Gründer der Colonia Dignidad in Chile verstorben

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Datum: 25. April 2010
Uhrzeit: 19:21 Uhr
Ressorts: Chile, Panorama
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Autor: Redaktion
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Paul Schäfer, ehemaliger Nazi-Offizier und Gründer der “Colonia Dignidad”, ist tot. Wie die zuständige Justizbehörde mitteilte, starb Schäfer am 24. April 2010 im Alter von 88 Jahren in einem Gefängnishospital in Santiago de Chile. Schäfer, der seit Jahren an Aortenstenose und konsekutiver terminaler Herzinsuffizienz litt, starb nach Angaben der Behörden an diesem Leiden. Am heutigen Sonntag wurde Schäfer unter Protestaktionen auf dem Friedhof Parque del Recuerdo Cordillera in Santiago beigesetzt.

Die Colonia Dignidad- „Gesellschaft für Wohltätigkeit und Erziehung‘“-  ist ein auslandsdeutsches, festungsartig ausgebautes Siedlungsareal in Chile. Es liegt ca. 400 Kilometer südlich der Hauptstadt Santiago de Chile in der Nähe der Orte Catillo und Parral und umfasst ein Gebiet von 30.000 Hektar. Die Colonia Dignidad wurde 1961 von dem Deutschen Paul Schäfer gegründet, der sich dort nach Ermittlungen einer Sonderkommission als “Herr über Leben und Tod” aufspielte und dabei unter anderem massiv in die Lebensbereiche der bis zu rund 300 Kolonisten eingemischt haben soll. Ihm werden in diesem Zusammenhang langjähriger Machtmissbrauch sowie zahlreiche Misshandlungen von Kindern und Jugendlichen vorgeworfen. Am 24. Mai 2006 wurde Schäfer des Missbrauchs von Kindern in 25 Fällen für schuldig befunden und zu einer Haftstrafe von 20 Jahren verurteilt.

Paul Schäfer war ein evangelische Jugendpfleger, gegen den bereits zur Jahreswende 1959/60 wegen Verdachts des sexuellen Missbrauchs ihm anvertrauter Kinder und Jugendlichen ermittelt wurde.  Als in Siegburg 1961 zwei Fälle von sexuellem Kindesmissbrauch öffentlich wurden, schritten die Bonner Kriminalpolizei sowie die Staatsanwaltschaft ein. Schäfer tauchte mit Hilfe von Freunden unter und floh nach Chile. Seine mittlerweile mehr als 200 Anhänger – die meisten kamen aus Hamburg, Gronau und Siegburg – folgten ihm in den nächsten Monaten. In der Geschlossenheit der Colonia Dignidad gelang es ihm, die von ihm verwandten Unterdrückungsmechanismen weiter zu entwickeln. Von seinen Anhängern verlangte er totale Unterwerfung und setzte diese auch mit Gewalt durch.

Die Kolonie wurde zu einer Art Festung ausgebaut. Palisadenzäune mit Wachtürmen und Stolperfallen sowie bewaffnete Wachposten sorgten dafür, dass eine nach außen hin hermetisch abgeriegelte Diktatur entstand. Alle Versuche des demokratischen Chile, diese Enklave unter Kontrolle zu bekommen, scheiterten bis zur Festnahme Schäfers. Als Gründe werden die Verflechtungen und die Loyalität der Pinochet-Anhänger, der vor Ort ansässigen Polizei und lokal Mächtigen und die Unüberschaubarkeit des riesigen Areals genannt. Außerdem zeigte auch die deutsche Regierung keinerlei Interesse an einer Aufklärung aller obskuren Vorgänge in dieser Kolonie. Die Regierung entzog der Organisation aber 1991 den Status der Gemeinnützigkeit, mit der sie stets von Steuerfreiheit profitiert hatte und löste sie damit formal auf.

Am 24. Mai 2006 teilte das zuständige Gericht im Bezirk Letras de Parral mit, dass Paul Schäfer von Richter Hernán González wegen Kindesmissbrauchs in 25 Fällen zu 20 Jahren Haft verurteilt wurde. Darüber hinaus musste er den Opfern Schadenersatz in Höhe von insgesamt 770 Millionen Pesos (1,25 Mio. Euro) zahlen. Im Juli 2006 gestand Gerhard Mücke, ein ehemaliges Führungsmitglied, dass 22 Regimegegner nach dem Putsch vom 11. September 1973 in der Colonia Dignidad ermordet und anschließend verbrannt wurden.

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