Haiti: Sprache braucht Hardware, Software und Geist

Datum: 17. Januar 2012
Uhrzeit: 12:07 Uhr
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Autor: Otto Hegnauer
Sprachkurs Spanisch (Südamerika)

Sprache ist eine Information, die beim Rezipienten als Sinneswahrnehmung ankommt und einer Reaktion als Antwort besarf. Es kann sich dabei um gehörte, gesehene oder andere Informationen handeln. Im Gegensatz zu früheren Äusserungen glaube ich heute nicht mehr, dass dies einen Mitteilungswert bedingt. Die Signalaussendung kann beim „Sender“ ohne Absicht erfolgen, eine Aktion, damit kommt „Sprache“ erst beim Rezipienten durch eine Reaktion zustande. „Flucht der anderen“ nach einem Murmeltierschrei, der meist eine Gefahr anzeigt. Nach einem Warnschuss oder Sirenengeheul geht man in Deckung.

Sprache braucht Hardware, Software und Geist. Beim Murmeltier ist die Hardware die Kehle (deshalb ist es ein Schrei und kein Pfiff!), die Software der Schrei und der Geist. Der fehlt wohl in diesem Fall. MIT Geist entsteht, je nach Quantität, „Sprache“ in veredeltem Sinn, Verständnis, mit der Fähigkeit, „ebenbürtig“ zu reagieren. Ansonst könnte man von einer Fremdsprache sprechen, in ethnologisch-geografischem, oder technisch-sozialem Sinn. Fremdsprachen kann man lernen, hier ist das biblisch-babylonische Syndrom angesiedelt, das auch in modernen Gesellschaften eine Rolle spielt.

Hörsprache begann auf der Ebene der Interjektionen, vorerst ohne Mitteilungswert. Hier in Haïti sind Interjektionen noch sehr üblich. Zum Beispiel ein „aaaaaaaaaaaaa“ tief beginnend, hochziehend, als Ausdruck des Erstaunens, der Verwunderung. Von den nordamerikanischen Indianern kennt man „uff“, von den heutigen modernen Menschen „hoppla“, „wow“ und von den Religionen Beschwörungs- & Zauberrufe wie „halleluja“, die in Haïti besonders üblich sind. Zu Zeiten der Tontonmakuts war die Bespitzelung lebensbedrohend, selbst innerhalb der Familien, und es entwickelten sich Geheimsprachen unter Vertrauten. Zum Beispiel bedeutete „douxoudou“ etwa „ihr könnt hier ohne Lebensgefahr und offen sprechen“. Ein stummes „Synonym“ waren in der „Fingersprache“ ein über den Zeigefinger verschränkter Mittelfinger. Bekannt ist auch die Daumensprache, wohl die einfachste Mitteilungsform. Die verwenden sogar die Piloten. Es gibt nur +/-, affirmativ/negativ. Die enorme Bedeutung der „nonverbalen“ und „Braille-Sprachen“ sind ja genügend bekannt, sodass ich dazu nichts beifügen will.

In Haïti konnte und kann ich über „echte Tiersprache“ sowohl über als unter dem Bett sinnieren, da habe ich Erfahrung! Über dem Bett sind es die feinen Gackerstimmchen der Geckos, die wir kaum hören können und die meisten auch nicht hören, mit denen die Geschlechtspartner aber immerhin zueinander finden und einander „antworten“. In Gresye, wo ich bis zum Erdbeben ein prächtiges Haus bewohnte, lag unter dem Schlafzimmer ein Doppelboden, einstmals eigens für Tiere gebaut, und hier wohnte viele Jahre ein Eulenpaar, prächtige, tropische Schleiereulen. Die hatten regelmässig Babys, immer deren zwei, die die ganze Nacht im Chor um die Wette kreischten, damit die Eltern nicht vergessen sollten, wie hungrig die jungen Hakenschnäbelchen waren. Die Eltern antworteten denn gelegentlich auch mit einem schrillen, langgezogenen Schrei, der wohl bedeuten solllte „Jaaaa, wir kommen!“

Fast identisch bei den Steinadlern im Bündnerland, die ich öfters in Hängeverstecken mitten in Felswänden begleitete und bis zum Ausflliegen filmte und beobachtete. Die Steinadlerbengel – stets auch zwei – hüpften quirlig von einen Bein aufs andere und schrien so laut sie konnten, bis Papa oder Mama mit einem Murmeltier in den Krallen anrauschten und bestenfalls einige Minuten blieben, um vor dem nächsten Jagdausflug auszuruhen oder mit den Kindern zu „schwatzen“.

Wenige „Tiersprachen“ durfte ich im Laufe meiner langjährigen Erfahrungen ein bisschen verstehen lernen. Aber als meine Wettinger Seminarklasse zu Besuch war, fuhren wir mit einem Katamaran auf die Insel Gonaves hinaus und durften unterwegs eine Walschule und viele Delfine beobachten, zwei unvergessliche Erlebnisse. Mein Freund, er wurde als „bester Kenner und Captain der Karibik“ bezeichnet, stand in Kontakt mit einem US-Zoologenteam, das einen Wal im Forschungsschiff ständig begleitete und behauptete, seine Sprache zu verstehen. Er kommuniziere angeblich mit einem Partner im Mittelmeer, tausende von Kilometern weit entfernt.

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Die exklusive Haiti-Kolumne im latina press Nachrichtenportal von Otto ‚Swissfot‘ Hegnauer. Der ehemalige Lehrer lebt seit mehreren Jahrzehnten auf Haiti und berichtet exklusiv von seinem täglichen Leben auf der Insel Hispaniola.

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