Ich beginne noch einmal bei Null

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Datum: 05. Februar 2010
Uhrzeit: 22:19 Uhr
Leserecho: 0 Kommentare
Autor: Otto Hegnauer
Sprachkurs Spanisch (Südamerika)

In Haiti klappert und scheppert es, in Santo Domingo schüttelt es „nur“. Das Rumoren ist in der ganzen Karibik und im angrenzenden Nord- und Südamerika zu spüren. Angst und Schrecken herrschen allenthalben, und heute, drei Wochen nach dem großen Ausbruch, bebt es immer noch. Hört das denn nie auf.

Glücklicherweise war ich außer meinem Haus in Gressier, als es begann. Zum Auswechseln der Kupplung, bei Melissa – sie wohnt in der Nähe der Stadt, in den Schwarzen Bergen, von wo aus man den Grabenbruch mit Hauptstadt und Flugplatz prächtig überblickt. Die Fernsicht ist allerdings durch Staub und Dunst getrübt, aber heute da galt die berühmte Ausnahme von der Regel. Es war so klar wie noch nie. Ich rief sogar Melissa und machte sie auf die seltene Stimmung aufmerksam, und knipste noch ein Foto, das letzte.

Denn Minuten später krachte es, ich klemmte zum Glück Laptop und Täschli unter den Arm und stürzte treppab ins Freie. Mit stürzten auch Blöcke, der 4.Stock war ausgebrochen. Ein Blick hinunter wo ich eben noch die Prinzenstadt geknipst hatte, zeigte ein schreckliches Bild: Tal und Häuser waren unsichtbar, in einem braunen Meer von Staub ertrunken. Auch statt des nahen Pétion-Ville sah man nur noch eine Staubglocke. Was war wohl mit den Millionen von Menschen, die da unten gewohnt hatten?

Vom einstigen Wahrzeichen der Prinzenstadt, dem Präsidentenpalast, bleibt ein Ruinenfeld. Kuppeln, Dächer sowie die oberen Etagen des Gebäudes mit den Räumen des Präsidenten René Préval sind eingestürzt. Zum Glück überlebte dieser das Beben, aber zahlreiche Politiker und andere bekannte Persönlichkeiten wurden getötet.

Die Kathedrale Notre-Dame de L’Assomption war ein anderes Wahrzeichen der Prinzenstadt. Sie wurde zwischen 1884 und 1914 erbaut. Die alte Kathedrale von Port-au-Prince und Mutterkirche des Erzbistums war noch mit Stroh gedeckt und fiel bereits in den 90er-Jahren Brandstiftern zum Opfer. Durch das derzeitige Erdbeben brach die neue Kirche in sich zusammen. Neben dem Dach des Kirchenschiffs stürzten auch die Kirchtürme ein. Dabei starb der Erzbischof von Port-au-Prince, Joseph Serge Miot.

Wegen seiner Größe gibt es in der Hauptstadt Port-au-Prince und seinen Vororten die meisten Todesopfer und die meisten Opfer des Bebens durch Wohnungsverlust und Verletzungen. Nicht nur Hoch- und Geschäftshäuser, wie an der Kreuzung von Rue Pavée und Boulevard Jean-Jacques Dessalines, sondern vor allem die schwach gebauten riesigen Slums wurden vielfach dem Erdboden gleichgemacht. Da sie rundum in Steilhänge verbaut sind, rutschten viele in Erdlawinen ab. Andere verschwanden im Erdinnern.

Im einst fünfgeschossigen Christopher Hotel war das UN-Hauptquartier gelegen. Nicht viel blieb davon übrig, wie auch vom Nobelhotel Montana. Unter den Opfern sind viele Angehörige der UN-Friedensmission. Die genaue Anzahl ist ungeklärt, die Vereinten Nationen konnten bis Ende Januar 84 Todesfälle bestätigen, sowie 30 Verletzte und 44 Vermisste. Betroffen waren Blauhelm-Soldaten und Polizisten aus über einem Dutzend Ländern sowie Dutzende von zivilen Mitarbeitern. Bereits in den ersten Tagen nach dem Beben wurde bekannt, dass der Leiter der Mission und UN-Sondergesandte für Haiti, der Tunesier Hédi Annabi, sowie sein Stellvertreter, der Brasilianer Luiz Carlos da Costa und der Leiter der internationalen Polizeieinheiten, Doug Coates von der Royal Canadian Mounted Police, beim Einsturz getötet worden wurden.

Die am schwersten betroffene Stadt ist Léogâne, 30 Kilometer westlich von Port-au-Prince mit einem Zerstörungsgrad von mehr als 90 Prozent. Sie war Hauptstadt der für mein Wohngebiet zuständigen Provinz und dem Epizentrum unmittelbar benachbart. Deshalb sind hier auch über 10’000 Tote zu beklagen. Die Schweiz ist mit anderen Hilfsorganisationen daran, hier ein großes Spitalzentrum aufzubauen. Das Angebot, mit der Errichtung eines Internet-Zentrums zu helfen, kam leider zu spät, da ich bereits nach Santo Domingo evakuiert war und hier immer noch warte.

In der Schweiz hatte ich einst drei Häuser besessen, wovon eines in Bahnhofnähe einer Stadt. Aus dem Verkaufserlös baute ich mir hier, gleich an der Küste von Gressier, mein Altersparadies, heute nur noch ein Trümmerfeld. Aber ich habe noch mein Leben, und bin unverletzt – ich weiß nicht, wie ich das verdient habe. Und ich habe fast zwanzig Jahre in dem Paradies gewohnt.

Ich erhielt für den 12.Februar einen Sitzplatz in einem Flugzeug nach Zürich, einen Monat nach dem Inferno. Ich hatte das schwerste Erdbeben seit 400 Jahren erlebte, das Epizentrum gleich hinter dem Haus. Nach Schätzungen des IKRK sind drei Millionen Menschen davon betroffen, dies entspricht einem Drittel der Bevölkerung. 200’000 Tote wurden bisher gefunden, eine unbekannte Zahl liegt noch unter den Trümmern. Drei Millionen Menschen sind verletzt oder obdachlos. Die Ermittlung genauerer Opferzahlen erweist sich als schwierig, weil viele der Opfer nicht identifiziert und ohne genaue Zählung in Massengräbern verscharrt oder von Angehörigen an Ort und Stelle begraben wurden. Präsident und Regierung sind außer Kurs, die UNO hat das „Kommando“ einem Einzelmann, Bill Clinton übergeben.

In ein paar Wochen werde ich wieder kommen und versuchen, nochmals bei Null zu beginnen. So wie das Land Haiti. Vielleicht diesmal mit einem kleinen, einfachen Häuschen.

Photo ©: Otto Hegnauer/latina-press

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Die exklusive Haiti-Kolumne im latina press Nachrichtenportal von Otto ‚Swissfot‘ Hegnauer. Der ehemalige Lehrer lebt seit mehreren Jahrzehnten auf Haiti und berichtet exklusiv von seinem täglichen Leben auf der Insel Hispaniola.

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