Freiwilligenbericht aus Mexiko: Junge Berlinerin kümmert sich um ehemalige Straßenkinder

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Mädchen fassen Vertrauen in ihre Betreuerin (Foto: Caroline Droszio)
Datum: 17. Juni 2014
Uhrzeit: 12:18 Uhr
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Autor: Redaktion
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Sprachkurs Spanisch (Mexiko)

Nach dem Abitur die Welt entdecken, Erfahrungen sammeln, andere Kulturen kennenlernen, etwas Hilfreiches für andere tun – all das können Beweggründe für einen entwicklungspolitischen Freiwilligendienst sein. Ein Jahr lang arbeitet Caroline Droszio aus Berlin in Toluca De Lerdo. Sie kümmert sich um ehemalige Straßenkinder und hilft ihnen, künftig ein eigenständiges Leben führen zu können.

Hohe Berge ziehen sich um die Stadt, Mexiko ist unglaublich grün. Weit und breit keine Wüste, keine Kakteen, die Sonne scheint angenehm warm und das fast jeden Tag, doch die Hitze bleibt aus. Ich erinnere mich noch an den Tag, vor über sechs Monaten, als mein Flugzeug in Mexiko Stadt landete, hatte ich die Vorstellung im Kopf, Wüste und Kakteen zu sehen. Doch mich hieß ein beeindruckendes Meer aus Hochhäusern und Wellblechhütten willkommen. Ich hatte den Blick auf eine der größten Städte der Welt!

Einer der Gründe, mich generell für Lateinamerika zu entscheiden, war der Wunsch, Spanisch zu lernen. Zuvor hatte ich mich mit Unterstützung von VoluNation über die Möglichkeiten weltweiter Freiwilligenarbeit informiert. Und irgendwie hat mich Mexiko gereizt und neugierig gemacht. Denn jedes Land hat seine schönen Seiten und von Freunden, die selbst schon durch Mexiko gereist waren, habe ich Gutes gehört über die freundlichen Menschen, über die interessante Kultur, und über das leckere Essen, das übrigens in Deutschland sehr an unseren europäischen Gaumen angepasst wurde.

Arbeiten in einer Einrichtung für Straßenkinder

Ich arbeite seitdem mit Kindern und Jugendlichen im Alter von 7 bis 17 Jahren, die von der Straße aufgesammelt wurden und nun im Heim leben. Ein normaler Tag besteht aus sechs Stunden, in denen ich die Kinder von der Schule abhole, ihnen bei den Hausaufgaben helfe und mit ihnen zusammen esse. Es sind alltägliche Aufgaben, die sie lernen, wie Abwaschen und den Müll rauszubringen. Die Mission des Heimes ist, den Kindern zu zeigen, sich selbst zu schätzen, ihnen mitzuteilen, dass sie wertvoll sind, was viele verlernt haben, ihnen eine neue Familie und ein Zuhause zu geben und ihnen Liebe zu zeigen, die sie zuhause nicht bekommen haben. In dieser Zeit ist man nicht nur Betreuerin, sondern wird zur Freundin, zur großen Schwester sogar.

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Sie fangen an, sich dir anzuvertrauen, begrüßen dich sehr herzlich mit Umarmung und einem Kuss auf der Wange, wie das hier üblich ist. Sagen dir, dass sie dich vermisst haben, wenn du im Urlaub warst. Und man schließt sie schnell ins Herz.

Doch die Geschichten der Mädchen sind nicht leicht zu verdauen, sie reichen von den grausamsten Arten der Misshandlung bis zur Vergewaltigung. Einige haben Depressionen, andere sind schizophren, doch trotzdem sind sie unglaublich frohe Kinder. Ich bewundere sie für jedes Lächeln, das sie täglich auf ihre Lippen bringen.

Unvergesslicher erster Tag

Einen Moment, den ich nie vergessen werde, wird wohl der Tag sein, an dem ich zum ersten Mal in das Projekt kam. Ich war aufgeregt, habe mich gefragt, ob die Kinder mich überhaupt mögen würden, ob ich mich mit ihnen unterhalten könnte, weil mein Spanisch sich auf die grundlegenden Sätze beschränkte. Die Kinder saßen wartend am Tisch und starrten mich an, während meine Koordinatorin mich vorstellte. Ich wusste nicht genau was ich tun sollte, also lächelte ich. Und sie lächelten zurück. Ich wurde gefragt, ob ich mit den Mädchen ins Museum gehen möchte und sobald ich nickte, sprangen sie auf, nahmen meine Hand und zogen mich zum Auto. Sie bombardierten mich mit Fragen und wenn ich etwas nicht verstand, haben alle gemeinsam versucht, es zu erklären und mir verständlich zu machen. Dieses Gefühl, so lieb aufgenommen zu werden, die Vertrautheit, die mir die Mädchen gleich geschenkt  haben, das werde ich nie vergessen. 

Ich weiß nicht, ob sie bisher oder was sie von mir gelernt haben, aber ich habe von ihnen gelernt, dass meine größten Probleme nicht an ihre reichen, dass man nie vergessen und verlernen sollte, sich an den schönen Dingen im Leben zu freuen.

Kulturelle Unterschiede zu Deutschland

Die größten Unterschiede zwischen Mexiko und Deutschland sehe ich bei der Arbeit, der Definition von Freundschaft sowie dem Zeitgefühl. Der Busfahrer fährt auch mal samt Fahrgästen zur Tankstelle oder kauft sich eben etwas zu essen. Die Mexikaner sind zu jedem freundlich, man wird schnell eingeladen, etwas zu unternehmen und üblicherweise ist „mein Haus auch dein Haus“, aber an sich haben sie doch wenig gute Freunde. Unser Verständnis von Zeit gibt es hier nicht. Wenn man sich verabredet und 17 Uhr als Zeit ausmacht, wird daraus schnell 18 Uhr oder sogar 18.30 Uhr.

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Aber man gewöhnt sich doch daran und lernt, ebenfalls entspannter zu sein, flexibel, weil Pläne gemacht werden und sie doch ins Wasser fallen, und dann doch ganz spontan neue Pläne aufgestellt werden.

Jede freie Minute wird von mir genutzt, um dieses Land besser kennenzulernen. Es gibt wirklich wunderschöne Orte, Wasserfälle, Kaskaden, Seen hoch oben in den Bergen und natürlich die Ruinen der Maya und Azteken. Indigene Dörfer, in denen Handwerk und Kunst verkauft wird, einsame Strände, an denen man die Seele baumeln lassen kann. Doch Wüste habe ich bisher immer noch nicht gesehen.

Über VoluNation

VoluNation ist Spezialist für weltweite Freiwilligenarbeit. Neben einem umfassenden Beratungsangebot bietet VoluNation kurzfristig buchbare Freiwilligenprojekte in mehreren Staaten Afrikas, Asiens und Lateinamerikas an. Weitere Informationen sind im Internet unter www.VoluNation.com erhältlich.

Autorin: Caroline Droszio

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