Unser Mann aus Haiti: Wie mich das Erdbeben verändert hat

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Datum: 26. April 2010
Uhrzeit: 16:29 Uhr
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Autor: Otto Hegnauer
Sprachkurs Spanisch (Südamerika)

Hat mich das Monstererlebnis verändert- und wie? Ich würde lügen wenn ich Nein sagte. Ich bin mit Bestimmtheit verändert, in jeder Beziehung. Und die Veränderungsprozesse sind wohl noch nicht abgeschlossen, vielleicht überhaupt nie. Die Dauer der intensivsten, direkten Einwirkungen bei mir waren ja „kurz“, beschränkt auf die zehn Biwak Tage im Freien, während es schüttelte, bebte und schoss, bis wir evakuiert wurden und wir uns beachtet und behütet fühlten.

Da gab es natürlich nackte Angst, ein für mich völlig neues Gefühl, hatte ich doch schon unzählige Erlebnisse in Gefahrensituationen in Höhlen, auf Fünf- und Sechstausendern, im Freien bei wilden Tieren, in Ausnahmesituationen in Flugzeugen und vielen mehr stets furchtlos überstanden. Alle paar Stunden schüttelte die Erde, und die umliegenden Hausmauern schwankten, und in dunkler Nacht schossen uns die Ausbrecher um die Ohren. Die Angst war nicht auszuhalten. Noch später wollte ich in Panik wegrennen, wenn in Paris tief unter dem Haus die Métro durch donnerte, im Glauben, dass es wieder bebt.

Darauf die grässlichen Medienbilder, die Zeugenaussagen, die Handy-Anrufe, bis heute – auch die hinterließen bestimmt Wirkungen, tausendfach stärker weil wir ja vorbelastet und direkt betroffen waren, aus der jüngsten Vergangenheit. Und dann erst noch der Überfall, nochmals ein Trauma. Vom zusätzlichen Schock für Melissa, als sie von ihren vier Kindern abgeschnitten wurde, sprechen wir hier gar nicht. Das folgt später. Und was mit den Millionen direkt betroffener Zurückgelassener geschieht, die all den Einflüssen seit vier Monaten ausgesetzt sind, bis heute, und die Bildung nicht haben um all das zu verstehen, das ist völlig unvorstellbar. Von diesen armen Menschen kann ich gar nicht sprechen, ich spreche von mir.

Ich spreche von verschiedenen Gruppen von andern, die wir in unserer Umgebung antrafen. Zum Beispiel von den Anwärtern, in der nächsten Verwandtschaft, die jetzt keine Anwartschaft mehr haben. Mir persönlich war es ja immerhin vergönnt, gegen zwanzig Jahre an meinem Paradies zu arbeiten und es zu genießen. Meine Frau aber kannte es nur aus den Ferien, hie und da, und träumte von einer Zukunft in ihrem ursprünglichen Heimatland, diese Zukunft ist nun verschwunden. Meine Tochter Nahomie, die in Paris studiert, hat ihr Traumzimmer und Rattanbett gar nie gesehen, weil ihr erster Besuch in Haiti erst vorgesehen war – für all diese Menschen ist der Totalverlust totaler als für mich, für sie bedeutet das den Verlust ihrer ganzen Zukunft.

Vielleicht deshalb empfand ich den Anfang in Europa etwas gespannt, die Stimmung wurde später zunehmend abgeklärter, ausgewogener, bedachter. Die fürchterlichen Traumata verschwanden mit der Zeit, ich wäre nicht erstaunt, wenn sie zurück in Haiti wieder auftreten würden. Natürlich bin ich interessanter geworden, bei Menschen die meine Herkunft kennen oder davon hören, es kommen auch immer wieder dieselben Fragen, und neue Bekanntschaften, etwa im Zug, sind ganz gewiss.

Mein Schlaf ist nicht mehr was er einmal war; während ich früher das Gefühl hatte, nie zu träumen, werden mir die allnächtlichen Träume jetzt voll bewusst.. Es sind jedoch keine Alb- oder Angstträume, sondern betreffen normale Geschehnisse, wie sie in Wirklichkeit ablaufen könnten. Sie stören mich insofern keineswegs. Ich wurde auch schreckhaft, was ich vorher nie war. Ich erschrecke jetzt relativ oft und wegen „nichts“, fahre zusammen und reagiere verstört.

Ich bin auch zurückhaltender und nachdenklicher geworden, zudem bescheidener, anspruchsloser, spartanischer. So ging ich mit meiner Frau bereits Garten- und Freizeithäuschen besichtigen, im Hinblick auf einen neuen, zukünftigen Wohnsitz. Ein bisschen sehe ich mich ferner im Spiegel von Leserreaktionen. Die schreiben mir etwa, man spüre in meinen Beiträgen, wie ich mich von Tag zu Tag mehr festige und auch schon wieder den Mut gefunden habe, zurück nach Haiti zu kehren, oder ich sei im Begriffe, wieder zu meinem alten Humor zurückzufinden. Solche Zuschriften sind natürlich Aufsteller, und nur mit Aufstellern lässt sich in dieser Situation weiterleben.

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wandere aus, solange es noch geht

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Die exklusive Haiti-Kolumne im latina press Nachrichtenportal von Otto ‚Swissfot‘ Hegnauer. Der ehemalige Lehrer lebt seit mehreren Jahrzehnten auf Haiti und berichtet exklusiv von seinem täglichen Leben auf der Insel Hispaniola.

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