Auf Tigerjagd in Haiti

Papiertiger

Datum: 10. Januar 2012
Uhrzeit: 00:46 Uhr
Leserecho: 1 Kommentar
Autor: Otto Hegnauer
Sprachkurs Spanisch (Südamerika)

Tigergeschichten hatten wir ja schon. Wenn es in Haïti auch nie Tiger im Zoo und in Freiheit gab, in der östlichen Schwesterrepublik Dominikanische Republik gab es beides. Ja, auch in Freiheit. Wie lange, wissen die Götter. Denn um den Ausgebrochenen wurde es plötzlich still. Wahrscheinlich, um den Tourismus nicht noch ganz abzuwürgen.

Umso mehr ist in Haïti (bei den Verbildeten hautfarbneutral) ein anderer Tiger ausgebrochen, der Papiertiger. Und der ist ebenso gefährlich. Er frisst nicht nur kleinere Tiere (da müsste er in Haïti verhungern), sondern alles, was sich ihm in den Weg stellt. Geduld, gute Ideen, grosse Spenden und kleine Schulen.

Dass man als Schule einheimisches Personal braucht, sonst geht gar nichts, mag ja noch angehen. Das haben wir ja auch, ausschliesslich. Dass dieses fachmännische (oder -frauliche) Berufsausbildung bräuchte, ist verständlich aber so theoretisch wie etwa die 1500 Psychologen, die der Präsident nach dem Goudou-goudou für das Volk benötigte. Die es gar nicht gibt, oder nur englischsprachig.

Auch da unten auf dem Schluchtgrund in Lakou-Mango gab es keine Strasse, keine Schule und keine Diplomierte. Aber 50 Kinder, die im Freien herumlungerten – „auf der Strasse“ kann man ohne solche vielleicht nicht sagen. Ihren Müttern war egal, was es nicht gab – sie wollten eine Schule für ihre 50 und basta – jetzt sind es sogar 100, die zweiten 50 haben noch keine. Meine Pflegerin Melissa sammelte die Geburtsurkunden – die nicht alle haben – und drei intelligente Frauen, die sich als Lehrerinnen zur Verfügung stellten. Und Dorfbewohner, auch Undiplomierte, die Möbel und Tafel schreinerten, ebenfalls gratis. Und die Gratis-Wasserträger, Farbstift- und Papierspender, und das Schulhaus, das eigentlich vom Fahrer des Taptaps, das oben auf der Brücke stand, gebaut wurde und bewohnt werden sollte. Wir haben ihm einen Vertrag abgerungen, damit er uns die Bauruine für 2 Jahre gratis zur Verfügung stellt. Unser Schulhaus. Bis dann, so hoffen wir, sind einige Spenden gekommen, und wir können uns etwas Besseres leisten.

Diplome und andere Vorschriften sind uns egal. Geschenke kann man ja nicht vorschreiben. Und wir machen vorwärts. Entgegen dem hohen Offiziellen, der in der UNO sitzt und Pläne begutachtet. Pläne der Weissen, die Millionen und Milliarden verschlingen. Sicher nachhaltig, das muss man ihnen lassen. Er hat sich auch gemeldet und uns – aus papierverständlichen Gründen, jede Hilfe verweigert. Ich sollte meine Frauen zuerst in ein Seminar schicken (ps. die hätten nicht einmal eine Zulassung mit ihrer „Ausbildung“) und mir eine Adresse gegeben, damit ich sehe, was ein Seminar sei und wie man es betreibe.

Schon wir haben als Seminarstudenten – das war in den 50er Jahren – unserem Seminar den Spitznamen „Schmarren“ verpasst. Also nehmen wir den Schmarren der Weltorganisationen und Neumilliardäre unter die Lupe und stellen da tatsächlich nichts als Nachhaltigkeit fest. Studenten und Gutgläubige aus entwickelten Ländern bauen in Ferienfron Fundamente und Betonplatten, auf denen dereinst der richtige Schmarren stehen und wirken soll. Dann werden die heutigen Lehrerinnen nicht mehr einsatzfähig und die Knirpse ausgewachsene Analphabeten geworden sein. Die Planer denken nur an Nachhaltigkeit und Zukunft, aber vergessen dass es auch eine Gegenwart gibt.

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Die exklusive Haiti-Kolumne im latina press Nachrichtenportal von Otto ‚Swissfot‘ Hegnauer. Der ehemalige Lehrer lebt seit mehreren Jahrzehnten auf Haiti und berichtet exklusiv von seinem täglichen Leben auf der Insel Hispaniola.

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  1. 1
    Tobias

    vielen Dank für diesen Beitrag, der mir aus dem herzen spricht!

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