„Die Schweizerische Landesverteidigung“ ist wurmstichig

Landesverteidigung-1

Buch Landesverteidigung
Datum: 16. Oktober 2009
Uhrzeit: 07:04 Uhr
Leserecho: 0 Kommentare
Autor: Otto Hegnauer
Sprachkurs Spanisch (Südamerika)

Landesverteidigung-1In meinem Haus entdeckte ich an Böden und Wänden braune Schnüre, die aber starr und mir langezeit unerklärlich waren. Die Schnüre wuchsen, aber nur nachts. Auf den Böden des Hauses entdeckte ich mehr und mehr, und jeden Morgen waren sie länger – man sah nicht warum, entdeckte nie einen Urheber. Wenn ich den Schnüren folgte, wie einst Ariadne ihrem Faden, führten sie kilometerweit durch Palmhaine und Gärten zu Termitenburgen, Kartonnestern auf Palmen und unterirdischen Erdnestern, und in die Häuser der Nachbarn. Die Festungen waren untereinander durch ein unter- und überirdisches „Strassennetz“ verbunden, die unterirdischen Strassen führten durch Unterputz-Installationen und Kabelkanäle und fabrizierten Kurzschlüsse, die „oberirdischen Strassen“ waren überwölbt und bestanden aus künstlich geschaffenen Röhren, den „braunen Schnüren“.

Ich habe nie eine Termite gesehen, nur ihre Zeugnisse. Termiten arbeiten nur nachts und unternehmen dann auch weite Wanderungen. Sie lieben die Dunkelheit, deshalb bauen sie ihre Tunnelsysteme zwar nachts, aber „im Tagbau“. Im Innern bleibt es dunkel, auch am Tag, wenn die gefrässigen Heerscharen in endlosen, wohlorganisierten Kolonnen unterwegs sind.

Die Termitenbauten, Tunnels und Burgen bestehen aus Ton und versteinern. Die Burgen sind fensterlos, damit es innen dunkel bleibt. Sie sind voller Zellen und Gänge, von denen erstere als Brutkammern, letztere zur Kommunikation zwischen den Teilen des Baues und zur Verbindung unter Siedlungen und Völkern dienen.

Termiten sind gefrässige aber interessante Kerle. Sie leben in sozialen Staaten mit Millionen von Bürgern und sind in Gruppen und „Kasten“ organisiert. Neben dem Königspaar gibt es Soldaten und Wächter, männliche und weibliche Arbeiter, Pfleger, Bauarbeiter und Verpflegungstruppen. Würde mich nicht wundern wenn es auch noch Polizisten und Blauhelme gäbe. Mit ihrem großen Kopf und den kräftigen Kiefern schützen sie den Bau vor Ameisenangriffen. Denn die Ameisen sind ihre ärgsten Feinde. Termiten- und Ameisenvölker leben untereinander im Kriegszustand, sie sollen gar gegeneinander zu Felde ziehen. Es soll unter den Termiten Viehzüchter und Ackerbauern geben. Als Vieh züchten sie geeignete Feinde wie Ameisen, auf den „Äckern“ kultivieren sie Pilze und düngen die mit vorverdauter Nahrung und ernähren sich von diesen.

Die Nahrung der Termiten besteht aus Cellulose, die sie mit Hilfe von Mikroben aufschließen können. Sie dringen in Heerscharen in menschliche Wohnungen und zerstören alles was nach Holz riecht. Sie zerfressen dasselbe von Innen her völlig, verschonen aber die äußere Haut, so dass Hohlhäute, scheinbar unversehrte Gegenstände, fast möchte ich sagen „Zombies“, entstehen und bei geringster Erschütterung zusammenbrechen und nur Staub übrigbleibt. Das ist mir am Anfang mit der hölzernen Haustür passiert, die war plötzlich nicht mehr, und am Boden lag nur noch Sägemehl. Ihr kreolischer Name ist treffend, bedeutet doch“Poud-Bwa“ französisch „Poudre de Bois“ und deutsch „Holzpuder“. In der Schweiz liess ich dann neue Haustüren bauen aus Aluminium und Drahtglas, das mögen sie nicht.

Sie begannen auch meine „Napoleon-Bibliothek“ zu zerstören, ein wertvolles Erbstück meines Vaters. Sie stammt noch aus der Zeit Napoleons, dieses menschlichen Termitengenerals, der auch die Schweiz besetzte und Haïti in Panik und Schrecken versetzte – gigantische Festungen zeugen davon ( La Citadelle & more ). Der Transport dieses Möbels in mein Haus in Haïti war weder einfach noch billig. Obschon aus trompetengold-dekoriertem Tropenholz, das angeblich termitenresistent sein soll, haben die Untiere einige Stützwände ausgehöhlt, bis diese die schweren Kristallglastablare mit ihrer Bücherlast nicht mehr tragen konnten und zusammenbrachen. Es war schwierig, in diesem Land Kunstschreiner zu finden, die das alte Holzwerk anständig reparieren und die historischen Gläser ersetzen konnten.

Auch Bücher mussten dran glauben. Die Termiten schreiben zwar keine, aber sie scheinen zu lesen. Ich sage „scheinen“, denn in Wirklichkeit fressen sie das Papier, das bedruckte oder das unbedruckte, sie machen keinen Unterschied und kennen keinen Respekt vor dem Inhalt, nicht einmal vor der grimmigen Schweizer Armee. Denn ich hatte auch einen Schunken „Die Schweizerische Landesverteidigung“, Verlag Gottfried Schmid, Zürich XXXX. Die Termiten interessierten sich sehr dafür, sie hatten gehört, dass auch Schweizer Soldaten grosse Festungen auspuddeln, seit hundert Jahren, von denen konnte man etwas lernen, vielleicht. Die sollen ganze Berge aushöhlen, mit Tunnelsystemen, hunderte von Kilometern lang. Wie die Termitensoldaten und -Arbeiter. Bei den Termiten führen die Tunnelsysteme bis in die Bücher. „Die Schweizerische Landesverteidigung“, war so ein Buch.

„Die Schweizerische Landesverteidigung“ war dick, und das Lesen dauerte den Soldaten zu lang. Sie konnten ja auch besser fressen als lesen, die Termitensoldaten und die ( meisten ) Nicht-Termiten. „Die Schweizerische Landesverteidigung“ ist manchmal auch historisierend. Sie geht bis Morgarten und Sempach zurück. Als Ameisen und „Nachbarn“ rundum die Schweiz bedrohten, war sie berechtigt. Mit dem Feindbild gegen die Nachbarn und dem Militärdienst-Obligatorium für jedermann baute das kleine Land eine unglaubliche Militärmacht auf, die zum Glück nie zum Einsatz kam. „Bewaffnete Neutralität“ pflegte man zu sagen. In den schlimmen Zeiten hat das die Schweiz vor dem Schlimmsten bewahrt, „Verteidigung durch Abschreckung“ lautete ein anderes Schlagwort.

Als „Europa“ wurde, funzte das Feindbild gegen Nachbarn nicht mehr, die Nachbarn wurden jetzt Freunde. Mit zu Europa zu gehören wurde für viele ein Ziel. „Die Schweizerische Landesverteidigung“ bekam Antiquitätswert, wurde zu einem Buch, „Verteidigung durch Abschreckung“ wurde Foklore. Das Buch habe ich mitgenommen nach Haïti. In der Meinung, später zu lesen, wie es einmal war, früher „daheim“. Ich habe ja auch schon Jahre verbracht in dieser Truppe, unbezahlt und unfreiwillig.

Heute ist „Die Schweizerische Landesverteidigung“ angefressen, auf allen Seiten. Von Würmern, die hier „Poud-Bwa“ heissen und keine Würmer, sondern Termiten sind. Und alles, aber auch wirklich alles fressen – die haben vor gar nichts Respekt, nicht einmal vor der „Schweizerischen Landesverteidigung“. Mir haben die gefrässigen Kerle die halbe Bibliothek hohlgefressen, einem Freund haben sie seine mitgebrachten, geliebten Bilderschätze zerstört.

Durch die Kabelkanäle – sie ins Haus gedrungen, von Steckern und Schaltern aus haben sie mit ihren eigenen Kanälen verlängert, viele Meter langen künstlichen Tunnels, durch die ihre Heerscharen auch tagsüber im Dunkeln hin und herziehen können, ohne dass man je einen einzigen Soldaten zu Gesicht bekommt. Von den Offizieren zu schweigen.

Die Termiten sind auch intelligente Techniker. Sie bauen selbst Kühlsysteme und Klimaanlagen. Ob sie sich demnächst sogar ans Internet wagen ? Vielleicht läuft dann die Verbindung besser. Durch die hinterlassenen Spuren, auch an der „Schweizerischen Landesverteidigung“ und anderen Büchern, fabrizieren sie eine Art Patina und geben selbst Armeen ein antiquarisches Aussehen. Antiquitäten werden gesucht und bezahlt. Sie verhelfen ihrer Beute so vielleicht zu einem Mehrwert.

Um Missverständnissen vorzubeugen, betone ich, dass ich nur von dem BUCH „Die Schweizerische Landesverteidigung“ gesprochen habe, keineswegs von seinem Inhalt. Ich bin ja schliesslich kein Termit und habe den wohlverdienten Respekt vor Armeen allgemein, und vor der schweizerische Landesverteidigung speziell. Für mich sind die „Poud-Bwa“ mit ihrer Fresserei ein Symbol der Vergänglichkeit. Selbst wir werden vielleicht einst von Würmern gefressen, da wir keine Pharaonen sind.

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Die exklusive Haiti-Kolumne im latina press Nachrichtenportal von Otto ‚Swissfot‘ Hegnauer. Der ehemalige Lehrer lebt seit mehreren Jahrzehnten auf Haiti und berichtet exklusiv von seinem täglichen Leben auf der Insel Hispaniola.

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