Die letzten Feuersäulen

lavigie

Datum: 06. Februar 2010
Uhrzeit: 09:20 Uhr
Ressorts: Haiti, Natur & Umwelt
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Autor: Otto Hegnauer
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Im Süden der Insel Hispaniola, die sich Haiti und die Dominikanische Republik teilen, liegt das Karibische Meer, das die Insel von Südamerika trennt. Im Karibischen Meer liegt unter Wasser eine wichtige tektonische Einheit, die etwa 3’000’000 Quadratkilometer große Karibische Platte, die an die Nordamerikanische und die Südamerikanische Platte grenzt. An diesen Grenzen kommt es zu „Grenzkonflikten“ wie an der politischen Grenze, zu Aktivitäten wie häufigen Erdbeben, Tsunamis und vulkanischen Ausbrüchen.

Der größte Teil des Karibischen Meeres, das im Kaimangraben fast 8’000 m tief ist, befindet sich jenseits des Grabens auf der Nordamerikanischen Platte. An der Reibungszone der Nordamerikanischen mit der Karibischen Platte bildete sich eine Vulkankette, die im Norden mit ihrer Aktivität begann und sich im Laufe der Erdgeschichte nach Süden verlagerte. Es bildeten sich die karibischen Inseln zuerst im Norden, beginnend vor 65 Millionen Jahren ( Tertiär ), mit den Großen, bis heute mit den Kleinen Antillen.

So war im Laufe der Inselwerdung auch Haiti, so wie die andern Antillen, Bühne eines intensiven Vulkanismus. Man findet auf der Insel Haïiti heute noch erstarrte Lavaströme, die sich über Dutzende von Kilometern ergossen haben. Die Quellen dieser Ströme waren aktive Vulkane, deren Spuren vielfach verschwunden sind. Besonders zwischen 251 und 65,5 Millionen Jahren waren sie aktiv, während die heutige Insel noch großen teils am Meeresgrund lag. Damals lebten Dinosaurier, Kopffüssler und andere Untiere auf der Erde, die nach einer Theorie durch einen Planetoiden-Einschlag vor 65 Mio. Jahren mit vielen anderen damaligen Tierarten vernichtet wurden, nach einer anderen Theorie hatte das Massenasterben vulkanischen Ursprung.

Der untermeerische Vulkanismus in den Antillen ging weiter. Dass er submarin stattfand, ist an den Lava-Formen erkennbar. Einige Vulkane speiten ihre Erzeugnisse viel später, noch nachdem die Vulkane im Hegau bereits erloschen waren und sich bei uns die Alpen bildeten, während eine Reihe von kalten Eiszeiten und warmen Zwischeneiszeiten abwechselten, in den Tropen waren das Sintflut erzeugende Regenzeiten. Das Klima auf der Erde war damals wesentlich wärmer als heute. Nach dem Massensterben der großen Tierarten entwickelte sich eine neue Tier- und Pflanzenwelt, so wie wir sie heute kennen.

Der letzte Feuerspucker in Haiti ist der Vulkan La Vigie, westlich von Ville-Bonheur / Saut d’Eau. Er präsentiert noch heute die Kegelform mit, Lavaströmen, vulkanischen Bomben und anderen Zeugen. Zwischen den Lavaschichten eingelagerte Sedimentablagerungen wie maritime Kalke beweisen, dass der Berg während sehr langer Zeit aktiv sein musste.

Nach dem Geologen Jacques Butterlin ist La Vigie ein Vulkan des „Strombolischen Typs“, mit Auswürfen von Lavafetzen, Bomben, Schlacken und Aschen. Dies wird durch eine angenommene „Zwei-Phasen-Konvektion“ begründet. Danach war im Schlot drin der Gasdruck größer als der Druck der sich über den Gasen befindenden, zähen Flüssigkeit. Die so entstandenen Gasblasen stiegen auf und rissen beim Zerplatzen an der Oberfläche Magmafetzen mit. Diese Entgasung brachte eine Erhöhung der betroffenen Schmelze mit sich, die nun wiederum absank und somit einen Kreislauf bildete.

Seit einigen hundert Jahren spuckt La Vigie nicht mehr, und es steigen in Haiti keine Feuersäulen mehr gegen den Himmel. Die Erdkruste ist aber immer noch tektonisch labil, und Erdbeben rütteln weiterhin. Sie bilden die Nachwehen des Vulkanismus. Ein bekanntes Beben ereignete sich 1842, als ganze Städte zusammenstürzten. Besonders hart wurde Cap-Haïtien betroffen. Der prachtvolle Königspalast Sans-Soucis wurde völlig zerstört. Seine immensen Ruinenfelder sind heute ein Weltkulturerbe und einer der stärksten Touristenmagnete Haitis.

Die aktiven Feuersäulen haben sich auf die Kleinen Antillen verzogen, die hauptsächlich aus vulkanischem und Korallengestein bestehen. Dort finden sich sechs aktive und elf erloschene Vulkane, von denen der Mt. Pelé, 1297 m, von Martinique durch seinen verheerenden Ausbruch 1902 wohl der bekannteste ist. Teilweise ragen die auf untermeerischen Platten aufsitzenden Kuppen der Vulkankegel über dem Meeresspiegel auf und bilden dann kleine Inseln. Der höchste Gipfel erreicht mit dem Vulkan Sufrière auf Guadeloupe immerhin 1467 m.

Der wildeste und energischste Vulkan ist Soufrière Hills auf der britischen Insel Montserrat südwestlich von Antigua und nordwestlich von Guadeloupe. Der gewaltigste Vulkanausbruch war hier auch schon vor 20’000 Jahren. Die letzten Phasen größerer Aktivität wurden durch 400-jährige Ruhepausen getrennt. Die gegenwärtige Aktivitätsphase kündigte sich seit 1992 durch Erdbebenschwärme an. 1995 wurde bei einem Vulkanausbruch ein großer Teil der Insel verwüstet. Seitdem ist der Berg wieder aktiv und kommt nicht mehr zur Ruhe. Ein Großteil der Insel wurde evakuiert, Die Hauptstadt Plymouth wurde vollständig zerstört. 1997 kamen bei einem Ausbruch 19 Menschen ums Leben. Mehr als die Hälfte der damals 12’000 Einwohner verließ die Insel. Heute leben auf Montserrat noch 5000 Menschen. Öfters muss die Umgebung des Vulkans evakuiert werden. 2/3 der Insel sind aufgrund der Vulkanausbrüche Sperrgebiet. In weitem Umkreis auf See ist ein starker Geruch nach Schwefelwasserstoff wahrnehmbar. Ein Umkreis von 10 Seemeilen gilt als komplettes Sperrgebiet, Die Sperrgebiete wurden zeitweilig vorübergehend gelockert, dann aber wieder gesperrt. 2006 meldet die NASA neue Aktivität, aus einem Krater aufsteigende Rauchsäulen, die mit den Winden westwärts treiben. Seit 2007 ist der Soufrière wieder aktiv. Ein weiterer Ausbruch wird erwartet.

Aus einem Kegel des 914 Meter hohen Vulkans schießt eine Aschenwolke acht Kilometer hoch in die Atmosphäre, also fast bis an deren Grenze. In zehn Kilometer Höhe fliegen Flugzeuge daran vorbei, zum Beispiel die Air France von Gouadeloupe nach Port-au-Prince. Es war ein wunderbarer Anblick, auf den uns der Kapitän gebührend aufmerksam machte und aufpasste, dass er dem Ungeheuer nicht zu nahe „trat“. Der Vulkan pustet Dampf und Gase in die Luft. An der Nordwestflanke des Berges ergießt sich ein Strom von Lava drei Kilometer weit den Abhang hinab. Eruptionen werden von Erschütterungen des Bodens begleitet. Wann der Berg wieder kommt, das wissen nur die Götter, vor allem der Gott der Vulkane, bei den Griechen Hephaistos, bei den Römern Vulcanus.

Die Urgewalt der Vulkane ist die imposanteste aller Naturgewalten. Sie lässt Berge und Inseln entstehen oder verschwinden, schießt Bomben und regnet Steine, macht Fels zu Flüssen, Wasser zu Gas, erschüttert Planeten und ganze Gestirne und kippt ihre Achsen – bleibt aber stets regional beschränkt und ist unbedeutend im Universum.

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