Sonne über Cité Soleil

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Datum: 25. Oktober 2009
Uhrzeit: 18:05 Uhr
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Autor: Otto Hegnauer
Sprachkurs Spanisch (Südamerika)

cite-soleilCité Soleil trug bis kürzlich den falschen Namen. Die Sonnenstadt Cité Soleil, zu Deutsch „Sonnenstadt“ war lange Zeit die Stadt ohne Sonne, die Stadt des Schreckens, die Stadt der Nacht. Bis vor kurzem war Site Soley ( kreolisch ) der größte und schrecklichste Slum der westlichen Hemisphäre, „gefährlichste Stadt der Welt“ ( UNO ).

Auf einer Müllhalde von rund 5 Quadratkilometern und den vergleichbaren angrenzenden Flächen vegetierten hier gegen eine Million Menschen, Menschen ohne Arbeit und ohne Nahrung, „lebten“ ohne Kanalisation, ohne Läden, ohne Strom, ohne Ärzte, ohne Ordnung, ohne Staat, ohne Polizei.

Es war die Müllhalde der Prinzenstadt, Menschen und Tiere lebten von dem was sie fanden, tranken aus den Pfützen, aßen aus dem Dreckschlamm, die Kinder spielten im Müll.

Es war die Zeit der 90er Jahre, Staatspräsident war der Armenpriester Jean-Bertrand Aristide. Er und die Anhänger seiner Staatspartei Lavalas waren häufige Gäste in dem Elendsquartier, eine Hochburg seiner Partei. Als ihn der selbsternannte General Raoul Cédras wegputschte, brüteten hier nur noch Gefühle der Rache. Noch heute glauben die Bewohner an seine Rückkehr und gehen dafür auf die Straße.

Gefühle der Rache auch bei der Cédras-Soldateska. Zur Zeit der Militärdiktatur von 1991 bis 1994 versuchte diese mit einem unvorstellbaren Schreckensregime, außergerichtlichen Tötungen, zwangsweisem verschwinden lassen von Personen, willkürlichen Festnahmen und Arrest, Vergewaltigungen, Folterungen, Gewalt gegen Frauen und Einäscherung ganzer Quartiere die Bevölkerung einzuschüchtern. Sogar von meinem Heim in Gressier aus sah ich den Himmel von Flammen erleuchtet, taghell. Die Militärs wollten das Schandmal vollständig einäschern, die arbeitslosen Zuwanderer in einem gigantischen Genozid vernichten. Niemand weiss, wieviel tausend Menschen während der Militärherrschaft getötet wurden. Die Sonnenstadt war ein Flammenmeer.

Logisch, dass sich das die Bevölkerung nicht bieten ließ, sie hat das Feuer in den Adern. Es war ein Morden hin und her, die Kinder wuchsen im Blutbad auf. Gewalt und Banden hatten das Sagen, Regierung und Ämter getrauten sich nicht in die Nähe, kein Fremder betrat die Sonnenstadt ohne Sonne. Niemand benützte die Nationalstraße #1, die hier vorbeiführte. Um die berühmten Badehotels an der Côte-des-Arcadins zu erreichen, machte man einen großen Bogen um Site Soley und nahm den weiten Umweg in Kauf. Die Sonnenstadt war eine Killergrube.

1998, als „meine“ Seminarklasse 1954 bei mir zu Besuch war, wollten wir es trotzdem vorsichtig und natürlich etwas neugierig versuchen und fuhren am Hexenkessel vorbei. Unsere beiden Mazda-Pick-ups rollten eng hintereinander, ich mit meinem eigenen voraus, meine Frau mit dem zugemieteten gleichen Typs hintennach. Auf jeder Ladebrücke das gesamte Gepäck, jeweils bewacht von zwei Wächtern aus der Klasse, bewaffnet mit Währschaften Holzprügeln. Kaum sahen wir links die ersten Wellblechhütten von Site Soley und pflügten uns vorsichtig durch die Horden von Cocorats ( Strassenkinder ), rannte schon einer davon durch das Gewühl Richtung der Bidonvilles, einen unserer Koffer in der Hand. Wie der die Mazda brücke bestiegen und blitzschnell die Beute entrissen hatte blieb uns allen ein Rätsel. Die Gepäckwächter hatten wohl zu sehr auf die Wellblechhütten statt auf die Gepäckstücke geachtet. Hupkonzert, beide Wagen stoppten, eine Gruppe von Klassenkollegen hintennach, wie anderen hielten die Festung – und oh Wunder, nach ein paar Minuten kamen die Kollegen zurück, lebend, den Koffer in der Hand. Es ging weiter wie gehabt, aber vorher ketteten wir die Gepäckstücke noch an.

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Nach meinem Dafürhalten ist die US-amerikanische Einwanderungspolitik dabei nicht unschuldig. In der Zeit der Völkerwanderung mit selbstgebastelten Booten hat die Küstenwache tausende von Boat-People eingesammelt, und nach versuchter Identifizierung wieder zurückgebracht ins Armenhaus. Dazu diente das ausgediente Kriegsschiff Hamilton, das ich jede Woche beim Passieren meines Hauses beobachten konnte, oft zweimal. Dabei wurden die Flüchtlinge nicht an ihre abgelegenen Ursprungsorte zurückgebracht, sondern in die Hauptstadt, die dadurch noch grösser wurde. Und wo landeten all diese Menschen? Cité Soleil war die einzige Möglichkeit.

Dort hörte man von vielen Morden. Eindringlinge jeder Art wurden eliminiert, besonders Polizisten hatten keine Überlebenschance. 2005 getrauten sich dann Ärzte ohne Grenzen mit weißen Fahnen in die Hölle und überzeugten die Soley-aner, dass sie keine Teufel waren, helfen wollten und konnten. Sie errichteten die ersten Stützpunkte für eine minimale medizinische Versorgung.

Es folgten die Eingriffe ausländischer Truppen und damit der Aufmarsch der Journalisten und eine, manchmal, brauchbare Berichterstattung. Über die Vorgeschichte wussten die allerdings nichts, da sucht man vergebens im Internet. Die zeitweise 11’000 Blauhelme & Co. hatten die schier unmögliche Aufgabe, Site Soley zu befrieden. Polizisten und UNO-Soldaten wurden gleich gruppenweise ermordet, so hatten selbst schwerbewaffnete Blauhelme Angst vor diesem Quartier. Der gegenseitige Hass war grenzenlos und führte zu erbarmungsloser Brutalität. Der Einsatz der Weltsoldaten in Site Soley war anfänglich kein Ruhmesblatt für die UNO.

2007 berichteten Menschenrechtsorganisationen und Nachrichtenagenturen von Übergriffen auf die Zivilbevölkerung. Auf Videos wurden Erschießungen von Zivilisten dokumentiert. Panzer zerstörten „baufällige Wohngebäude“, nach Einwohnerangaben 3000. Bei einem Tageseinsatz 2007 wurden 22.000 Schüsse abgefeuert und zahlreichen Zivilisten, darunter Frauen und Kinder, getötet. Die Sonnenstadt war ein Schlachtfeld.

In den Jahren des grassierenden Kidnappens wurden die Opfer meist in der Sonnenstadt versteckt oder umgebracht. Diese wurde von Bandenbossen regiert und betrachtete sich nicht als zu Haiti gehörig. Sie wurde durch die Medien weltbekannt und -berüchtigt. Selbst die UNO nannte Site Soley die „gefährlichste Stadt der Welt“. In der Zeit entstanden Romane (Mister Clarinet, von Nick Stone), Fernsehsendungen ( ARD ) und Filme ( Ghosts of Cité Soleil, von Asger Leth ). Unterstützt wurde der Regisseur von dem hier geborenen Sänger und Produzenten Wyclef Jean, der auch die Musik schrieb und einen kleinen Auftritt hat ( 2007 ).

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Die exklusive Haiti-Kolumne im latina press Nachrichtenportal von Otto ‚Swissfot‘ Hegnauer. Der ehemalige Lehrer lebt seit mehreren Jahrzehnten auf Haiti und berichtet exklusiv von seinem täglichen Leben auf der Insel Hispaniola.

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