Hurrikan „Matthew“ in Haiti: Waffeneinsatz gegen verzweifelte Menschen in den Katastrophengebieten

argentinien

Argentinische Blauhelmsoldaten versorgen Hurrikan-Opfer (Fotos: Logan Abassi UN/MINUSTAH)
Datum: 31. Oktober 2016
Uhrzeit: 18:29 Uhr
Leserecho: 3 Kommentare
Autor: Redaktion
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Hurrikan „Matthew“ war ein sehr starker tropischer Wirbelsturm über dem Karibischen Meer. Der Orkan zog mit andauernden Windgeschwindigkeiten von bis zu 230 km/h über Haiti, Jamaika, Kuba und Teile der Dominikanischen Republik. Im Süden Haitis wurden mindestens 29.000 Häuser/Hütten zerstört, Hunderte Menschen fanden den Tod. Haitis Regierung bat die USA offiziell um Hilfe, am 4. Oktober bereitete Washington den Flugzeugträger USS George Washington, das Hospitalschiff USNS Comfort – das bereits nach dem Erdbeben in Haiti 2010 Tausenden Hilfe geleistet hatte – und das Transport Dock USS Mesa Verde für Hilfsmaßnahmen in Haiti vor. Über 100 Soldaten mit neun Hubschraubern wurden nach Port-au-Prince entsandt, mindestens 350.000 Menschen in Haiti benötigen Hilfe. Vor wenigen Tagen tauchten in verschiedenen Blogs Meldungen darüber auf, dass sich zivilgesellschaftliche Organisationen und Parteien gegen die Militarisierung der humanitären Hilfe ausgesprochen haben sollen. Auf Anfrage von Agência latinapress gab Jürgen Schübelin, Leiter des Lateinamerika Referats bei der „Kindernothilfe“, folgende Information.

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„Ja: Diese Übergriffe und den Einsatz von Schusswaffen gegen verzweifelte Menschen, die versuchten, Fahrzeuge mit Hilfsgütern aufzuhalten – oder bei Verteilaktionen etwas abzubekommen, hat es im Süden von Haiti gegeben. In dem Artikel von Boris Herrmann in der Süddeutschen Zeitung vom 19.10.2016 („Vergessene Welt“) werden Szenen beschrieben, in denen UN-Blauhelmsoldaten im Süden Haitis mit Tränengasgranaten in eine aufgebrachte Menschenmenge feuerten. Wir selbst haben auf unseren Fahrten nach Port-à-Piment mit Pumpguns bewaffnete haitianische Polizisten gesehen – und fotografiert -, die einen Lieferwagen eskortierten. Alles extrem martialisch, aber jetzt auch nichts wirklich Ungewöhnliches in Haiti. Für große Irritation sorgte in der vorvergangenen Woche unter haitianischen Parlamentariern die Entscheidung von Übergangspräsident Jocelerme Privert, der Regierung der Dominikanischen Republik zu gestatten, einen Konvoi mit Hilfsgütern und schwerem Gerät (Bagger, Lastwagen, Schaufellader) durch 150 bis an die Zähne bewaffnete Soldaten einer Spezialeinheit des Heeres der DomRep „beschützen“ zu lassen. Die Beziehungen zwischen der DomRep und Haiti sind extrem angespannt (Deportation haitianisch-stämminger Bürger). Die Streitkräfte der DomRep bilden aus diesem Grund auch nicht Teil der UN-MINUSTAH-Schutztruppe.

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Nach der Intervention der Opposition im Parlaments mussten diese „Beschützer“ dann auch schnell und diskret wieder abgezogen werden. Wie ja bereits mehrfach berichtet, gibt es zunehmend Vorbehalte in Haiti gegen die MINUSTAH-Präsenz (Mission des Nations Unies pour la stabilisation en Haïti) im Land. Nach meiner Beobachtung kommt diese Kritik jedoch weniger von Nicht-Regierungs-Organisationen, sondern stärker aus verschiedenen politischen Parteien – und von einigen der Präsidentschaftskandidaten z.B. Eric Jean-Baptiste, der seinen gesamten Wahlkampf auf diesem Thema aufgebaut hat“.

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  1. 1
    Martin Bauer

    Man muss den Fakten ins Auge sehen: Schon in „normalen“ Zeiten sind Transporte von Lebensmitteln und anderen hochwertigen Gütern in ganz Lateinamerika hohem Risiko ausgesetzt, überfallen und ausgeraubt zu werden. Ein Freund von mir fuhr ganz normale LKW Transporte zwischen Manaus und São Paulo und konnte gar nicht mehr zählen, wie oft er mit vorgehaltener Waffe aus dem Fahrzeug genötigt wurde, dann allein auf einer Landstrasse in der Wildnis stand und der LKW am Horizont verschwand. Wir alle waren froh, dass er diese Phase überlebte.

    Keiner ist bereit, wem auch immer zu helfen, wenn er dabei seine Haut zu Markte trägt. Er hat ein Recht auf angemessenen Schutz. Und wenn das den Hilfeempfängern als „unschön“ erscheint und sie sich beklagen, dann scheinenden sie diese Hilfe entweder nicht zu benötigen oder nicht zu wollen.

    • 1.1
      Klaus Sauerland

      Moin in die Runde, Herr Bauer hat ‚leider‘ Recht. Diese ’normalen‘ Zeiten habe ich persönlich mitbekommen und bedauerlicherweise ist NICHTS besser geworden seitdem. Fragt doch einfach die Menschen vor Ort. Auch sind mir die Verhältnise in Haiti bekannt und die Diskrepanz zwischen den beiden Staaten auf dieser Insel. So schrecklich es den Aussenstehenden erscheint, es wird in absehbarer Zeit keine, uns genehme, Lösung geben können. Die Frage bleibt: ‚Warum nicht?‘ Freue mich sehr auf eine Antwort aus der Mitleserrunde. Ich suche seit Jahrzehnten danach!

      • 1.1.1
        Martin Bauer

        Für Haiti bin ich nun wirklich kein Experte, zumal ich niemals dort war. So kann auch ich keine Faustformel als Erklärung liefern. Ein Blick auf seine Geschichte liefert auch keine, zumindest aber ein paar Anhaltspunkte.

        Aus dem einst reichsten Land Lateinamerikas wurde über Nacht die älteste unabhängige Republik schwarzer Bevölkerung der Welt, womit eigentlich schon fast alles gesagt ist. Dies war ganz sicher ein übereilter Schritt, ohne die für eine funktionierende Demokratie nötigen strukturellen und bildungsmässigen Grundlagen. Zudem schöpfte Frankreich für lange Zeit den Reichtum ab, als „Gegenleistung“ für die Anerkennung der Unabhängigkeit. Was hat denn Frankreich an andere Länder gezahlt, für die Anerkennung als Republik? – Völlig desaströs für Haiti war die Bodenreform, bei der die grossen Plantagen an Kleinbauern aufgeteilt wurden. Dies mag man als soziale Gerechtigkeit bezeichnen, führte aber zum Einbruch der Produktion, zum Absterben der Exporte und schliesslich zu Hunger im eigenen Land. Somit waren die Ressourcen hinüber und die Weichen gestellt für extreme Armut. Das Land fiel in Verhältnisse zurück, wie wir sie aus Zentral Afrika kennen, hohe Anfälligkeit für bestialische Diktatoren eingeschlossen. Die Europäer überliessen Haiti seinem Schicksal, einer Form von „Freiheit“, für die es einfach nicht reif war. U.S. Amerikaner interessierten sich lediglich für seine Bananen, was weder Land noch Leute weiter brachte. Heute spielen sich dort die Regierungen von Kuba und Venezuela gerne als „Guter Onkel“ auf, doch die kriminellen Möchtegern-Imperialisten sind selber nicht überlebensfähig.

        Man kann es drehen und wenden wie man will, unter Berücksichtigung von allem durch weisse Kolonialisten in Haiti begangenem Unrecht, hat man letztendlich doch den ehemals schwarzen Sklaven ein Land überlassen, dass sie selber gestalteten, so wie es ihrer Natur entspricht, wie sie es aus Afrika kannten: Eine Sippe ist an der Macht, alles was geschieht dient deren Wohlergehen, zu Lasten aller anderen. Land und Volk sind völlig gleichgültig, ebenso ein Menschenleben. Früher lösten Speer und Machete Konflikte, heute eine AK47 oder Heckler & Koch. Letztere bringen zumindest einen schnelleren Tod, für den die Hutu in Ruanda von jedem Huti, der dafür zahlen konnte, $30 verlangten. Wer die nicht hatte, wurde langsam zerhackt. Sich das Leben zu erkaufen, war keine Option.

        Wenn andere Völker darüber nachdenken, den erst versklavten, gefolterten, geknechteten und dann in herablassender „Grosszügigkeit“ in Freiheit und Unabhängigkeit entlassenen Schwarzen ihre Wertmaßstäbe und Verhaltensweisen aufzuzwingen, wo bleibt dann deren Freiheit und Unabhängigkeit? Wir weissen Christen haben Weltkriege führen müssen, haben Giftgas, radioaktive Strahlung und Napalm auf „unseren Nächsten“ losgelassen, bis wir begannen, den Wert von Leben und Freiheit schätzen zu lernen. Dieser Prozess ist noch längst nicht abgeschlossen, nicht mal Hammer & Sichel und das Hakenkreuz sind überwunden, und nichts deutet darauf hin, dass dies irgendwann der Fall sein wird.

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