Entwicklungsland Brasilien: Erschossener Tourist aus Holland – Zynismus der Behörden

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Leiche von Ronald François Wolbeek wurde zur Obduktion in das Institut für Kriminologie (ICRIM) überführt (Fotos: Reprodução/CPTur/GoV)
Datum: 17. Februar 2015
Uhrzeit: 15:02 Uhr
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In den frühen Morgenstunden des Sonntag (15.) Ortszeit ist in der Hauptstadt des brasilianischen Bundesstaates Maranhão der 60-jährige holländische Staatsbürger Ronald François Wolbeek auf seinem Boot ermordet worden. Wolbeek hatte zusammen mit seiner Ehefrau Marie Rawie (69) in der Bucht von Baía de São Marcos geankert und hatte vor seinem Eintreffen in São Luís bereits die Städte Recife und Fortaleza (Hauptstädte der Bundesstaaten Pernambuco und Ceará) besucht. In einem vom lokalen TV gesendeten Interview sprach die Witwe des Erschossenen von „großer Wut“ und forderte die brasilianischen Behörden dazu auf, sich für die Sicherheit der Touristen einzusetzen.

„Ich bin wütend, wütend, wütend. Ich verspüre einfach nur eine Menge Wut. Ich hoffe die Polizei und die Regierung (Gouverneur) sorgen in Zukunft für mehr Sicherheit für Leute wie ihn, so dass sich andere Touristen sicher fühlen können. Er war seit 25 Jahren mit dem Schiff unterwegs – und jetzt ist er tot“, beklagt sich Rawie. „Wir haben mit dem Boot die ganze Welt bereist, waren in Indien, Afrika, Natal, Jakarta, Cabo Verde und Marokko. Es bestand keine Gefahr – überall wo wir waren“. Nach ihren Worten hatten sie ein Foto von der Region (Strand, blaues Wasser) gesehen und sich dazu entschlossen, nach São Luís zu reisen. Im Anschluss sollte es Richtung Amazonas, nach Französisch-Guayana und Surinam gehen. „Jetzt ist es vorbei, ich fliege nach Hause“.

Der Ursprung der Stadt liegt im Jahr 1612, als die Franzosen in diesem von den Portugiesen noch nicht kolonialisierten Teil Brasiliens ein Fort bauten. Dieses Fort fiel jedoch schon im Jahr 1615 nach einjährigem Kampf an die Portugiesen. 1631 wurde die Siedlung von Niederländern eingenommen, doch 1664 bekam Portugal nicht nur hier, sondern in ganz Brasilien wieder die Oberhand. Charakteristisch für die Altstadt sind die mit portugiesischen Fliesen (Azulejos) bedeckten Fassaden. Das Stadtzentrum ist seit 1997 als Weltkulturerbe von der UNESCO geschützt und sollte eigentlich ein „Must see Point“ für Touristen sein.

Seit 1980 sind über eine Million Menschen in Brasilien umgebracht worden. Allein 2010 waren es annähernd 50.000 Morde. Das sind 137 am Tag und vier in der Stunde. Aktuelle Statistiken ((Fórum Brasileiro de Segurança Pública)) belegen, dass im größten Land Lateinamerikas im vergangenen Jahr 53.646 Menschen eines gewaltsamen Todes gestorben sind. Von den über 50.000 jährlichen Tötungsdelikten handelt es sich in 30.000 Fällen um junge Menschen zwischen 15 und 29 Jahren. Laut Daten der Organisation “SaferNet Brasil” beträgt der Anstieg von Gewaltverbrechen zwischen den Jahren 2013-2014 über 300%. Der Ruf Brasiliens als unsicheres Reiseland ist deshalb nicht unbegründet, darf allerdings nicht verallgemeinert werden. Der Großteil der brasilianischen Bevölkerung ist sehr freundlich zu Ausländern, Schuld an der Misere sind oftmals die Bundesregierung und die lokalen Entscheidungsträger. Wie im ebenfalls linksregierten Venezuela sind Propagandaphrasen von korrupten und sich jenseits der Realität befindlichen Politikern an der Tagesordnung, um am nächsten Tag schon wieder in der Versenkung zu verschwinden.

Als besonders zynisch können die Bemerkungen eines leitenden Polizeibeamten bezeichnet werden. Dieser gab am Montagabend (Ortszeit) im TV bekannt, dass im Radio (Canal 16) über die Risiken des Ankerplatzes von Wolbeek gewarnt wurde. Dieser befand sich in der Nähe einer Elendssiedlung, potenzieller Aufenthaltsort für Kriminelle aller Art. „Die Menschen in diesem Gebiet wissen über die Gefährlichkeit des Ortes und der drohenden Gefahr. Über Radio wurde gewarnt. Die Touristen konnten die Warnung nicht verstehen – sie sprechen nicht gut portugiesisch“, so der Beamte.

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