Meine Rückkehr nach Haiti: Reise in Hölle und Himmel

Datum: 12. Mai 2010
Uhrzeit: 00:27 Uhr
Leserecho: 0 Kommentare
Autor: Otto Hegnauer
Sprachkurs Spanisch (Südamerika)

Die, welche ein Tagebuch bestellten und mitfühlen möchten, will ich nicht enttäuschen. Für latina-press berichte ich exklusiv- nicht vom heimischen Wohnzimmer oder von abkopierten Zeitungsberichten, sondern direkt vor Ort- von meiner Rückkehr nach Haiti, das sich die Karibikinsel Hispaniola mit der Dominikanische Republik teilt. Über die erste Teilstrecke, den Zubringer nach Paris, ist nichts zu sagen. Außer dass ich mir frühmorgens als Vielgereister etwas dumm vorkam, auf dem Flughafen Zürich statt dem gewohnten freundlichen Hilfspersonal mit dem üblichen Swissair-Lächeln Maschinen mit doofen Anweisungen vorzufinden. Ich hatte ganz vergessen, dass die Swissair ja nicht mehr existiert, und dass man jetzt eben mit Robotern verkehrt und die netten Mädchen vergessen muss. Nach ein paar Versuchen in unpassenden Schlitzen stieß ich meinen Pass ins richtige Loch, man muss eben jeden Tag lernen, auch das was man nicht will, und dann kam über den Bildschirm die Benutzerführung, zum Glück hatte ich „Deutsch“ eingestellt.

Die führte mich schließlich nach Paris-Charles De Gaulle, und wie dem so ist, komme ich bei den Sitznachbarn einfach nie mehr ums Thema „Haiti und Erdbeben“ herum. Schließlich fragen sie dich ja alle, wo das Reiseziel sei, besonders weil ich diesmal in auffälligen Wanderschuhen reise. „Hölle“ oder „Himmel“ kannst du ja nicht antworten – du würdest verdächtig. Und lügen sollte man auch nicht, sagt man. Und sagt man die Wahrheit, dann ist es geschehen. Alles Übrige könntest du ab einer Platte abspielen, denn es folgt immer das Gleiche, und man weiß zum voraus, dass jetzt die Reise zu kurz wird.

In Charles De Gaulle lagern die Menschen kreuz und quer, auch neben den Stuhlreihen, neben- und übereinander am Boden, und sie tackern so laut, dass ich die Durchsagen im Lautsprecher nicht mehr verstehe, sie laufen ohnehin viel zu hektisch ab, die sollten mal zu den Sprecherinnen des Zürcher Hauptbahnhofs in die Lehre gehen. Schließlich geht’s doch ab, mit fast zwei Stunden Abflugverspätung. Doch man muss froh sein, dass es nicht noch mehr werden, und dass es überhaupt ab geht. Eine Lautsprecherstimme belehrt uns, dass die Verspätung von isländischer Vulkanasche stamme, die den ( Flug- )himmel wieder unsicher mache. Ich schrieb ja, wie irre Vulkane die Flugwelt versklaven, wobei ich nicht weiß, ob diesmal wirklich Katla oder der Zungenbrecher schuld war.

Jedenfalls schienen die isländischen Sklavenherrinnen auch die Flugroute zu beeinflussen. Ich nutzte heute jedenfalls intensiv das Flugrouten-Fernsehprogramm, das uns ganz ungewohnte Umwege zeigte. Oder führt der kürzeste Weg nach Haiti etwa normalerweise über Spanien und Südportugal? So überflogen wir die eigentlich zu Afrika gehörenden Kanarischen Inseln, und ich musste an meinen Freund Sepp denken, der ungefähr zur gleichen Zeit hierher unterwegs war und jetzt vielleicht gerade tief unter uns landete, um sich in seiner Ferienwohnung zu erholen. Stattdessen beginnt für mich zum zweitenmal die Szene mit den Sitznachbarn und dem oben geschilderten Thema „Haiti und Erdbeben“. Man muss, wie Sie wissen, immer die Vorteile suchen: der Flug geht rascher vorbei, und die Nachbarn fragen stets nach der Adresse dieser Geschichten, einer wollte sie sogar kaufen. Das gibt doch neue Leser!

Doch langsam begann ich um die Zeit zu fürchten, denn die am Bildschirm angezeigte Ankunftszeit am Zielort wurde immer unwahrscheinlicher. Wenigstens waren Essen, Trinken und Bedienung ein Aufsteller, und anstelle des früheren, sympathischen Swissair- stellte sich ein Air-France-Lächeln ein, das auch nicht zu verachten war. So gingen die zehn Flugstunden schließlich doch vorüber, auch wenn man „wie im Flug“ nicht gerade sagen kann.

Allerdings staunte ich nicht schlecht, als der Vogel zu einer Zwischenlandung in Punta Cana ansetzte, zu einer Zeit, als er nach Plan schon seit zwei Stunden in Santo Domingo hätte sein sollen und ich wusste, dass ich dort von Melissa und einem Taxifahrer erwartet wurde. Das überfüllte Flugzeug leerte sich, und es blieben nur sechs Passagiere. Ich hätte geglaubt, jetzt hebe der Vogel wenigstens wieder ab, aber weit gefehlt. Es kam eine Dutzendschaft in orangefarbenen Arbeitskleinern, räumte das Flugzeug auf, kontrollierte und ersetzte Decken und Kissen und begann zu staubsaugen und putzen. Jetzt wurde ich aber nervös. Noch nervöser als draußen Maschinen und Förderbänder auffuhren und begannen, die Laderäume erneut vollzustopfen. Nach viel zu langer Zeit kam, was kommen musste: neue Passagiere füllten das Flugzeug erneut, und einer hatte sogar einen Bordpass für meinen Sitz! Den ich natürlich verbal verteidigte. Die Air Line hatte jetzt offenbar Plätze doppelt verkauft, denen muss es ja schlecht gehen!

Als die Maschine abhob, war es schon lange Nacht, eine Sitznachbargeschichte wiederholte sich wie üblich, und mit vierstündiger Verspätung landeten wir in Santo Domingo. Zum Glück erwies sich die Befürchtung, mein Gepäck sei nicht ausgeladen worden, als falsch. Nach einigem Warten am Karussell erschien der rote Koffer, und ich marschierte unbehelligt an Zoll & Co. vorbei, diesmal ohne Betastungen etc. ( Damen am Zoll ).

Und zum noch unglaublicheren Glück erwies sich auch die Befürchtung, meine Melissa hätte bestimmt die vier Stunden Wartezeit nicht ausgehalten, als falsch. Mitsamt dem lieben Taxichauffeur Daniel hat sie das ausgehalten, und wir umarmen uns gebührend. Natürlich feiern wir das Begebnis nach alter Gewohnheit im chinesischen Restaurant, und diesmal ist Dani eingeladen und dabei, er hat es verdient.

Photo copyright©by Otto Hegnauer/latina press

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Die exklusive Haiti-Kolumne im latina press Nachrichtenportal von Otto ‚Swissfot‘ Hegnauer. Der ehemalige Lehrer lebt seit mehreren Jahrzehnten auf Haiti und berichtet exklusiv von seinem täglichen Leben auf der Insel Hispaniola.

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