Haiti: Übervölkerung – Sinn oder Schwachsinn?

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Datum: 30. Januar 2013
Uhrzeit: 22:53 Uhr
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Autor: Otto Hegnauer
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Einst hatten wir Angst vor den Chinesen. Als ich noch zur Schule ging. Wir glaubten, die überwuchern die ganze Welt, wie ein Krebsgeschwür. Aber die Geburtenregelung mittels Steuerregulierung wirkte Wunder. China bekam das Geschwür in den Griff. Streitpunkt ist nur, wieviel Arbeitskräfte die Wirtschaft braucht, um sie zur tragenden Gemeinschaft zu machen. Das ist der kognitive Teil.

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Und weil sich bei allen Marassa (kréol=Zwillinge) die Gegensätze nicht ausschalten lassen, folgt gleich der affektive Teil. Der Verhütung mit Mord gleichsetzt. Und von den Religionen kräftig unterstützt wird. In Haïti und ähnlichen Kulturen ist man sehr religiös. Und die Abgabe unnützer oder abgelaufener Verhütungsmittel ist schon kriminell, wird aber in diesen Kulturen auch praktiziert. Und Kinder kriegen ist schliesslich ein Bedürfnis und ein Menschenrecht. Gegenwärtig weit weg von einem Bedarf.

Hu ist ein wackliger, langhaariger Chinese, der einige Hütten hinter mir „wohnt“. Hie und da sitzen wir ein bisschen zusammen und diskutieren, heisst schweigen uns an. Denn wenn man sich einig ist, gibt es gar nichts mehr zu diskutieren. Und man schweigt sich an.

Hu ist gleich alt wie ich, und es hat ihn auch nach Haïti verschlagen. Hier kommt er nicht mehr weg. Die chinesische Altersversicherung reicht kaum zum Überleben, die Schweizer nennen die ihre auch „knapp“ – aber hier unterhalten wir immerhin eine Schule und die Sippe damit. Hu wird von einer haïtianischen Sippe getragen, die lassen keinen fallen.

Seine Bücher sind im Kopf geblieben. Wenn er sie geschrieben hätte, könnte ich sie ja nicht einmal lesen. Und ändern würden die nichts. Vor der „natürlichen“ Lösung lebt man ja immer noch in einer „Gemeinschaft“.

Leben die spirituellen Geister in einem Kriegszustand mit den Geistern der Menschenrechte? Sind Menschenleben nur Arbeitskräfte, Instrumente zum Überleben? In gewissen Kulturen hatte sich sogar die Polygamie eingeführt, die potenzierte denselben Zweck. Es waren Arbeitskräfte in Armenlanden, vor allem für die Landwirtschaft, und es war die soziale Absicherung, die Gemeinschaft, die für die schwachen Glieder sorgen musste. Übervölkerung hatte noch eine Rolle. Dann kam der Staat mit seinen Institutionen, und die Übervölkerung hatte ihre Rolle ausgespielt.

Auch Arbeit und Wachstum sind Marassa. Wirtschaft und Glaube auch. Bei den Tieren bringen Völker mit besonders hoher Sterberate mehr Nachkommen hervor als andere. Ist das wohl im Katastrophenland auch so?

Überbevölkerung sei das größte Problem der Menschheit, stellt Wikipedia fest. Die Ressourcen würden langsam knapp. Bis 2050 würden es voraussichtlich bis zu zehn Milliarden Menschen sein, die auf der Erde essen wollen. Essen und arbeiten.

Wenn die menschlichen Geister nicht fähig sind, das Problem durch Kontrolle zu lösen, wird es die Natur lösen. Wie alle Probleme. Aber solche Lösungen sind stets hart. Denken wir nur an die Sintflut, und wieder sind wir beim Glauben …

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Die exklusive Haiti-Kolumne im latina press Nachrichtenportal von Otto ‚Swissfot‘ Hegnauer. Der ehemalige Lehrer lebt seit mehreren Jahrzehnten auf Haiti und berichtet exklusiv von seinem täglichen Leben auf der Insel Hispaniola.

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