Scheitern und Neuanfang

Maibaum-2

Datum: 26. April 2010
Uhrzeit: 06:22 Uhr
Leserecho: 0 Kommentare
Autor: Otto Hegnauer
Sprachkurs Spanisch (Südamerika)

Vor ein paar Tagen habe ich im Internet einen interessanten Artikel gelesen. Ich zitiere daraus den Satz: „Die Wucht des Absturzes in den nächsten Aufstieg einbringen“. Der prächtige Satz passt für niemand besser als für mich, nach dem Verlust von allem Materiellen, was überhaupt möglich war. „Nur“ das nackte Leben blieb übrig; ist denn daneben noch irgendwas wichtig?

In Abschied habe ich schon über Trennungs-Situationen geschrieben, die ich immer wieder erleben muss. Die meisten waren allein zu bewältigen, manchmal waren auch Freunde dabei, die mir halfen, in der Aussprache den Kontakt zu den inneren Ressourcen und die eigene Identität wieder herzustellen.

Was diesmal geschah, ist so ungeheuerlich, dass es ohne Rückhalt in der eigenen Familie kaum gelungen wäre. Es waren der Schweizer Botschafter, meine Frau und hundert Freunde, die mich sofort nach der Schreckensmeldung gesucht haben, gefunden hat mich nur der Botschafter. Dann brachen Strom und Telefonleitungen zusammen, solang ich in Haiti blieb. Meine Frau und die andern haben sich dann an die Botschaft oder ans Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) gewendet, das aufgrund des ersten Telefonkontakts mit dem Botschafter alle beruhigte, mir sei nichts geschehen. Wie wenn mir „nichts“ geschehen wäre… Nichts ganz korrekt, weil ich zwar noch lebte und unverletzt war, aber Haus und alles Hab und Gut verloren hatte. Doch dies wusste zu dem Zeitpunkt noch niemand.

Ich erinnere mich nicht mehr, wann mir der erste telefonische Kontakt zu meiner Familie gelang, wahrscheinlich erst nach zwölf Tagen, in Santo Domingo. Meine Frau bat mich inständig, sofort in die Schweiz zu kommen, aber das war nicht so leicht. Sie hatte zwar schon ein Ticket zu bestellen versucht, für mich und meine Pflegerin Melissa. Aber der Flughafen war für zivile Zwecke gesperrt und blieb das noch lange, und von Santo Domingo aus waren alle Flüge ausgebucht, für mehrere Wochen. Und der Flüchtlingsstrom aus Haiti, das sich die Karibikinsel Hispaniola mit der Dominikanischen Republik teilt, flutete unaufhörlich weiter, Richtung Santo Domingo und Flughafen, von allen, die noch so viel Geld übrig hatten. Die meisten aber hatten keines, und mussten sterben, oder in der Hölle bleiben.

Jetzt bin ich in der Schweiz, auch bald nicht mehr. Die Trauerarbeit ist allmählich vorbei, es geht darum, aus der Opferrolle wieder zum selbst bestimmten Handeln zurückzufinden, in der neuen Situation wieder eine stimmige Identität zu gewinnen und zu neuen Perspektiven zu finden: Akzeptieren, was ist wirklich passiert, was hat sich grundlegend verändert und was würde ich am liebsten tun, oder nicht tun. Loslassen des Alten, worauf werde ich jetzt verzichten, was sind die Vorteile und was habe ich noch immer, oder schon wieder. Was kann jetzt wirklich werden, was kann ich aus der neuen Situation heraus leisten, wer kann mich dabei unterstützen, mir helfen, und was brauche ich noch dazu. Welchen nächsten Schritt gehe ich jetzt, welchen Zeitrahmen gebe ich mir und wer begleitet mich dabei.

Das Erlebnis gleicht einem glücklich, fast abgeschlossenen Flug, wobei fast vor der Landung die Piste verschwunden ist. Da gibt es nur noch eines: Durchstarten, Ausnützen des noch vorhandenen Schwungs und Vollgas. Vorsichtig den Auftrieb vergrößern, Höhe und Abstand gewinnen, jetzt nur kein Schock ! Die Chance für einen neu gestalteten Aufstieg, der einzige Punkt für einen neuen Flug. Den „Alternate“, den Ausweichflugplatz, den man ja immer bereit haben sollte, kann man sich beim Aufsteigen, notfalls, immer noch überlegen. Dann hat man wieder Zeit. Voraussetzung für ein Sammeln der eigenen Kräfte und ein erfolgreiches Durchstarten. In den nächsten Aufstieg. Was schrieb doch das kleine Haitianermädchen in der Zeitung: „Das Wunderschöne ist, dass es jeden Tag besser wird.“ Können wir von dem kleinen Mädchen etwa nicht viel lernen???

Anzeige
wandere aus, solange es noch geht

P.S.: Sind Sie bei Facebook? Dann werden Sie jetzt Fan von agência latinapress! Oder abonnieren Sie unseren kostenlosen Newsletter und lassen sich täglich aktuell per Email informieren!

Die exklusive Haiti-Kolumne im latina press Nachrichtenportal von Otto ‚Swissfot‘ Hegnauer. Der ehemalige Lehrer lebt seit mehreren Jahrzehnten auf Haiti und berichtet exklusiv von seinem täglichen Leben auf der Insel Hispaniola.

© 2009 - 2016 agência latinapress News & Media. Alle Rechte vorbehalten. Sämtliche Inhalte dieser Webseite sind urheberrechtlich geschützt. Vervielfältigung und Verbreitung nur mit vorheriger schriftlicher Genehmigung von IAP gestattet. Namentlich gekennzeichnete Artikel und Leser- berichte geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder. Für Einsendungen und Rückmeldungen bitte das Kontaktformular verwenden.

Dies könnte Sie auch interessieren

Kommentarbereich

Hinweis: Dieser Kommentarbereich ist moderiert. Leser haben hier die Möglichkeit, Ihre Meinung zum entsprechenden Artikel abzugeben. Dieser Bereich ist nicht dafür gedacht, andere Personen zu beschimpfen oder zu beleidigen, seiner Wut Ausdruck zu verleihen oder ausschliesslich Links zu Videos, Sozialen Netzwerken und anderen Nachrichtenquellen zu posten. In solchen Fällen behalten wir uns das Recht vor, den Kommentar zu moderieren, zu löschen oder ggf. erst gar nicht zu veröffentlichen.

Leider kein Kommentar vorhanden!

Diese News ist älter als 14 Tage und kann nicht mehr kommentiert werden!