Haiti: Der Unterschied zwischen Journalismus und Kolumnismus

Datum: 06. Februar 2013
Uhrzeit: 09:20 Uhr
Leserecho: 0 Kommentare
Autor: Otto Hegnauer
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Bekanntlich kam ich vor rund 30 Jahren erstmals nach Haïti, mit meiner Frau, die mir ihr Heimatland zeigen wollte. Dann entdeckte ich Fremdartigkeit und Zauber hier und blieb schliesslich stecken, es wurde ein schöner Sumpf. Seit über 20 Jahren stecke ich hier fest und verspüre keine Lust, mich wieder zu „befreien“. Jeder ist durch die Dinge fasziniert, die er besonders mag, Frau und Kinder durch Technik und Notenpressen, so blieben sie in Europa, und ich durch Erlebnisse und Abenteuer, so blieb ich natürlich hier.

Journalisten

Und schreibe Geschichten, für alle Lesen können. Versteht sich, stets gratis, und stets sind es meine ganz persönlichen Eindrücke. Was ich immer wieder betone; ich bin keine zielgebundene Informationsquelle, kein Pressebüro der Regierung und keine Touristikförderung. Das ist auch das Privileg des Kolumnisten, seine Gefühle und Geschichten frei erzählen zu dürfen, und so war ich ganz froh, als mich Latina Press und andere anfragten, ob sie meine Erzeugnisse verwenden dürfen. Dies gilt für solche im Internet, das Copyrigth für die Bücher, die ich ebenfalls für die Strassenkinder schreibe, liegt natürlich beim Verlag.

Der Unterschied zu einem „Journalisten“ liegt schon im Namen. Ein „Journalist“ schreibt ein „Journal“, auf deutsch ein „Tagebuch“, und beschäftigt sich mit dem täglichen An- und Abfall, der Aktualität. Journalisten kommen in der Regel mit dem Flugzeug weither und werden meist im teuersten Hotel einquartiert. Da kostet eine Nacht das, wovon eine „normale“ Familie etwa ein halbes Jahr „leben“ müsste, leben „könnte“.

Manchmal auf Kosten der Regierung und anderer „Interessenz“, heisst Stellen, die an der Verbreitung zweckdienlicher Nachrichten interessiert sind. Zudem sind viele per Zeile bezahlt, per „Zeilengeld“, und somit interessiert, möglichst VIEL Zeilen zu schreiben. Und logischerweise lernen sie nicht die „Unterschicht“ und die „Wahrheit“ kennen, sondern das, was ihnen die (im Ausland) „ausgebildeten Akis“ (Akademiker) Falsches auftischen.

Glückwunsch deshalb all den Journalisten, die Informationsquellen von Alteinsässigen gefunden haben. Und natürlich zwischen Interessenz und fundierten Eindrücken zu unterscheiden wissen. Die meisten aber fragen den Taxichauffeur, das Zimmermädchen im Hotel oder GAR nicht, und man sieht sofort, dass sie nur ein oder zweimal und in welchem Hotel übernachtet haben. Die Schilderung der Taxifahrt vom Flughafen bis dorthin ist so lückenlos, dass Kenner ihren Weg genau verfolgen können. Und weil das zugleich der von allen benützte und der bestbehütete Weg darstellt, strotzt in ihrem Bericht „ganz Haïti“ von Panzern und Maschinengewehren, Bettlern und Zeltlagern – oder was „man“ auch immer ausstellen will. Schlimmer, dass das den Weltmedien gefällt, denn jetzt wird es „wahr“ und stracks übernommen.

Und NACH der Journalistenschelte sind sie traurig, erbost oder sonstwie frustriert, und kommen nicht wieder. Was soll man? Ich möchte doch nur ein Steinchen sein im Mosaik von Wahrheit und Welt! Das Steinchen ist da, aber man übersieht es. Die Wahrheit ist, dass man sie übersieht, weil niemand sie kennen will … So schildere ich weiterhin MEINE Wahrheit, vom wunderbaren Volk hier, wie ICH es sehe, nach immerhin 20 bis 30 Jahren, und einigen anderen Voraussetzungen – die Journalisten meist auch noch nicht mitbringen.

Und dabei liegt es mir fern, zu verallgemeinern. In erster Linie gilt das Augenmerk nicht den Haïtianern, einer unglaublichen Mischung von Völkern, Sitten und Unsitten, sondern den monströsen Gegensätzen. Und Menschen, die ganz verschieden darauf reagieren, Menschen aller Schattierungen, wie es sie auch bei uns gibt, denk nur.

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Die exklusive Haiti-Kolumne im latina press Nachrichtenportal von Otto ‚Swissfot‘ Hegnauer. Der ehemalige Lehrer lebt seit mehreren Jahrzehnten auf Haiti und berichtet exklusiv von seinem täglichen Leben auf der Insel Hispaniola.

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