohren wie eine Katze, den Körper einer Katze, es miaut wie eine Katze – aber manche Leute wollen, dass man es Hund nennt!“

Bildungsminister Harald Beyer erklärte am Mittwoch (4.), er selbst habe kein Problem damit, die Epoche von 1973 bis 1990 unter Pinochet als „diktatorische Regierung“ zu bezeichnen, der Rat habe jedoch im November beschlossen, zukünftig „den allgemeineren Begriff Militärregime“ zu verwenden. Vor der Entscheidung seien auch zahlreiche Pädagogen, Berater und Sachverständige gehört worden. Für den Kongressabgeordneten Alberto Cardemil, der bereits unter Pinochet Minister war, bedeutet die Änderungen vor allem „eine technische und fachliche Anstrengung des Ministeriums für Bildung, der Geschichte ein ausgewogeneres Bild zu geben.“ Dies sei nichts ungewöhnliches, sämtliche Länder würden mit der Zeit ihre eigene Geschichte „überarbeiten“.

Für Ex-Präsident Eduardo Frei (1994-2000) ändert die Neudefinierung jedoch keinesfalls die Geschichte oder deren Bild. „Im Bewusstsein Chiles und im internationalen Bewusstsein gab es in Chile eine beschämende Diktatur und dies wird niemand durch einen Text oder eine Stellungnahme ändern“ so der heutiger Senator für die Opposition. Er selbst hatte wie viele andere auch erst am Mittwoch von den Änderungen erfahren. Ans Licht kam die heimliche Umschreibung der Geschichte auch nur durch die gesetzlich vorgeschriebene Veröffentlichung im chilenischen Amtsblatt. Die NCED hatte sich im Vorfeld in Hinblick auf ihren Beschluss vollständig in Schweigen gehüllt.

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Kommentarbereich

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  1. Na endlich, das wurde auch Zeit.

    Wenn Allende damals sein Wirken vollendet haette, wuerde Chile wohl heute noch vom Castro-Clan regiert werden.

    Als ich 1974 Chile unter Pinochet bereiste, sah ich sehr viele glueckliche und hoffnungsvolle Menschen. Suchen Sie sowas mal heute in Cuba.

    Chile kann froh sein, das ihm diese Cubanisierung erspart blieb.

  2. 2
    ToMiGra

    So eine R..te wie Pinochet jetzt schön zu reden ist nicht nur moralisch arm. Die brutalen Fakten hat immerhin er mit seinen geistig minderbemittelten Helferlein geschaffen und was unter Allende passiert wäre(Konjunktiv!) ist nur wilde und – gegenüber den Opfern der faschistoiden Banden Pinochets – empathiebefreite Behauptung.
    Aber vielleicht liegt das alles auch einfach nur im „Blut“ derjenigen, die dort leben. Damit meine ich weniger die paar noch lebenden Indigenen sondern die Nachkommen europäischer Einwanderer. Ich vertrete mittlerweile die Meinung, dass eine mehrheitlicher Prozentsatz dieser Einwanderer der soziale, moralische, ethische und bildungsferne Bodensatz Europas war und dies, so scheint es auf die Nachkommen überging.
    Zu viele in diesen Ländern sind falsch, verlogen, hinterhältig, heuchlerisch und nur auf den eigenen Vorteil aus. Die Bezeichnung amoralischer Familismus des Anthropologen Edward Banfield beschreibt dies ganz gut. Wenn dort nicht was passiert in den Köpfen der Leute, dann werden dies Ländern nie auf einen grünen Zweig kommen.
    Und manche Foristen scheinen dies unbedingt bestätigen zu wollen.

    • 2.1
      Martin Bauer

      Die Ära Pinochet schön zu reden wäre tatsächlich mehr als unangebracht. Allerdings gebe ich Carlos Noberto in so fern Recht, als die Alternative Allende mit Sicherheit die schlimmere gewesen wäre. Alle meine chilenischen Freunde waren damals voller Euphorie und Hoffnung für die Zukunft, als Allende von der Bildfläche verschwand, aus gutem Grund. Leider haben sich ihre Hoffnungen für viele Jahre nicht erfüllt…

      Wir sehen ja heute in Venezuela, wohin der Weg mit einem linksextremen Diktator führt. Chávez hat direkt oder indirekt weit mehr als 100.000 Menschenleben auf dem Gewissen. Es gibt zahllose politische Gefangene und Menschen, die einfach spurlos verschwinden. Das dringt aber ins Ausland kaum durch. Todesschwadrone, bezahlte Auftragskiller, finden in der internationalen Presse auch nur Erwähnung, wenn ein Rechtsfaschist sie schickt. In Venezuela werden sie von Linksfaschisten beauftragt. Das ist keine Schlagzeile Wert.

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