Vom Türmli zur Bergburg

HausMelissa

Datum: 09. April 2010
Uhrzeit: 06:52 Uhr
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Autor: Otto Hegnauer
Sprachkurs Spanisch (Südamerika)

Am 8.Mai werde ich wieder mein Haiti, das sich die Karibikinsel Hispaniola mit der Dominikanischen Republik teilt, anfliegen, das es dann hoffentlich wieder geben wird. Ich weiß zwar noch nicht genau, welches Dach über dem Kopf ich aufsuchen werde, und was dann geschieht. Nur eines ist sicher: Mein einstiges Türmli, meine „Seeburg“, ist nicht mehr. Nur ich bin daraus übrig geblieben, eines meiner ganz großen Wunder. Ich lebe ja von solchen, wie Sie wissen. Sicherlich werde ich Ihnen meine Eindrücke schildern, aber dazu brauche ich Elektrizität und Internet, beides Mangelware im Haiti von heute.

In einem Jacmeller Hotel wurde mir eine günstige Unterkunft angeboten. Die Zimmer auf der Meerseite seien zwar eingestürzt, aber gegenüber könne man mir noch etwas offerieren, und wählerisch ist man nicht mehr in einer solchen Situation. Auch die Küche funktioniere noch, denn Essen und Wasser hat ja die erste Priorität. Für mich die nächste Priorität hat wie gesagt Elektrizität und Internet. Ob das letztere funktioniere, müsste ich mich beim Junior-Chef erkundigen, seine Email-Adresse kriegte ich jedoch trotz mehrerer Versuche nicht, und die Frage blieb offen.

So werde ich wohl im Haus von Melissa einziehen, das mir zum Glück schon am Tag des Bebens als Notabsteige gedient hatte. Zwei Stockwerke haben die Erdstöße mit kleinen Schrammen überstanden, ich selber wurde durch das Rütteln und Schwanken im 2.Stock überrascht und flüchtete von da, mit meinem Laptop, noch rechtzeitig ins Freie. Die 3.Etage existiert nicht mehr. Nach gründlicher Zerstörung durch die Erschütterungen wurden die Reste abgetragen. Von den Blauhelmen vorbeigeschickte japanische Fachleute hätten befunden, das Haus sei nicht einsturzgefährdet und könne weiter bewohnt werden.

Die sanitären Einrichtungen sind zwar nicht gerade wie im Hotel, aber zur Internetverbindung habe ich in diesem Haus noch ein auf die nahe Antenne Boutillier ausgerichtetes Modem ( das sonst nirgends funktioniert ) deponiert, und Strom wäre wohl durch eine Autobatterie oder ein noch intaktes Solarpanel von Gressier erzeugbar. Ich vergleiche das Haus etwa mit einer einfachen SAC- (Alpenclub-) Hütte in der Schweiz und nenne es wegen des burgähnlichen Aussehens „Bergburg“. „Seeburg“ ist ja vorbei.

Es gäbe noch attraktivere Namen: Für eine Bärenburg fehlen in der Karibik die Bären, für eine Schneeburg der Schnee. Oben steigen aber alpähnliche Steilweiden bis zu den höchsten Gipfeln des Landes, etwa der Chaîne de la Selle, die direkt aus Meereshöhe auf 2172 m aufsteigt. Das hat natürlich auch seine klimatische Bedeutung. Es gibt viel Regen, deshalb der Name – auf Deutsch „Schwarze Berge“, und manchmal auch Frost. So erinnert die Landschaft etwas an die Alpen, und die Vegetation besteht aus Nadelhölzern, Föhren und mehr.

Also das dürfte vorläufig meine Absteige sein. Das Haus liegt oben auf einer Erosionsrippe von Montagnes-Noires, einem Quartier hoch über der Hauptstadt. Wenn man in Google-Earth nach Montagnes-Noires sucht, erscheint ein Bergmassiv nahe dem Lac de Péligre an der dominikanischen Grenze. Das ist irreführend, denn „mein“ Montagnes-Noires liegt hoch über der Prinzenstadt und Pétion-Ville auf rund 1000 m Höhe. Entsprechend ist die Aussicht tief hinunter auf die Hauptstadt und den Golf von Port-au-Prince überwältigend. Man sieht auch den Flughafen und kann mit „bewaffnetem Auge“ jede Landung verfolgen.

Von hier aus sah ich auch das fürchterliche, braune „Nebelmeer“, als die Häuser der Hauptstadt einstürzten. Entsprechend ist der Zugang schwierig; am besten klettert man zu Fuß in 2-3 Stunden hoch, oder mit einem guten Vierradfahrzeug kann man meist auch die nahe Bergstraße bewältigen, die tief unter dem Haus bei der „Brücke“, dem Wendeplatz, endet. Also wenn Sie mich mal besuchen wollen, ist das nur für Bergsteiger ratsam.

Spendenkonto: CH07 0840 1016 8028 6350 6

Otto Hegnauer

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Die exklusive Haiti-Kolumne im latina press Nachrichtenportal von Otto ‚Swissfot‘ Hegnauer. Der ehemalige Lehrer lebt seit mehreren Jahrzehnten auf Haiti und berichtet exklusiv von seinem täglichen Leben auf der Insel Hispaniola.

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