Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter in Brasilien: „Ein wenig an Mafiafilme erinnert“► Seite 2

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Wo einst Regenwald war: Felder für Genmais und Gensoja soweit das Auge reicht - in Mato Grosso (Fotos: Anton Hofreiter)
Datum: 28. Oktober 2015
Uhrzeit: 13:53 Uhr
Leserecho: 3 Kommentare
Autor: Redaktion
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Gleichzeitig wird der Eindruck erweckt, dass es Vaz Ribeiro nicht um das Wohl seiner Bürger geht, sondern darum eine Machtstruktur zu etablieren. Seine Bürger sollen sich nicht in der kleinbäuerlichen Landwirtschaft ein Auskommen verdienen können. Sie sollen in absoluten Abhängigkeitsverhältnissen zu Großgrundbesitzern wie ihm stehen. Dementsprechend beklemmend ist die Gesprächsatmosphäre. Als ich Vaz Ribeiro mit den Vertreibungen und den gesundheitlichen Folgen der Pestizideinsätze konfrontiere, will er sich die Namen der Kritiker notieren. Er wolle den Kontakt suchen. Was das wohl meint? „Ich fühle mich ein wenig an Mafiafilme erinnert“, so Hofreiter. Die Schattenseite der brasilianischen Agroindustrie sieht er im Krankenhaus von Lucas do Rio Verde. Beim Besuch berichtet man von Auffälligkeiten. In bestimmten Jahreszeiten gibt es besonders viele Lungenerkrankungen. Einige Mitarbeiter sehen einen Zusammenhang mit den Pestizideinsätzen, doch die Stadtverwaltung leistet keinen Beitrag zur Aufklärung.

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Tags darauf in Cuiabá, der Hauptstadt von Mato Grosso, kommt es zu einem Treffen mit Inácio Werner und Teobaldo Witter von der katholischen Comissão Pastoral da Terra (CPT – deutsch: Landpastorale). Beide berichten, dass es bei Landkonflikten häufig zu Todesfällen kommt. In diesem Jahr wurden bereits fünf Personen allein in Mato Grosso umgebracht. Darunter führende Köpfe der Gewerkschaften und Landlosenbewegung und Indigene. Seit 1985 wurden 129 Morde verzeichnet. Die Todesfälle bleiben meist ohne Konsequenzen, die Täter werden nicht ermittelt. Dazu kommt: Die brasilianischen Gerichte vor Ort sehen viele Morddrohungen nicht als strafrechtlich relevant an. 500.000 Menschen leben in Mato Grosso auf dem Land. Zwischen 2000 und 2014 wurden 18.215 Familien (fast 80.000 Menschen) von ihrem Land vertrieben, ihr Haus und ihre Tiere teils verbrannt. Das Bedrückende: Die Zahlen gehen steil nach oben. Allein im ersten halben Jahr 2015 wurden bereits 2.000 Familien vertrieben. In Mato Grosso besitzen 3% der Agrar-Betriebe 61% der Agrar-Fläche. Tendenz steigend. Daraus ergeben sich Konflikte, denn wenige Großgrundbesitzer produzieren auf enormer Fläche hauptsächlich für den Export. Indigene, die ein anderes Verständnis von Land haben, aber auch Menschen, die wie Nomaden leben und je nach Regenzeit umherziehen, werden vertrieben. Zum Teil wird das Land aufgekauft. Häufig werden die Menschen vor Ort aber gezielt unter Druck gesetzt. Es werden sogar Totalherbizide auf Kleinbauern gesprüht, um ihre Ernte zu vernichten und sie zur Flucht zu zwingen, berichten Werner und Witter. Die Erzählungen der beiden Männer bezeichnet Hofreiter als schockierend, das Engagement der beiden als beeindruckend. Die CPT sammelt akribisch Fakten über Mord und Vertreibung im Zusammenhang mit Landkonflikten und veröffentlicht jährlich den Bericht zur Verletzung der Landrechte.

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Vor seinem Abflug in Rio de Janeiro besuchte Hofreiter das Nationale Institut für Krebsforschung und sprach mit Frau Sarpa, die am Institut forscht. Sie berichtete, dass Brasilien seit 2009 weltweit an der Spitze der Pestizid-Verbraucher liegt. Seit 2012 ist ‪Glyphosat‬ das meist eingesetzte Pflanzengift. Frau Sarpa berichtet von den gesundheitlichen Folgen von Pestiziden. Die Symptome ähneln denen von Viruserkrankungen und sind daher leicht zu verwechseln: Übelkeit, Erbrechen, Schwindel. Akute Vergiftungserscheinungen kommen vor allem bei Landarbeitern vor, die den Stoffen direkt aufgesetzt sind. Ein weiteres großes Problem sind laut Sarpa chronische Erkrankungen und dass in Proben sehr viele Rückstände in Nahrungsmitteln feststellbar sind. Diese Rückstände liegen oft weit über dem Grenzwerten. Häufig finden sich Rückstände von verschiedenen Pestiziden, deren Wirkung sich im menschlichen Körper potenziert und dann Krebs auslösen kann. Weitere Auswirkungen sind laut Sarpa Unfruchtbarkeit, Missbildungen und Fehlgeburten -die Ergebnisse sind mehr als beunruhigend.

„Brasilien lässt mich bedrückt zurück. Es ist mir klar geworden: Wir dürfen eine solche Form der Landwirtschaft in Südamerika nicht weiter fördern. Wir brauchen klare Regeln für den Import von Soja und Mais. Das heißt auch: Wir brauchen dringend eine Zertifizierung für Tierfutter, das wir nach Europa importieren. Es muss klar sein, dass es nicht toxisch, unter Umweltzerstörung, Vertreibung oder sklavereiähnlichen Bedingungen herstellt wurde“, lautet das Fazit von Hofreiter.

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  1. 1
    fideldödeldumm

    Ist der Anton wirklich so naiv?

  2. 2
    peter

    dieser xxxxxxxxxxx grüne. er hat vor jahren mitgeholfen das gerade Brasilien für die biodieselindustrie seine Regenwälder opfert. die wahre Mafia das sind die grünen, besonders diese grünfaschisten aus Deutschland.

  3. 3
    Martin Bauer

    Die „Grosskopferten“ in Brasilien können auch nicht, wie sie wollen. Ich habe unter vier Augen einige resignierende Klagen gehört, die von Multimillionären kamen. Letztendlich sind auch sie nur die Handlanger jener Agrar-Riesen, die weltweit in fast jedem System fest im Sattel sitzen. Nicht zuletzt in Deutschland, wo sie praktisch die gesamte Infrastruktur von Mühlen, Transport- und Lagerstätten bis zu Verladeeinrichtungen für Massengüter in Häfen besitzen, nicht zuletzt als Lohn für den Verzicht auf den Morgentau-Plan. Man kam damals überein, dass in einer florierenden Wirtschaft der Durchschnitts-Deutsche ein ganz erheblich produktiveres Stück Stallvieh abgibt, das sich weitaus besser melken lässt, als ein verblödeter Michel in einem Agrarland.
    Wenn es Herrn Hofreiter ernst ist, dann soll er mal nachschauen, wer Institutionen wie Bauernverbände, Raiffeisen-Genossenschaften etc. kontrolliert. Es sind die selben, die das im Artikel beschriebene Elend in Brasilien zu verantworten haben.

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