Haiti: Morgengold nach langer Nacht – Mit 80 fängt das Leben an

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Datum: 08. Januar 2012
Uhrzeit: 09:44 Uhr
Leserecho: 1 Kommentar
Autor: Otto Hegnauer
Sprachkurs Spanisch (Südamerika)

Diese Kolumne ist doppel- oder sogar tripelzüngig – sie betrifft die Morgenstimmung, unsere Schule und mein Leben. Vor oder über meinem Bett wusste ich stets den Blick auf Gold einzurichten, „Gwace a Die“ (Grâce à Dieu), wie in Haïti die Menschen sagen.

Ich habe sie gefunden, die goldenen Freunde, die mir helfen, und Stimmungen zum Erwachen unter dem Himmel, unter der obersten Arve über der Waldgrenze am Piz Mezzaun nahe dem Nationalpark, im Sandbett der Sahara neben den schmatzenden Kamelen und unter dem Konzert der Hunde und Hähne aus der im Schluchtgrund darbenden Oase herauf, aus dem Berghüsli meines Vaters inmitten von Gletschern, damals hoch über der Sustenpassstrasse, oder verblendet durch die Farbgläser unter einem Kirchenfenster, während mich frühmorgens ein Organist mit seinem Konzert aus dem Schlaf spielte. Ich hatte verbotenerweise in der Kirche biwakiert, um den erwarteten Augenblick zu geniessen, hatte die Kirche etwas zurechtgebogen nach meinem Gusto.

Auch in der Bergburg schlafe ich zwar nicht unter freiem Himmel, aber mit offener Tür, es ist ja warm, und so spüre ich die Natur schon wenn sie mich frühmorgens weckt, mit purem Gold im Osten, wo über der Kordillere die dominikanische Grenze verläuft und die Berggeister nicht mehr wissen, wo sie ihre goldene Flut noch abladen können, es ist kein Platz mehr. Die ich geniesse, solange ich kann, denn schon nach Minuten ist sie vorbei, weicht dem Alltag, der sein Gold meisterhaft versteckt.

Heute scheint es in die Länge gezogen, nach meinem zweiten Motto „Mit 80 fängt das Leben an“ (ich habe Udo Jürgens damit um 20 Jahre überflügelt, der mit seinem Schlager „Mit 60 fängt das Leben an“ erst richtig berühmt wurde, und man hatte den Eindruck, auch glücklich (mein erstes Motto ,heisst „Schmunzeln bringt Leben, Weinen den Tod“. Also lasst uns schmunzeln). Und übrigens – welch ein Zufall – ausgerechnet heute trete ich mein 80stes an – ich stosse mit meinen Lesern darauf an, virtuell, versteht sich! Prost, DEM NACHBAR NACH! (mein Nachbar heisst Exumé, ist Pflanzendoktor, ist bald 100 und steigt noch auf die Bäume!!! Auf den Bäumen lebt sich länger).

Und à propos „Morgengold nach langer Nacht“ meine ich das nicht wörtlich, denn das Wetter kann auch einmal anders, sondern symbolisch. Wenn ich den Blick von der Grenzkordillere etwas wegsenke, fällt er auf den tiefen Schluchtgrund von Lakoumango, der noch im Nachtschatten dahindöst, und mitten in den mageren Steinhäuschen des Dörfchens liegt die „Soleil sur les Montagnes Noires“, die Schule, die noch im Morgengrau vor sich hindöst und noch nicht aufgegangen ist, gleich beginnt sie aufzugolden.

Schon den vierten Monat kommen die Knirpse zur Schule, jeden Tag, und Mütter-Lehrerinnen arbeiten für Gottes Lohn. Ich berichte fleissig über die Schule, weil sie mir Freude macht, 50 kleine Cocorats von der Strasse wegrettet, zu Alphabet und Ziffern und damit zu einiger Bildung führt. Anfänglich haben uns die verbildeten Europäer ausgelacht, denn die haben gelernt, dass man zuerst eine rechte Ausbildung veranstaltet, die dauert bis ganze Schichten von Kindern vorbei sind, ohne Alphabet und Ziffern. Aufgewachsen auf der Gasse.

An meinem letzten Job arbeitete ich für die Ausbildung, für die Menschen in verschiedenen Ländern und Sprachen, für viele Mitarbeiter und Berufe. Das konnte man nur mit Medien leisten, und dafür brauchte es Autoren. Die wir eigens aus- und weiterbildeten, während Jahren. Die Krux war, dass ihnen ihre Produktionen nie gut genug vorkamen, nie genügten, stets erst fertig waren, wenn sich die „Lehrlinge“ anderswie klug gemacht hatten, und man die teuren Dinger nicht mehr brauchte. Ausbildung riskiert, zu spät zu kommen. Die alte Krux.

Initiantin der Schule (ESMONO = Ecole sur les Montagnes Noires) ist Melissa, die selber 4 Kinder hat und auch keine Ausbildung, aber die 4 sind schon ausgestängelt aus den Problemen der ESMONO. So gründete Melissa zusammen mit den Müttern GEGENWÄRTIGER Knirpse eine Schule, ohne etwas, Idee ist doch alles. Die Frau hatte früher in meinem prächtigen Haus gearbeitet, auf dem Hügel am Meer bei Gresye, und hat mir das Leben gerettet, damals als das Schreckensbeben in Sekunden Hunderttausende von Menschen dahinraffte. Ich überlebte und beschloss, inskünftig für meine Retter zu leben.

Indessen verging ersten Lachern das Lachen, denn täglich treffen Geschenke ein, Bleistifte, Farbstifte, Kreide, Papier und Kleider, schon zweimal war ein Fotokopiergerät dabei, das haben wir jetzt in Reserve. Es gibt nämlich unten noch keinen Strom. Alles von Einheimischen die es selber nötig haben, von Hilfswerken und Behörden gibt es gelegentlich wenigstens einen Besuch oder das Versprechen eines solchen. Die Schule ist zur Zeit beim Anmeldungsprozess im Ministerium! Wir bleiben zuversichtlich.

Seit 25 Jahren baue ich an meiner Internet-Seite „Swissfot“, damals noch ein Schweizer Fotoportal. Aus Lust und ohne Gewinnabsicht. Tausende von Links sind dazu gekommen, und die Inhaber der Firmen scheinen das zu schätzen. Denn sonst würden sie nicht meine Adresse suchen, mir schreiben und um Aufnahme von Klicklinks zu ihren Bewegungen und Ideen bitten. Ich habe das stets gratis geleistet, aus Freude und Lust. Swissfot wurde zu einem beachteten Kulturportal. Meine letzte Idee war, das weiterhin gratis zu tun, aber als Gegenleistung freiwillige Geldspenden für unsere Schule zu erbitten. Und siehe da: erste Zusagen sind eingetroffen!

Reklame im Internet ist widerlich und aufdringlich, ich versuche sie sympatisch zu machen, humanitär, dienlich für einen guten Zweck. Und erst noch freiwillig. Falls du selber mitzureden hast in so einer Gruppe, deren Ziele nicht daneben liegen, bitte ich um eine Zuschrift, wir werden den Weg finden. Mit oder ohne Erwähnung, je nach Wunsch. Wichtig ist nur eines:

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Die exklusive Haiti-Kolumne im latina press Nachrichtenportal von Otto ‚Swissfot‘ Hegnauer. Der ehemalige Lehrer lebt seit mehreren Jahrzehnten auf Haiti und berichtet exklusiv von seinem täglichen Leben auf der Insel Hispaniola.

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    Klaus & Dagmar

    Lieber Otti, zuallererst Dir Alles Gute zu Deinem runden Geburtstag.
    Sollen Deine Wünsche sich zu zufriedenstellenden Tatsachen auswachsen. Ja, den obigen Artikel konnte ich sehr gut nachvollziehen.
    Wir danken Dir für Deine Schreibwut und -kunst. — Gruss v.Dagmar und Klaus. ( Am 12. Jan. geht’s zur V.-Ausstellung, mitsamt Vortrag über die Zukunft derselben )

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