Haiti: Wo Bilder töten können

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Datum: 05. März 2010
Uhrzeit: 21:42 Uhr
Leserecho: 0 Kommentare
Autor: Otto Hegnauer
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Immer noch auf der Ferien- und Hungerinsel, knapp jenseits der haitianischen Grenze. Wo Menschen mit Macheten, Pflanzensäften und Pistolen umgebracht wurden. Wo Menschen auch heute noch zum Hougan eilen, das Foto eines verhassten Mitmenschen bringen und tausend Dollar zahlen, damit der Hougan diesen umbringe, behufs des Fotos. Bilder als Mordwaffe, und jedermann glaubt daran.

Den Besuch eines Nationalparks in der Dominikanischen Republik habe ich schon geschildert. Gleich daneben liegt eine archäologische Schatztruhe, deren Besuch wir nicht verpassen wollten. Es ist eine der zahlreichen Fundstätten steinzeitlicher Ritzzeichnungen, Petroglyphen, wie sie in beiden Ländern gefunden werden, aber oft kaum zugänglich sind. Nach meiner Meinung eine Kultstätte. Steinzeitliche Kultstätten entstanden an schwer zugänglichen Orten, in Höhlen, oder an Felsbalmen.

Auch hier hängen die Bilder hoch oben an den Felsen über der Straße und sind so vor flüchtigen Frevlern einigermaßen geschützt. Der Zugang kostet hier keine Pesos, aber ein paar kräftige Atemzüge. Die Forscher gehen davon aus, dass die ersten Menschen etwa um 2500 vor Christus begannen, Haïii zu besiedeln. Es waren die Taino, ein mittelamerikanischer Indianerstamm, die wahrscheinlich von Venezuela aus sich in einer abenteuerlichen Reise in Einbäumen zur Insel Hispaniola durch paddelten. Als Boat People ein besseres Leben zu suchen mit dem Preis, vielleicht unterwegs zu ertrinken, gibt es also nicht erst heute, sondern ist schon Jahrtausende alt.

Einbaum-Kanus wie damals findet man auch heute noch allenthalben in beiden Ländern, und herrliche Bilder nebst andern Kunstwerken schaffen sie auch, heute wie damals. Die Motivation zum Kunstschaffen ist allerdings moderner geworden, vermutlich. Während sie heute zum Geldverdienen für die Touristen, immerhin oft noch aus reiner Freude produzieren, waren es damals magische Symbole, etwa um die Fruchtbarkeit einer Geliebten zu steigern oder den Erfolg einer Jagd zu beeinflussen.

Gelehrte behaupteten, gewisse Darstellungen würden das damalige Weltbild repräsentieren und dienten der Orientierung in Raum und Zeit. Zur Orientierung in der Zeit sei auch ein Mondkalender verwendet worden, während die Sonnenbahn die Orientierung im Raum ermöglicht hätte.

Aber ohne in so hochgelehrten Diskussionen mitreden zu wollen, sei mir immerhin der Hinweis erlaubt, dass hier auch heute noch mittels Fotos andere Personen getötet oder verzaubert werden. Warum denn sollte dies nicht schon vor 2000 Jahren Sitte gewesen sein? Einfach zeitgemäßer, mit Petroglyphen statt Fotos !

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Die exklusive Haiti-Kolumne im latina press Nachrichtenportal von Otto ‚Swissfot‘ Hegnauer. Der ehemalige Lehrer lebt seit mehreren Jahrzehnten auf Haiti und berichtet exklusiv von seinem täglichen Leben auf der Insel Hispaniola.

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