Abschied ist ein bißchen wie sterben

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Datum: 29. März 2010
Uhrzeit: 14:46 Uhr
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Autor: Redaktion
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Sich trennen von etwas Liebgewonnenem ist schmerzhaft. Von einem Menschen, einem Lebewesen, einem Lebensstil, einer Sache. Ich musste schon früh Trennprozesse erleben, immer wieder. Auch wegen des Alterns. Für gewisse Abenteuer fühlte ich mich schon früh zu alt und musste sie aufgeben, man nennt das „aus Vernunft“. Beim Höhlenkraxeln, dem „Speleologieren“, war das zuerst der Fall, schon unter Dreißig. Obschon es dort auch Ausnahmefreunde gab, die mit über 60 splitternackt ins eisige Wasser stiegen und dort aktiv wurden. Für mich allerdings schien das übertrieben, ich mochte es nicht riskieren. Ich zog es vor, mitsamt Schuhen und Kleidern durch Seen und Flüsse zu waten und mich dann wieder trocken zu marschieren, zum Biwakieren mich mit alten Zeitungen auszupolstern, am Morgen war man auch wieder trocken. Aber mit all den Klettereien durch Wasserfälle, dem Durchzwängen des ausgepusteten Brustkorbes durch enge Schlüfe oder schlüpferige Kolke, den übrigen Beanspruchungen wurde es einmal zu viel. Es wurde Zeit, „vernünftig“ zu werden.

30 Jahre später, die Trennung von den tropischen Hochgebirgen, die mir so lieb geworden waren. Von den zehn Meter hohen Blumen und Gräsern, den ebenso langen Flechten und Moosen, die von den bizarr verkrüppelten Bäumen herunterhingen. Auf den Fünf- und Sechstausendern Afrikas, den Ruwenzoris und Kilimandjaros, wohin ich sogar Studien- und Touristengruppen führen durfte. Und war auch ferienhalber immer wieder hinaufgestiegen. Doch einmal, da mochte ich nicht mehr. Auf dem Gipfel mussten sie mich stützen, von zwei Seiten her, dass ich nicht umfiel, oder sogar in den Krater runter. Da erkannte ich, dass es das letztemal war, ich zu alt geworden war für solche Späße. Meine Begleiter wussten nicht, warum mir Tränen in die Augen traten. Ich wusste es.

Abschied von meinen Filmen, die Millionen von Menschen immer noch erfreut hätten, aber im Container landeten. Für sie hatte ich mir ein vormaliges Schulhaus gehalten. Das Schulhaus Waltenstein bot großzügige Räume, und die brauchte es für all die Kisten mit den wertvollen Rollen und Werkzeugen, wie Lichttonnegative, Mehrbandmontagen und so. Und das kostete Geld. Ich hatte das Schulhaus zu einer Zeit gekauft, als Festhypotheken üblich waren, zu 6 %. Das bedeutete eine monatliche Schuld von 2500 Franken, die bei der Bank fällig war. Ich wusste, dass ich ab meiner Pensionierung diesen Betrag nicht mehr aufbringen konnte, und trotz rechtzeitiger Bemühungen blieben die Hilfsangebote leere Versprechen. Auch die Regierung eines Kantons, die mir zur Rettung eines Films die Gründung einer Stiftung anbot, musste ich enttäuschen: diesmal um nicht festgenagelt zu werden, ich hatte ja andere Pläne. So bot nur noch der Container die Lösung.

Mit Myriaden von Diapositiven aus aller Welt ging es ähnlich. Zum Abschied von meinen Bibliotheken wurde ich mehrfach gezwungen. Zuerst durch die „Poud-Bois“, die heimtückischen Termiten, deren Heerscharen durch Unterputz-Elektrokanäle oder selbstgebaute Tunnels in Haus und Heiligtümer eindrangen, bis in mein Herz. Sie pflegten Bücher von innen her auszufressen, bis nur noch die äußerste Haut stehen blieb, wie ein Zombi, und schließlich auch noch zusammenstürzte. Und dann das Erdbeben vom 12.Januar. Die überlebenden gesammelten Schmuckstücke aus dem Mittelalter, in Leder oder aus handgeschöpftem Papier gerieten jetzt auch noch unter Sand und Schutt und dann unter Schlamm und Wasser. Gründlicher ist Vernichtung nicht denkbar. Alles, aber auch alles lebenslang Gesammelte und Liebgewordene ging in Sekunden dahin. Ich weiß nicht ob man das sagen darf, ich denke fast „zum Glück ist mein Vater schon gestorben“, denn auch er hatte schon ein Leben lang gesammelt, was jetzt ausgetilgt war. DAS hätte er nicht mehr erleben dürfen.

Auch die einstigen Zimmer-Topfpflanzen aus meiner Schweizer Zeit hatte ich ja alle mitgenommen und mich gefreut, wie sie innert Monaten um Dutzende von Metern aufstengelten und sich mein Haus in einen tropischen Urwald einkuscheln konnte. Vielfach ausgesuchte Leckerbissen aus vielen tropischen Ländern. Sensible sind wohl abgestorben, die robustere haben die Chance, sich gegen Staub und Trümmer durchzusetzen und wieder neu auszuschlagen, einen neuen Dschungel zu bilden, den ich vielleicht nochmals bestaunen werde.

Besonders schwer fiel mir die Trennung von den Tieren, den Kolibris im Garten, den nur in Spuren gesehenen Boas, den Geckos und Anolis, aber auch den Schleiereulen unter meinem Schlafzimmer und ganz besonders meiner vierbeinigen Freundin Ata, der Deutschen Schäferhündin. Sie bekam bekanntlich „Wind“ von der Katastrophe und verließ das Hausdach eine Sekunde vor dem Beben in teuflischer Angst, sprang zu Boden und stürmte in Panik gegen die Berge – seither wurde sie nie mehr gesehen.

Ich war auch früher schon verheiratet, mehr als einmal. Jede Scheidung bedeutete auch die Trennung von einem liebgewordenen Menschen, mit dem man jahrelang Ferien, Freizeit, Freud und Leid, manchmal sogar die Arbeit und alles geteilt hatte. Ich trennte mich stets in Freundschaft, und diese Freundschaften mit meinen Ex-Frauen halten noch heute. Meinen Lesern bekannt ist Anna, die mich nach Rückkehr aus Paris einmal mehr eingeladen hat und mit der ich per e-Mail fast täglich Ideen und Erfahrungen austausche.

Dann das Inferno, die Zertrennung der Familien innert Sekunden. Zum Abschied nehmen blieb keine Zeit, selbst sonst übliche Embleme, wie Särge und Gräber, gab es nicht. Dafür Massengräber, Tod in Schutt und Schlamm. Höllisch, unmenschlich, unvorstellbar. Und nachträgliche, verspätete Trauerfeiern, kollektiv und namenlos. In Kirchen, von denen nur noch Mauerreste bestanden. Im Namen eines Gottes, der für viele zweifelhaft, für andere zur gottgewollten Strafe für ihre unsittliche Lebensweise, zum Letzten Gericht geworden war.

Ich selber musste zum Glück keine Personen verlieren, auch wenn die Verletzungen scheußlich waren. Aber die Evakuation nach Santo Domingo, nach zehn Biwaktagen im Freien, vorbei an den grässlichen Trümmer- und Ruinenfeldern und dann, einen Monat später, der Abflug nach Europa, war auch ein trauriger Abschied. Ich wusste, dass ich mein Haiti nie mehr sehen würde, so wie es war. Und niemand weiß, wie es einmal werden wird, bis in den drei Monaten, wenn ich wieder zurückkommen und nachsehen werde.

Und was noch folgte, wissen Sie ja bereits. In Paris wurden wir überfallen und der gesamte Rest noch ausgeraubt. Ich bin wieder unterwegs nach der großen Stadt, will unter anderem Melissa Geld bringen, das die Schüler gesammelt haben, und dabei besprechen, was getan werden könnte. Die Frau, die mich zehn Jahre lang gepflegt und „bewirtschaftet“ hat, bleibt jetzt in Paris gefangen, sicher für sehr lange Zeit. Denn in Haiti gibt es kein Ministerium und keine Passmaschine mehr, und die Botschaft in Paris ist so ohnmächtig wie ihr Präsident und seine Rumpfregierung. Ich selbst werde nie mehr nach Paris fliegen können, weder gesundheitlich noch finanziell. So wird der Abschied von ihr der schwerste und endgültig sein.

In Haiti will ich versuchen, mich so gut es geht um ihre Familie zu kümmern. Um die vier Kinder, von 4-13 Jahren, die jetzt keine Mutter mehr haben, und um Mystal, ihren Mann. In Notzeiten – wenn aus bürokratischen Gründen monatelang kein Geld mehr kam ( weil die Post nicht funktioniert, kam das Formular „Lebensbestätigung“ nicht an, und ich war offiziell „gestorben“ ) hat mich diese Familie ja auch monatelang und uneigennützig aufgenommen. Eines fernen Tages werde ich mich vielleicht um Passaports für alle, und um einen Familiennachzug kümmern können. Sofern kein Wunder geschieht und Melissa doch noch zurückkehren kann ins Land der Ungewissheit und der Schrecken. Aber vorerst heißt es einmal Abschied nehmen von Paris und von meiner Rechten. Abschied !

Am 8.Mai will ich wieder nach Haiti zurück, die Trümmer meines Hauses ansehen, und andere Trümmer. Ich kann doch die armen Gestrandeten, die Schiff- und Hausbrüchigen, die Trauma Kinder in den Himmels-Schulen nicht allein lassen, ich bin doch kein Fahnenflüchtiger! Meine Frau will hier bleiben, mit meinem Töchterchen Esther. Wegen der Schule, und so. In Haiti ist keine Schule, keine Zukunft. Bedeutet schon wieder eine Trennung, eine doppelte, von Frau und Kind. Ja, Trennen macht Schmerzen!

Und irgendwann, kein Mensch weiß wann, kommt für jeden die unaufhaltsame Stunde, die Stunde der letzten Trennung, die Stunde des endgültigen Abschieds. Selbst wenn man bisher alles überstanden hat, und immer wieder auferstanden ist. Nun wird es ein Vorteil, Übung im Trennen zu haben, sich bereits von allem getrennt zu haben, was einem einst wichtig war. Und wenn es kein zu plötzlicher Abschied ist, etwa durch ein Erdbeben oder so, bleibt sogar Zeit, sich zu verabschieden, zum Beispiel mit dem Gruß „Guet Nacht !“, oder „Uf Widerluege !“.

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Die exklusive Haiti-Kolumne im latina press Nachrichtenportal von Otto ‚Swissfot‘ Hegnauer. Der ehemalige Lehrer lebt seit mehreren Jahrzehnten auf Haiti und berichtet exklusiv von seinem täglichen Leben auf der Insel Hispaniola.

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