Haiti als Einwanderungsland

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Datum: 30. Oktober 2009
Uhrzeit: 13:20 Uhr
Leserecho: 0 Kommentare
Autor: Otto Hegnauer
Sprachkurs Spanisch (Südamerika)

Gressier-LadungIch erhielt wieder einen Brief von einem Einwanderungsinteressierten, den ich gleich öffentlich beantworte:

Lieber Insel-Aspirant,

danke für Deine Mail, zu der ich folgendes sagen möchte:

Deine Freundin ist Haitianerin und Du willst mit ihr eine gemeinsame Zukunft in Haiti bauen und in Port-au-Prince leben, wobei es in Haiti auch noch schönere Städte gibt, in denen sich mit einem Auto gut leben lässt. Vielleicht das Modegeschäft in der Hauptstadt, besser in Pétion-Ville, und Pendeln zum Wohnort andernorts.

Dass dort alles anders ist als in der übrigen Welt hast Du ja von Deiner Freundin sicher gehört. Unbedingt wichtig ist, vorher mal in die Ferien zu kommen und das Land kennen zu lernen. Ich kenne Leute jedweder Nationalität, die diese Welt „hinter dem Mond“ überhaupt nicht ertrugen, rasch möglichst wieder abzogen und nie mehr zurückkehren würden. Andere sind sofort „angefressen“ und würden am liebsten gleich hier anwachsen. Haiti polarisiert, es gibt nur zwei Möglichkeiten: entweder man verfällt dem Land, oder man flieht schnurstracks, wie vor dem Teufel. „Strom“ oder „Kein Strom“, wie in der Digitalwelt üblich.

Ich kenne Schweizer und Deutsche, die erfolgreich Ähnliches realisierten. Ich kenne auch solche, die wieder abreisten – zum Teil weil sie nur ihre eigene Muttersprache beherrschen, und hier spricht man alles andere als Deutsch. Ich nehme an, Du kannst wenigstens etwas Französisch, für mich ist das das Minimum. Aus Sicherheitsgründen kann man heute hier ohne weiteres leben, da hege ich momentan keine Bedenken, da Du eine haitianische Freundin hast. Trotzdem würde ich Dir empfehlen, Langezeit nicht allein auszugehen, auf Schusters Rappen schon gar nicht. Ohne Haiti-Begleitung wäre das ganz und gar verantwortungslos.

In der Dominikanischen Republik oder gar in Santo Domingo zu leben, das würde ich schon gar nicht empfehlen. Die Sicherheitslage ist dort katastrophal; täglich liest man von Morden und kapitalen Verbrechen, während es in Port-au-Prince diesbezüglich seit einiger Zeit ruhig ist. Dort ist auch das Mietpreisniveau und das Preisniveau für Lebensmittel NOCH höher als in Haiti, und auch in Sachen Bürokratie und Bewilligungen sehe ich keine Erleichterung. Auch ist dort drüben Spanisch ein Muss.

Dass Deine Freundin nicht in Deutschland leben möchte, dafür habe ich volles Verständnis. Ich lebe jetzt seit zwanzig Jahren hier und habe schlimme Zeiten erlebt, aber ich hätte trotzdem nie zurückkehren wollen, schon früher nie und jetzt noch weniger. Aber ich bin ja zum Glück auch nicht „normal“, wenigstens nach Zitat gewisser Freunde.

Eine Aufenthaltsgenehmigung dürfte problemlos erhältlich sein und jährlich vielleicht 100 US$ kosten. Über eine Arbeitsbewilligung für Dich kann ich keine Antwort geben, aber als in Haiti verheirateter Ausländer und gelernter Fachmann wirst Du die vermutlich bekommen, und zur Zeit braucht es sehr viele Baufachleute. Ob Dir das den erhofften Verdienst bringt, ist eine andere Frage, auf dem Bau arbeiten – verbotenerweise – selbst Kinder, und das „Lohnniveau“ ist fürchterlich und reicht nicht aus, um Ernährung und Miete sicherzustellen. Zudem ist in der Hauptstadt das Mietpreisniveau im Gegensatz zum Lohnniveau extrem hoch. Ohne einen Grundstock an Erspartem geht es wirklich nicht, mindestens für den Anfang.

Deine Freundin möchte ein Bekleidungsgeschäft eröffnen und zwar in der Dominikanischen Republik die Kleidung einkaufen um sie in Haiti wieder zu verkaufen. „Kann das funktionieren und wir davon leben?“ Wenn Du mich so direkt fragst, muss ich ehrlicherweise verneinen! In der Dominikanischen Republik sind die Preise für Textilien viel höher als hier. Ihr müsst dort einkaufen, wo die Preise billiger sind, sonst legt Ihr drauf statt zu verdienen. Die hiesigen Händler kaufen Kleider in Miami oder Panama ein, schiffen sie auf die Insel rüber und führen sie per Camion, der auch bezahlt sein will, auf die Märkte. Oder sie bezahlen die hohen Mieten für eine Boutique in Pétion-Ville.

Die Lebenskosten sind sehr variabel und hängen wirklich von Deinen Ansprüchen ab. Wenn Du im Supermarkt einkaufst, zum Beispiel im „Carabienne“ in Pétion-Ville, zahlst Du etwa wie in einem europäischen Einkaufscenter oder etwas mehr, findest aber eine ähnliche Auswahl und Qualität. Wenn Du in einem Straßen-Markt oder auf einem einheimischen Marktplatz in der Hauptstadt oder auf dem Lande einkaufst, kannst Du Güter der lokalen Produktion unter Umständen sehr billig ergattern, der Preis hängt stark von Deinem Verhandlungsgeschick ab.

Du darfst aber nicht vergessen, dass die Nahrungsmittel auf diesen Märkten oft in Abfällen, Schlamm und Schmutz präsentiert werden und unseren hygienischen Bedürfnissen kaum entsprechen.

„Mietkosten, wenn man keine großen Ansprüche stellt ?“ Die sind sehr hoch, wenigstens in der Hauptstadt. Und mit den bescheidenen Ansprüchen – da kann man natürlich auf eine Wellblechunterkunft ohne Wasser und WC stoßen, nicht einmal die ist billig. Und auch hier: in Santo Domingo ist auch das NOCH schlimmer. Vergleiche doch mit den Mietangeboten in europäischen Millionenstädten, bezüglich Preisen, Ausstattung und vor allem Verfügbarkeit!

Ich schließe, wie ich begonnen habe: Unbedingt wichtig ist, vorher mal in die Ferien zu kommen und das Land kennen zu lernen. Du schreibst, im April/Mai wahrscheinlich in Haiti zu sein. Aber nicht allein bitte! Im April kannst Du mich dann gerne mal treffen, im Mai bin ich unterwegs. Ich werde diesen Brief gleichzeitig als Artikel veröffentlichen, da er auch andere Auswanderungswillige interessieren wird. Und nun kann ich Dir nur noch viel Glück wünschen!

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Die exklusive Haiti-Kolumne im latina press Nachrichtenportal von Otto ‚Swissfot‘ Hegnauer. Der ehemalige Lehrer lebt seit mehreren Jahrzehnten auf Haiti und berichtet exklusiv von seinem täglichen Leben auf der Insel Hispaniola.

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