Korruption und Vetternwirtschaft

Korruption

Datum: 28. Februar 2010
Uhrzeit: 20:07 Uhr
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Autor: Otto Hegnauer
Sprachkurs Spanisch (Südamerika)

Dezember 1992, meine Pensionierung wird gefeiert. Zum letzten mal in Zürich! Ein Fest in diesem Ausmaß lag in Haiti nicht mehr drin. An meinem Tisch ein paar Politiker und der Sicherheits-Chef, eine ehemalige Polizei Koryphäe. Er bemerkt zu mir „Weißt du, ich kann es nicht begreifen, dass du deinen Frieden ausgerechnet in diesem so korrupten Land finden willst“. Ich brauche nicht zu antworten, denn mein oberster Chef nimmt mir die Antwort vorweg: „Jetzt hör aber auf, du warst so lange wie ich im Nationalrat und weißt, dass es bei uns genau so viel Korruption gibt – nur raffinierter und versteckter als in Haiti oder der Dominikanischen Republik“.

Tatsächlich stehen Haiti und die Dominikanische Republik in der Liste der korruptesten Länder an einer der vorderen Stellen, man kann hier Ausweise, Titel und alles kaufen. Mein bester Freund hatte mir schon vor Jahren erklärt wie billig es hier sei, jemand umbringen zu lassen. Er fürchtete stets um sein Leben und wollte mich damit zur Vorsicht mahnen. Er liebte das Leben wie kaum jemand – jetzt ist er tot, offiziell ein Selbstmord, ich konnte das nie glauben.

Haiti bewegte sich, neue Schulhäuser, Straßen, Brücken, Signalisationen, Ampeln, Stützmauern, Hangbefestigungen, Bewässerungskanäle und andere Bauten waren unübersehbar. Das erzeugte auch Jobs, schon äußerlich erkennbar an den auffallend vielen nigelnagelneuen Autos. Hier stellt sich die Frage, ob sich nicht zu viele Neu-Manager zu viel von dem Kuchen abschneiden. Klar, dass gute Fachkräfte und Projektleiter nicht gratis arbeiten, sondern ähnlich bezahlt werden wollen wie anderswo. Klar, dass die Milliarden nicht einfach verteilt werden an die Armen, so wie es sich viele vorstellen. Sogleich wäre alles versiegt und die Not würde von vorne beginnen.

Milliarden von US-Dollars wurden investiert. Dass viele davon richtig investiert wurden und nicht durch dubiose Projekte und Vetternwirtschaft verpufften kann nur gehofft werden. Das zieht auch Heerscharen von Profiteuren an, die auch an die Gelder zu kommen versuchen. In diesen Tagen erschien ein Artikel in der Presse, der mir zu denken gibt: „Das Elend in Haiti, ein Produkt, das sich gut verkauft“. Es wird gezeigt, dass mehr als 3000 Nichtregierungsorganisationen außerhalb jeglicher Kontrolle des Staates für Haiti sammeln, und dass von den Spenden ein Großteil in der Verwaltung und den Löhnen dieser Organisationen verschwindet und nur Bruchteile zu humanitären Zwecken eingesetzt werden. Dass das Controlling hier besonders schwierig und wichtig ist, ist unabdingbar.

Doch Armut und Hunger scheinen unverändert oder nehmen noch zu. Die Hilfe greift langfristig, vielleicht nach Generationen. Hier muss zuerst tiefverwurzelte, alte Kultur vollkommen geändert, Ausbildung, Bildung, andere Ethik und unendlich viel mehr geschaffen werden. Zu oft glauben die eingesetzten Helfer, man könne einfach fremde (manchmal nicht bessere…) Überzeugungen und Systeme über diese Menschen stülpen und dann gehe es ( zum Beispiel Demokratie… ). Die Helfer sind zwar in der Regel bestens ausgebildet und zu ihrer Zufriedenheit ( z.B. amerikanisch oder europäisch ) bezahlt, was in Haiti bereits als Spendendiebstahl interpretiert wird. Aber ihre Mandate laufen viel zu kurz, sie müssen nach ein paar Jahren das Land bereits wieder verlassen, was nie genügt um die Probleme kennen zu lernen. Und als Ersatz kommen neue, und das Problem beginnt von vorn.

Vetternwirtschaft war schon bei den Römern bekannt. In ihrer Sprache war „Nepos“ die Bezeichnung für einen Neffen. Davon kommt die Bezeichnung „Nepotismus“. Bekannt ist der Offiziersnepotismus der Armeen ( auch der Schweizer ), der Dozentennepotismus der Universitäten oder der Kardinalnepotimus der Bischöfe und Päpste. Vom 15. bis zum 17. Jahrhundert wurden den päpstlichen Verwandten ganze Teilgebiete des Kirchenstaates zu Lehen gegeben, um eigene Fürstentümer zu errichten. Ich frage mich allerdings, ab die geduldete Praxis der Monarchien, Führungsämter zu vererben, nicht auch an Nepotismus grenzt. Monarchen tun jedenfalls gut daran, ihre Prinzessinnen und Prinzen so auszubilden, dass sie auch von der Qualifikation her für diese Posten in Frage kommen.

Nepotismus ist die Besetzung von Posten und Arbeitsplätzen, oder die Einstellung von Arbeitnehmern durch Familienangehörige, mit Familienmitgliedern, Verwandten und Freunden, sofern diese nicht besonders qualifiziert sind. Ich meine dass es keinem Staatspräsidenten oder Arbeitgeber zu verargen ist, besonders bei seltenen Anforderungsprofilen zuerst unter Freunden zu suchen, wo man rascher fündig wird. Eine öffentliche Ausschreibung kann zudem zu langwierig, wenig effizient aber äußerst kostspielig sein. Seriöse Stellenbesetzung bedeutet oft eine Gratwanderung.

Korruption ist auch Bestechung, Entgegennahme von Geschenken und Vorteilen, etwa um einen Auftrag zu erhalten. In „entwickelten“ Ländern mit gerechten Löhnen ist Korruption kriminell und wird bestraft. In anderen Ländern halten sich Inhaber von Führungspositionen schadlos, indem sie Geschenke entgegennehmen um auf ein angemessenes Lohnniveau zu kommen, immer im Vergleich mit ausländischen Kollegen ( sonst gehen sie einfach dorthin arbeiten ). Vor Jahrzehnten hat „mein“ Unternehmen ein marodes ausländisches Unternehmen mit ähnlichen Geschäftsfeldern billig gekauft. Als erste Sanierungsmaßnahme haben die Chefs den dortigen Generaldirektoren gekündigt, die doch fundamentale Kenntnisse der örtlichen Verhältnisse hatten. Wegen Korruption ! Dass das ein Fehlentscheid war, beweist der folgende Verlust in 10stelliger Höhe. Hätte man stattdessen deren Gehälter den eigenen angepasst, denen der CEOS in „entwickelten“ Ländern ( die Diskussion über deren Höhe wäre ein anderes Thema ), ja dann hätte statt des Verlusts meines Erachtens ein mehrstelliger Gewinn drin gelegen. Ebenfalls vor Jahrzehnten habe ich in einem Hotel in Haiti zufällig die Diskussion unter Ministern angehört. Ihre Meinung war, dass für ein gut ausgebildetes Regierungsmitglied, das „nicht mehr verdiene als ein Sekundarlehrer“, die Annahme von Geschenken legitim sei!

Als Reiseleiter war ich in Entwicklungsländern oft mit dieser unangenehmen Erscheinung konfrontiert. Auf einer Exkursion in Kamerun hatte einst ein Gruppenmitglied trotz Aufforderung den Pass nicht bei sich. Eine Polizeikontrolle erwies sich als hartnäckig, und als die Dame ein Hundertdollarnötli zückte und einem Polizisten anbot, wollte sie dieser sogar verhaften. Wegen Bestechungsversuch. Die Situation erschwerte sich; ich hatte in meinem Pass unauffällig ebenfalls ein Hundertdollarnötli versteckt, den Pass unauffällig weitergegeben, und als ich ihn zurück erhielt, war das Nötli verschwunden und wir konnten weiter. Denselben Trick musste ich öfters anwenden, etwa auch, als eine Besserwisserin den Pass auf einen Sansibar-Flug nicht mitgenommen hatte. Obschon ich das ausdrücklich verlangt hatte – sie wollte es besser wissen, da nach ihrem Schulwissen Sansibar ja zu Tansania gehöre. Natürlich waren solche Verhältnisse in speziellen Ländern dem Reiseveranstalter bekannt, und wir Reiseleiter hatten deshalb in unserem Budget einen gewissen, „Allowance“ genannten Freibetrag, der nicht abgerechnet werden musste.

Zuletzt noch ein Erlebnis aus dem Unternehmen, in dem ich von 1981 bis 1994, also bis zu meiner Pensionierung, arbeitete. Wie andernorts entwickelt, hatten wir mit M.I.T ein neues Medium entwickelt und erfolgreich eingesetzt. Die Gattin des CEO von M.I.T pflegte mich mit ihrer Luxuskarrosse auf dem Flugplatz abzuholen, natürlich kostenlos. Ich sparte meinem Unternehmen auf diesem Weg Kosten in vierstelliger Höhe, hätte doch das Taxi pro Weg jedesmal 170 $ gekostet. Meine Spesenrechnungen wurden dadurch erheblich reduziert. Um mich erkenntlich zu zeigen, ließ ich nach Abschluss der Arbeiten der Dame einen großen Rosenstrauß senden, natürlich mit genauer Begründung auf der Rechnung. Diese fiel dem Controlling auf, und ich wurde zum Generaldirektor zitiert. Der war der Meinung, ich hätte das Spesenreglement verletzt und die Rosen als etwas Erlaubtes wie Mittagessen oder ähnlich deklarieren müssen. Ich war da ganz anderer Meinung, da ich stets für die Wahrheit bin und Lügen verpöne. Der Generaldirektor zwang mich zum Lügen! Für mich war D A S unethisch. Die Diskussion war heftig. Ähnliche Erlebnisse hatte ich auch anderswo, etwa im Militärdienst.

Korruption bedeutet „moralische Verdorbenheit“. Aber ich finde, Lügen ist noch unmoralischer und verdorbener!

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Die exklusive Haiti-Kolumne im latina press Nachrichtenportal von Otto ‚Swissfot‘ Hegnauer. Der ehemalige Lehrer lebt seit mehreren Jahrzehnten auf Haiti und berichtet exklusiv von seinem täglichen Leben auf der Insel Hispaniola.

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