Freunde und „Freunde“ – und solche dazwischen

Freundin

Datum: 27. Oktober 2009
Uhrzeit: 00:06 Uhr
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Autor: Otto Hegnauer
Sprachkurs Spanisch (Südamerika)

FreundinIch spreche zuerst von den „Freunden“, die etwa im Sommer kamen, täglich dutzend- und scharenweise, als meine Familie noch da war. Sie kamen genau zu den Essenszeiten und blieben lärmig und bei gellender „Musik“ während der ganzen Nacht, bezeichneten sich als „Freunde“ der Familie, füllten die Terrasse, ihre Schmerbäuche und einige tafelten gleich mehrmals hintereinander.

Ein „Freund“ meines Sohnes Hennsly becherte, genauer „flaschte“ das Bier kistenweise, zum Abschluss stahl er noch Hennslys Handy. Eine „arme“ Nachbarin, glückliche Besitzerin von Geschäftshäusern und gefüllten, solarbetriebenen Kühltruhen, bat Melissa, ihr doch ab unseren leckeren karibischen Buffets von allem etwas in Plastiksäcke abzufüllen, damit sie es mit heimnehmen können. Ein anderer Nachbar, auch ein „Armer“, glücklicher Besitzer und Vermieter von zwei Reisebussen & More, kam die ganzen sechs Wochen des Familienbesuchs um sich jeden Tag mindestens zweimal ausgiebig verpflegen; als meine Frau abgereist war, reiste ihre Schwester für acht Wochen an, sie besitzt ein Haus in der Nähe. Dort kehrte der besagte Nachbar wieder ein und verließ das Haus die ganzen acht Wochen nicht mehr, er wiederholte dasselbe bei ihr. Wenn ich allein bin, kommt er nie und respektiert selbst die Grenzen der Gastfreundschaft.

Auch Begüterte können sich so verhalten, wie ich schon früher feststellen musste. Es gibt eben „Freunde“, die sind halt zu wenig arm. Denn wenn ich doch mal verallgemeinern darf, sind in der Regel die „Armen“ doch bescheidener, ja ängstlich, und meist anständig, und sie stehlen nicht, auch keine Telefone. Über ihre „normalen“, liebenswürdigen Seiten habe ich schon erzählt. Ich darf sie ebenfalls als gute Freunde bezeichnen.

Natürlich gibt es auch echte Freunde unter den „Gebildeten“, ich meine nämlich Menschenbildung, nicht Schulbildung. Es können ebenso gut Besitzende, als auch „Arme“ sein. Mit diesen Freunden sitze ich gerne auf der Terrasse einen Stock höher zusammen und wir kosten ein feines Glas Wein, manchmal auch eine Zigarre. Sie kommen angemeldet, immer am Tag und nie auf die Essenszeiten, außer sie wurden dazu speziell eingeladen. Ihr Fahrer oder wen sonst sie als Begleitung mitbringen bleibt unten im Wagen, oder allenfalls bei „meinen Leuten“. Die Diskussionen drehen sich um „Gott und die Welt“, man kann sich immer irgendwie ausdrücken, auch wenn mir die Gewandtheit in Fremdsprachen fehlt.

Dann sind da die Ur-Ur – sprünglichen Freunde, mit denen die Kontakte warm geblieben sind. Bis von allen Schulstufen und dem Kindergarten stammen sie her, und wenn auch persönliche Begegnungen wegen der Ferne meist ausbleiben müssen, so bildet doch das Internet ein wichtiges Bindeglied.

Nicht nur Freunde aus Schulbänken und Hörsälen tauchen wieder empor, auch solche aus allen möglichen Unternehmungen und unmöglichen Husarenstreichen steigen abermals auf: so traf ich rein zufällig den Res, mit dem ich im Hölloch den Innominata bezwang – jetzt pflanzt der Farmer Weizen in Argentinien. Oder alte Freunde aus dem kalten Krieg, aus Fernsehen und Filmerei, aus der Entwicklungszeit neuer Ausbildungsmedien und vielem mehr, so vielem, wie es sich bei einem „schillernden Vogel“ gebührt (ein übriggebliebener Graf in einem Nachbarland hat mich einst so bezeichnet und mir einen vorgesehenen Traumjob vermiest. Während der mich zu schillernd fand, fand ich ihn zu grau; nur hatte ich leider keine Traumjobs zu vergeben).

Und dann die vielen neugebackenen Freunde, aus Brasilien und Santo Domingo, den USA und weiß nicht woher. Aus dem Internet, das einst bekämpft wurde weil es die Menschen vereinsame. Freunde aus dem Internet, die vielfach schon hier waren oder noch kommen werden, und die mir immer wieder so phantastische Reaktionen geschickt haben auf meine Kolumnen.

Ich habe die meisten noch nie gesehen, aber ich liebe sie alle. – Viele schreiben mir öfters, nachdem sie es einmal gewagt haben, und es entwickeln sich Dialoge. Einer der Freunde hat mir geraten, ich solle doch einen Blog bauen, er ist Informatiker und wollte mir dabei helfen. Das hat mich natürlich ungemein gereizt und hätte wohl die Tore zu Kreuz- und Querdialogen geöffnet. Da ich meine vielen Links etwas unsystematisch gestaltet habe, bestand das Risiko, allenfalls hunderte oder tausende von solchen umbauen zu müssen, damit sie noch funzen; auch das erforderliche Umgießen meiner Giga-Site in das Betriebssystem Linux wollte ich nicht riskieren.

Internet schafft das Gefühl einer Gemeinschaft, einer Gemeinde zwischen meinen Maliern, Lesern die auf die Kolumnen reagieren. Internet schafft Freunde, und das sind Erlebnisse, und ein Abenteuer. Mit auch ein Grund, weshalb ich schreibe. Obschon mich die meisten Internet-Freunde noch nie gesehen haben ( und umgekehrt ), obschon sich die meisten gegenseitig nicht kennen, schafft Internet das Gefühl dass wir uns alle kennen, das ist unglaublich. Ein Leser hat denn auch eine eigene Abkürzung kreiert für meine „Ecke“, und was sich darin rumtreibt: „OLEE“ (Otti’s-Leser-Echo-Ecke)! Also denn:

Internet schafft es selbst, eine Ehe zu „verlängern“, wenigstens bei mir und meiner „Ex“. Nach 20 jähriger Ehegemeinschaft mit einer Weggefährtin und Mitarbeiterin hatten wir uns, in gegenseitigem Einvernehmen, geschieden, und das war richtig. Die Ehe war beendet, die Freundschaft blieb. Täglich oder fast täglich mailen wir uns, schreiben unsere Geschichten weiter, bis in die Zukunft. Ebenfalls seit 20 Jahren. In der „verlängerten Ehe“, ging das „Animalische“ weg, das Platonische blieb, die Freundschaft wuchs. Ich finde heute, für eine Freundschaft müsse man nicht gleich heiraten.

Gestern herrschte wieder mal Blackout. Wenn der Netzstrom mehrere Tage ausfällt, stürzt auch der „Inverter“ ab, das Gerät, das zwischen Wechselstromaufnahme und Gleichstromumwandlung und -abgabe zur Batterieaufladung umschaltet. Meine vier Solarpanels, die eigentlich nur für die Computer- und Internettechnik, inkl. Satellitenempfang, Fernsehen und Radio ausgelegt sind, genügen dann offenbar nicht mehr. Das weiß ich, weil mein Nachbar trotz seiner dreifachen Solar- und Batteriekapazität jetzt auch Blackout hatte und sein Dieselaggregat einschalten musste, dass unter fürchterlichem Lärm wieder Strom erzeugt. Auf diesen Krach und Dieselgestank will ich verzichten. Da lebe ich lieber eine Nacht im Dunkeln und werde dann, morgen, für eine Woche ausziehen. In der Hoffnung, bis dann sei „es“ vorüber.

Was das mit dem Titel und Freunden zu tun habe, werden Sie fragen. Sehr viel, denn kaum hatte ich es mir im Dunkel des Türmli in meinem Bett so wohlig eingerichtet, traf unerwartet eine Freundin von mir ein. Ich spürte eine feuchte Schnauze an meiner Stirn. Ata schien sich nach mir zu erkundigen. Sie lebt ja nachts stets ohne Licht. In den letzten Tagen hatte ich die Türen vom Dach ins Hausinnere offen gelassen, sodass sie mich auf Wunsch besuchen konnte. Weshalb sie merkte dass der Strom bei mir ausgefallen war und sie nach mir sehen kam, weiß ich nicht. Intuition war diesmal nicht im Spiel, da ich ja keinerlei Angst habe im Dunkeln, ich kenne wie sie das Haus zu gut.

Und trotzdem machte sie mir ihre Aufwartung, wie wenn sie glauben würde, man könne mich doch nicht alleinlassen hier oben, in so finsterer Nacht. Also streckte sie mir ganz „animalisch“ eine Pfote aufs Bett, so wie wenn sie sagen wollte „Sei nicht traurig, ich bin ja bei Dir! Und sie streckte mir einige Minuten lang den Kraulhals zu, rappelte dann unters Rattan-Bett und blieb die ganze Nacht regungs- und lautlos, nicht wie die „Freunde“ unten auf der Terrasse, bis ich mich im Morgenlicht zu regen begann. Nach kurzer Begrüßung zog sie sich vom Türmli zurück auf ihr Dach und begann den Morgen zu verbellen. Wenn DAS keine Freundschaft, beinahe „platonisch“ ist.

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Die exklusive Haiti-Kolumne im latina press Nachrichtenportal von Otto ‚Swissfot‘ Hegnauer. Der ehemalige Lehrer lebt seit mehreren Jahrzehnten auf Haiti und berichtet exklusiv von seinem täglichen Leben auf der Insel Hispaniola.

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