Kolumbien: Mit der FARC lässt sich kaum ein Staat machen

farc

Datum: 15. November 2012
Uhrzeit: 20:59 Uhr
Ressorts: Füllgrafianas
Leserecho: 1 Kommentar
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► Zu den kolumbianischen Friedensverhandlungen in Havanna

Am 15. November werden in Kuba die Friedensverhandlungen zwischen der Regierung und der FARC, die grösste Guerrilla-Bewegung Kolumbiens, fortgesetzt. Der Auftakt dazu fand am 18. Oktober im Hotel Hurdal, am Rande Oslos, statt.

Die Initiative war 2011 von der Guerrilla ergriffen worden. Aus trifftigem Grund: Während der achtjährigen Regierung Álvaro Uribe wurde die Kampfstärke der seit 1964 aktiven FARC von 16.000 Mann auf nahezu die Hälfte zusammen geschossen und bombardiert-, ihre vollzählige Gründergarde – Manuel Marulanda, alias „Tiro Fijo“, Negro Acácio, Raúl Reyes, Alfonso Cano, Iván Ríos und Mono Jojoy – waren in den vergangenen zehn Jahren in Gefechten getötet worden. Die letzte Guerrilla Lateinamerikas scheint eingesehen zu haben, dass der Krieg mit militärischen Mitteln nicht mehr zu gewinnen ist.

Als Ort der Zusammenkunft hatten FARC-Emissäre der seit 2010 amtierenden Regierung Juan Manuel Santos eine Pufferzone auf kolumbianischem Territorium vorgeschlagen, doch Santos´ Unterhändler lehnten ein „zweites Caguán” ab und schalteten die als Konflikt-Mediatorin weltweit respektierte norwegische Regierung ein – so kam es zu Oslo.

Die Warnung vor einem „zweiten Caguán“ hat es auf sich, sie meint die 2002 gescheiterten Friedensbemühungen der Regierung Andrés Pastrana. Ihr Kernstück war eine entmilitarisierte Zone in San Vicente de Caguán, tiefstes Amazonien. Entgegen den damaligen Absprachen überranten die FARC das Niemandsland bar jeder militärischen Kontrolle und errichteten dort ihre uneingeschränkte Herrschaft über Zivilbevölkerung und Wirtschaft – die FARC hatte den Friedensplan verraten, die Kriegshandlungen wurden weitere zehn Jahre fortgesetzt.

Beim vierten Friedensversuch seit 1998 werden diesmal Gespräche über ein 5-Punkte-Programm in Havanna aufgenomnen.

Verhandelt wird über die Einstellung der Kriegshandlungen, eine Agrarreform, die eventuelle Anerkennung der FARC als legale Partei, lindernde Strafmassnahmen für begangene Verbrechen und die Garantie der Nicht-Auslieferung an Drittstaaten. Letzter ist für die FARC ein heikler Punkt, gegen die gesamte Führung liegen im In-und Ausland Haftbefehle vor. „Wanted“, steht über dem Konterfei von Chefunterhändler Luciano Arango, alias „Iván Márquez“, auf der Internet-Seite des Bureau of International Narcotics and Law Enforcement Affairs. Das US State Department bietet 55 Mio. Dollar für Hinweise über Arangos Verbleib. Aber versteckt er sich nicht seit Jahren in Venezuela? Also musste die Regierung Santos eilends den USA eine Jagdpause abhandeln, damit Arango et alii unbehelligt ausreisen durfte – so kam die Guerrilla nach Oslo.

„FARC hat kaum etwas dazu gelernt“

Mit gesunder Skepsis befürworten heute zwei Drittel aller Kolumbianer das aufeinander zugehen der Konfliktparteien. Sollten sie Einigung erzielen, könnte Kolumbien noch vor Jahresende den langersehnten Frieden zellebrieren, nachdem 200.000 Menschen im fünfzigjährigen Zermürbungskrieg das Leben verloren.

Doch das, was sich Arango als Auftakt zum Dialog in Oslo leistete, war eine Absage an elementare Diplomatie. Er schien lange Zeit nach der globalen Bühne gedürstet- und die zwanzigminutige, theatralische Ansprache in seinem fernen Dschungelversteck auf
Betonung und Gestik geprobt zu haben: Vor einer Hundertschar ausländischer Journalisten verliess Arango den leidlich vereinbarten Fahrplan, und ging auf´s Ganze: Der Friede könne nicht nur mit dem „Schweigen der Waffen“ erzielt-, sondern müsse mit einem radikalen „Umbau der kolumbianischen Wirtschaft“ erkämpft werden. Humberto de la Calle, Ex-Vizepräsident und Chefunterhändler der kolumbianischen Regierung, traute seinen Ohren nicht, als Arango die multinationalen Bergbaufirmen, die US-Regierung, die soziale Ungleichheit und selbstverständlich den „Staatsterror“ der Regierung attackierte; eine unredliche Verleugnung des zwar deffekten, doch bemühten kolumbianischen Rechtsstaates und seiner sozialen Unordnung. Doch die stehen jetzt (noch) nicht zur Debatte.

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In seiner wöchentliche Kolumne stellt Frederico Füllgraf aktuelle Themen vor und versucht zugleich, indiskutable Fortschritte in Politik, Bilateralen Beziehungen, Wirtschaft, Soziales, Umwelt und Kultur auf die Spur zu kommen.

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  1. 1
    Martin Bauer

    Ausgezeichneter, sehr informativer Artikel! Vielen Dank!
    Die Ziffer von einer Milliarde $ pro Jahr als Gesamteinnahme aus dem Drogengeschäft allerdings erscheint mir überhaupt nicht hoch, schon gar nicht als „schwindelerregend“. Ich habe zwar selber keine besseren Zahlen, aber wenn, wie berichtet wurde, mexikanische Kartelle der Polizei 800 Millionen $ monatlich an Bestehungsgeldern zahlen, dann sollte „das grösste Drogenkartell aller Zeiten“ im Jahr etwas mehr einnehmen, als die mexikanische Polizei in nur 5 Wochen an Schmiergeld.
    „Laut der Meinungsumfrage Gran Encuesta, vom September 2012, erwarten 78% der Kolumbianer daß die FARC für ihre Verbrechen zur Rechenschaft gezogen werden, doch bezweifeln immerhin 41 Prozent, dass sich die Guerilla überhaupt auf dauerhaften Frieden einlässt.“
    Ich meine, dies ist ein klares Votum des Volkes, die FARC mit Stumpf und Stiel zu eliminieren. Das Drogengeschäft werden dann andere an sich reissen. Doch dieser Konzern des Terrors und Kapitalverbrechen jeder Art kann und darf unter keinen Umständen in die Gesellschaft eingegliedert werden. Die Folgen wären zumindest für die nächsten Generationen katastrophal und unerträglich.

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