Haiti: Damenbesuch mit 80

Dinde

Datum: 12. Januar 2012
Uhrzeit: 17:28 Uhr
Leserecho: 0 Kommentare
Autor: Otto Hegnauer
Sprachkurs Spanisch (Südamerika)

Heute vor einem Jahr geschah das Ungeheuerliche. Ich habe mir lang überlegt, wie seines zu gedenken wäre, und fand, geweint und gebetet sei jetzt genug und mein damals gefasstes Motto „Schmunzeln fördert das Leben, Weinen den Tod“ scheint absolut richtig zu sein. Zu viel der Trümmer, genug der Tränen. Ich suche etwas zum Schmunzeln. Ich erlebte eine Schmunzelgeschichte, wahr wie immer und schrieb sie gleich auf.

Damenbesuch mit 80 ist doch zum Schmunzeln, nicht wahr? Eher selten. Umso grösser die Neujahrsüberraschung, dass das jugendliche Dinde-Fräulein gleich seinen Bräutigam mitgebracht hat. Am Jahresende trifft man sich in der Grossfamilie. Bei Mystals war dies nicht in den Schwarzen, sondern in den Fernen Bergen von Tibouron, dort wo der liegende Zeigfinger der linken Hand geradwegs auf Old Wild West hinzeigt. Wo in Haïti heute noch alte Indianer ihr Unwesen treiben wie schon dazumal. Die Mystals nahmen mich mit, per Pferd in die Berge.

Ja, es gibt da stotzige Berge, krachende Wasserfälle, kristallklare Seen, Adler, Kolibris und Riesenlaubfrösche. Aber keinen Strom und kein Internet, 10 Tage lang. Die Schweizer Freunde hirnten schon ob man da einen Heli schicken könnte / sollte (doch es gibt hier mehr solche als in der Schweiz). Und die Hiesigen, Jungen, Mädel und Ausgestängelte, pflegen auf feurigen Pferde- und Mulirücken (Maultiere) um die Wette zu reiten. Im Galopp hangauf und hangab, und zwar ohne Sattel und solches Zeug. Auch Melissa, meine Begleiterin, erzählt noch stolz von Reitersiegen auf ungesattelten Rossen.

Geschlafen wird in einer der zahllosen Flechthütten am Boden, man ist sich das gewohnt. Draussen mischen sich Haustiere und Wildtiere zu kunterbuntem Durcheinander und Hühner und Enten flattern am Himmel und schlafen auf Bäumen, oder verbotenerweise sogar drin in der Hütte. Die Dinde (Truthähne) werden hier mit «Goulou-goulou» an die Krippe gerufen und ich habe das Lautmuster flugs zu «Gourou-gourou» verdreht. Ich erschrak nicht wenig, als sich schwupps Papa Dinde hoch erhobenen Hauptes mit langem purpurnem Schal herauf aufs Bett getraute und gleich noch Mama Dinde mit himmelblauem Seidenhalstuch hintennach tuckerte. Echt königlich und im Gegensatz zu Normal (was es ja hier ohnehin nicht gibt) vertrieb ich die gekrönten Häupter nicht gleich von meinem vorenthaltenen, einzigen Bett, sondern harrte gespannt den Dingen, die noch kommen sollten.

Und es kam, es konnte ja nicht anders. Das Gespräch konnte beginnen. Am Anfang gourou-gourou-gourou-gourou-gourou, genau fünf mal in selber Folge von Tönen und Abständen, später konnte man sich denn zunehmend auch Freiheiten erlauben, auch etwas Fantasie. Das erste Gespräch dauerte ziemlich lange. Wenn ich es nicht abgebrochen hätte, würde es wohl heute noch andauern.

Jedenfalls hatte sich eine neue Beziehung entwickelt. Sogar eine Gewohnheit. Denn die Tiere kamen mich jetzt jeden Tag besuchen, mich und das Gespräch. Und eines ist sicher: Auch ich hatte meinen Spass. Und es wurde noch besser.

Denn jetzt wurde mir ewig verwöhntem Blanc das Bett überlassen, direkt unter den Pfetten mit einem bezugsbereiten Sarg gelegen. Aber der stand schon hier, als ich das Bett zum erstenmal erkletterte; das war vor 20 Jahren. Er steht immer noch, allzeit bereit.

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Die exklusive Haiti-Kolumne im latina press Nachrichtenportal von Otto ‚Swissfot‘ Hegnauer. Der ehemalige Lehrer lebt seit mehreren Jahrzehnten auf Haiti und berichtet exklusiv von seinem täglichen Leben auf der Insel Hispaniola.

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