Klein—Portugal in Venezuela

Datum: 15. April 2013
Uhrzeit: 09:01 Uhr
Ressorts: Füllgrafianas
Leserecho: 1 Kommentar
Autor: (Leser)
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► Zweitgrösste lusitanische Gemeinde ausserhalb Portugals ist in Chávistas und Caprilistas gespalten

Bei einem Besuch in Augsburg um 1528 beichtete der als Kriegstreiber bekannte Karl V. – Deutscher Kaiser und König von Spanien, in dessen Herrschaftsgebiet die Sonne niemals unterging – er sei bankrott, und prompt habe Anton Fugger, Karls Schuldverschreibungen demonstrativ zerrissen und ins Feuer geworfen. Deshalb belohnte der frisch gekrönte Carlos die patriotischen Fugger und Welser mit Handelsprivilegien in „Klein Venedig“ – ein wenige Jahre zuvor entdecktes Land in Westindien, dessen Kanal-Pfahlbauten der Ureinwohner die „Entdecker“ an Venedig in Miniatur erinnerten. So kam es zum Namen Venezuela.

welser

Hier nun landete der Welser Ambrosius, aus dem Ulmer Patriziergeschlecht der Ehinger, als erster Statthalter an der Mündug des Orinoco.

Auf den Galeren, die aus Cádis und Valencia in die Neue Welt stiessen, war allerlei buntes Volk an Bord. Aus den Logbüchern von Kolumbus´s dritter Reise nach Westindien, im Jahre 1498, geht hervor, daß auch Piloten und Seeleute aus Portugal mitfuhren, was nicht wundert, hatte der Genovese doch in Sagres die Kunst der Navigation erlernt und auch die Tochter des portugiesischen Seefahrers Bartolomeu Perestrelo geheiratet. Einer dieser lusitanischen Piloten im Dienste der spanischen und deutschen Krone war z. B. João Vizcaíno, der 1499 die Expedition des Alonso de Ojeda an die Mündung des Orinoco leitete. Nicht wenige seiner Landsleute gingen jedoch in Venezuela an Land, liierten sich mit Indianerinnen und kehrten nicht mehr nach Portugal zurück.

Die Welser Banker heuerten nun deutsche Bergleute an und holten sich viertausend schwarze Sklaven aus dem afrikanischen Guinea für die Schundarbeit in den Zuckerrohrplantagen. Sie hatten aber allerlei Gerüchte gehört und waren nun auch goldgierig.

Im Jahr 1535 führt nun der fränkische Hauptmann Phillip von Hutten als Generalkapitän von Venezuela im Auftrag der Welser eine Expedition in die unerschlossene Wildnis, auf der Suche nach dem Sagen umwobenen El Dorado. Drei Jahre lang irren Hutten und seine Mannen durch den monumentalsten Dschungel auf Erden, nur wenige überleben die Strapazen, finden aber kein Gramm Gold. Doch Hutten kann seinem Schicksal nicht entrinnen: Der Tag dämmerte dahin in Cruz de Tara-Tara, als der hijo de perra Juan de Carvajal ihm den Dolch zwischen die Rippen rennt. Und es geschah wie Faustus – Dr. Johann Georg Faust, dem man nachsagte, er betreibe Geschäfte mit dem Teufel, der ihn wie ein Hund begleitete – es Hutten vor seiner Abreise prophezeit hatte: Zur Stunde seines Todes würde ein blutroter Mond am Firmament aufziehen.

Mit der Ermordung Philipp von Huttens fällt Venezuela 1546 wieder unter den spanischen Vormund. Wegen ihres „wucherischen Handels“ werden den Welsern 1556 dort auch noch alle Konzessionsrechte entzogen, und nach knapp 27 Jahren geht das erste deutsche Kolonialexperiment elend zu Grunde; mit ihm auch die Gelegenheit, in Amerika festen Fuß zu fassen.

In einer Nebenhandlung der Conquista, nämlich die Inquisition, befehligte König Don Manuel I 1496 die Ausweisung tausender portugiesischer Juden, die nicht freiwillig dem Christentum beitreten wollten. Der erste Flüchtlingsstrom erreichte die Niederlanden, von wo etliche jüdische Portugiesen die Emmigration in die niederländischen Antillen, z.B. nach Curaçao, antraten. Doch der Neuanfangwar nur vorübergehend erfolgsvesprechend, so dass so manche portugiesische Juden sich schliesslich zu einem neuen Leben im nahen Venezuela entschieden.

Fünfhundert Jahre später, leben nach offiziellen Angaben 400.000 Portugiesen in Venezuela, die Zahl ihrer Nachkommen wird sogar auf 1,3 Mio. geschätzt. Damit ist Venezuela nach Brasilien das Land mit der größten portugiesischen Gemeinde ausserhalb des Mutterlandes.

Ihr täglich Brot verdienten sie sich Jahrhunderte lang mit Handwerken in denen sie einen guten Ruf hatten: Als Händler und Schiffbauer, aber auch als gediegene Schuster, Schneider, Zimmerleute und Schmiede – daher die Familiennamen Sapateiro, Ferreira und so weiter.

Die Portugiesen und ihre Nachkommen, die inzwischen 5% der Bevölkerung Venezuelas stellen und Begründer des Bundestaates Portuguesa waren, leben mehrheitlich in der Hauptstadt Caracas, aber auch in Valencia, Maracay, Maracaibo und Ciudad Guyana, dominieren heute noch den Lebensmittelhandel im Lande, sind inzwischen jedoch auch im Hotel- und Baugewerbe präsent.

Entgegen der Chávez freundlichen Politik der portugiesischen Regierung, die den seit Jahren zunehmenden bilateralen Handel – Erdöl aus Venezuela gegen Lebensmittexporte aus Portugal – würdigt, sieht sich ein Großteil der eingebürgerten Portugiesen gern als Vertreter der typischen venezuelanischen Mittelklasse und sah mit Sorge das Aufkommen des Chávismo; hier vor allem die nach der Unabhängigkeit der ehemaligen portugiesischen Kolonien Angola,Mozambique und Guinea Bissao ausgewanderten Portugiesen, denen selbst das neoliberal regierte Mutterland in der Europäischen Union zu wenig konservativ war. Es dürfte daher nicht verwundern, dass Klein-Portugal am 14. April Enrique Capriles Radonski zu knapp 50% der erhaltenen Stimmen verholfen hat.

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In seiner wöchentliche Kolumne stellt Frederico Füllgraf aktuelle Themen vor und versucht zugleich, indiskutable Fortschritte in Politik, Bilateralen Beziehungen, Wirtschaft, Soziales, Umwelt und Kultur auf die Spur zu kommen.

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  1. 1
    Martin Bauer

    Guter und informativer Artikel. Es ist wohl kein Zufall, dass der Grossteil meiner venezolanischen Freunde portugiesiche Wurzeln haben.

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