Der Weg zum Himmel ist mit höllischen Vorsätzen gepflastert

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Datum: 18. Mai 2010
Uhrzeit: 23:22 Uhr
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Autor: Otto Hegnauer
Sprachkurs Spanisch (Südamerika)

Es ist morgens um drei, um vier wollten wir aufstehen. Es geht heute weiter, dorthin wo man Himmel und Hölle nebeneinander sieht. In der Nacht war der Techniker von Orange noch da, er schaffte es, das Internet endlich in Gang zu bringen. Ich konnte meine Geschichten der letzten Tage wenigstens ins Netz übermitteln, zum Lesen und Beantworten der Emails und Facebooks war ich zu müde und schob das auf, auf die Nacht. Als ich gegen Mitternacht wieder erwachte und ins Netz steigen wollte, war es wieder wie bisher, ein Firewall oder ein anderes Teufelsding blockierte all meine Anstrengungen. Ich werde im Himmels- und Teufelsland wieder Hilfe suchen müssen, manchmal helfen einem ja bekanntlich selbst die Teufel.

Da steigt mir Peter in den Kopf, mein Freund und Arzt, den ich kürzlich noch besucht hatte, und der mich großzügig unterstützte. Beim Abschied meinte ich, als Antwort auf seine guten Wünsche und angepasst an seine fast übersinnliche Art, der Herr Jesus werde mir schon helfen, wie immer bisher. Er antwortete, dieser Herr helfe tatsächlich, aber nur wenn man an ihn glaube. Und meine Frau Rosi hatte beim Abschied in Zürich gemeint, „Wir sehen uns ja im Himmel wieder, das nächstemal, vielleicht“. Und ich entgegnete oder dachte wenigstens, „wenn wir nicht vorher verbrennen, unterwegs durch die Hölle…“.

Das Thema wurde langsam himmlischer, und es ist besser, sich auf die Erde zurückzubesinnen. Denn auch der Himmel trübte sich ein, Vulkanasche aus Island hatte uns den Weg vermiest, so durfte ich wenigstens nochmals mein Afrika sehen. Von weit oben. Das Gerücht ging um, in ein paar Tagen werde Air France und der ganze Luftverkehr wieder eingestellt, also nichts wie der Teufel weg von Europa, weit weg nach Haiti!

Dort werden die Themen langsam politischer. Auch die Schweizer Entwicklungshelfer haben sich schon zu hunderten massiert und bearbeiten die Probleme der Ernährung, der Medizin, der Erstellung einer lebenswerten Umwelt, des Wiederaufbaus, und all die andern. Sie fühlen sich offenbar schlecht geschützt durch die Amis, die wieder anderen Interessen nachlaufen sollen, und die andern Blauhelm-Nationen weitgehend hinaus gemobbt haben. Erdbeben-umgekommen können sie ja nicht alle sein, und etwa die Truppen der beiden Chinas lassen sich wohl nicht so glimpflich vertreiben. Also müssen Schweizer Soldaten her, die schützen ihre Landsleute besser, und üben auch schon zielgerichtet darauf hin. Mit Abseilen auf Kidnapper-Nester aus Helikoptern etwa, wie im Schweizer Fernsehen vorgemacht….

Und die Themen werden medizinischer. Laurence, eine gerade hier lebenden Haiti-Schweizer-Ingenieurin, bestand darauf, die schwer erkrankte Melissa im Spital untersuchen zu lassen und brachte sie gestern hin. Die Untersuchung dauerte den ganzen Tag über, Laurence wies mein Angebot zur Bezahlung der Kosten großzügig zurück, danke dafür! Die Ärzte stellten geharnischte Virenangriffe fest, einmal nicht von Computerviren, sondern von Kadavern und Abfällen, obschon meine Hauptstütze recht sauber lebt (sie behauptet, sauberer als ich). Einige massive Antibiotika-Injektionen, Rezepte gegen die Nachbeben und ein Reiseverbot für zwei Tage waren die Folgen, an letzteres will sich Melissa natürlich nicht halten, sie will heute noch ihre Kinder sehen.

Und die Themen werden eingemachter. Nicht nur hat Präsident Préval zwanzig Seismo-Stationen im Land aufgestellt und vernetzt, er hat auch vor weiteren schweren Erdbeben gewarnt, und nach Mitteilung von Laurence bebt es auch in der Dominikanischen Republik zunehmend, vor ein paar Tagen mit Stärke 5. In Haiti dasselbe, Melissa übernachtet in der Regel immer noch im Freien, da ist man sicher vor einstürzenden Mauern. Mir wird dasselbe Schicksal heute Abend auch blühen.

Also nichts wie los, und selber sehen. Wir taxeln zur Coachline-Station, letzte Papier- und Geldsachen werden abgehakt, und pünktlich um sieben geht’s los. Auch Ulli der Inder kommt mit uns rüber; als Alternative hat er uns offeriert, in Léogâne im großen Zelt eines Hilfswerks zu schlafen. Na, werden mal sehen. Nach fünf Stunden überqueren wir die Grenze, an Dutzend schwerbeladene Tiefbettanhänger vorbei. Sie schleppen hunderte von vorfabrizierten Holzhäusern nach Haiti, wie wir wahrscheinlich auch bald eines erhalten werden. Bald sehen wir auf einer Anhöhe auch das erste bereits fertiggestellte Holzhaus, es ist noch nicht Hurrikan-, aber wenigstens erdbebensicher.

Im Übrigen begegnen wir schon bald nach der Grenze den ersten Zeltstädten auf den Anhöhen. Insgesamt kreuzen wir wohl deren zwanzig bis rein in die Hauptstadt. Viele beherbergen zehntausend oder mehr Opfer, sodass allein an dieser Straße wohl Hunderttausende provisorisch untergebracht sind. Es ist wieder trocken und die Sonne scheint, aber wenn wir an die vier Monate Platzregen, Schlamm und Morast denken, ist die erbrachte Leistung großartig.

Das erste eingestürzte Haus beobachten wir zehn Kilometer vor Bois-de-Bouquet, dann sieht man kleinere Schäden und einige Häuser, die noch abgerissen werden müssen. Kein Vergleich mit dem Schreckensbild, das sich im Lichte der Autoscheinwerfer unseren Augen auf der Flucht am 22.Januar bot, auf unserer letzten Fahrt über die damals kaum begehbare Route-des-Frères. Damals sah man kein noch stehendes Haus, tausende und abertausende eingestürzter Häuser, wohl noch mit unzähligen Toten darunter, boten ein Bild, das ich nie mehr vergessen kann. Erst jetzt sieht man, dass doch etliche Bauten zwischen den Trümmern stehen blieben. Die Trümmer sind bis auf Ausnahmen weggeräumt, die stehen gebliebenen Häuser gereinigt, repariert und oft farbig angemalt, und auf den freien Flächen und in den Seitengassen Wohnzelte und solchen von Händlern und Geschäften. Auf einigen noch stehenden Häusern ist mit roter Farbe, ungelenk aufgemalt „A démolir“, muss abgebrochen werden. Die Märkte scheinen zu funktionieren, und die Warenangebote sind sauber und funkeln in leuchtenden Farben.

Die Schreier haben immer wieder die erreichten Fortschritte geleugnet, sie haben nie genug, besonders an materieller Hilfe, und wollen mehr und lieber Bares, lieber gleich millionenweise, das sei jetzt vorhanden und solle gleich verteilt werden, meinen sie. Aber es sind, wie so oft, die unzufriedenen, lautstarken Minderheiten, die sich immer zuerst Zutritt zu den Medienleuten verschaffen und die man allein hört. Vielen Schreiberlingen geht es mehr um Profit als um Wahrheit. Sie haben über die Irreleitung der Hilfsgelder an Diebe und Profiteure, über fehlende Fortschritte in Haiti um die Wette gemeckert. Höchste Zeit, dass ich endlich da bin und das Gegenteil feststellen kann. Ich bin begeistert ob der gewaltigen Arbeit, die dieses Volk geleistet hat in den vier Monaten, trotz Regen und Schlamm, weiterer Beben und lauter Widerwärtigkeiten. Nein, dieses Volk ist in Ordnung! Wenn mir die Medienleute nur auch einmal glauben würden, und nicht nur den Schreiern!!!

Melissa ist leider immer noch krank, aber das wird sich jetzt ergeben, so denken wir, und die Begrüßung bei ihrer Familie ist überaus herzlich. Netzstrom läuft noch nicht, aber Strom gibt es kärglich von einer Batterie, und mein Laptop ortet auch verschiedene Netze, wobei wir erst den Vertrag mit einem Provider erneuern und die Verbindung bezahlen müssen, ich glaube, dass dann das Internet funzt.

Am Ende meiner Geschichten habe ich oft einen Link platziert, den ich gerne nutzte: es war ein hervorragender Link auf das Land und seine Fortschritte. Er ist weitläufig geworden. Aber wenn man den Franzosen glauben will, gibt es ja Haiti als Land nicht mehr. Obschon ich gerade jetzt, nach der Fahrt durch die letzten Trümmerhaufen und durch die üppig aufblühenden Lebensfelder meine Meinung bestätigen kann, dies sei das tapferste, kraftvollste Land der Erde, sehe ich dass dieses wunderbare Aufbäumen der Menschen hier nur durch das Vereint sein mit der Welt möglich sein kann. Haiti ist nicht mehr das von der ganzen Welt vergessene Land das es lange war. Die ganze Welt IST hier um zu helfen, und man baut gemeinsam auf.

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wandere aus, solange es noch geht

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Die exklusive Haiti-Kolumne im latina press Nachrichtenportal von Otto ‚Swissfot‘ Hegnauer. Der ehemalige Lehrer lebt seit mehreren Jahrzehnten auf Haiti und berichtet exklusiv von seinem täglichen Leben auf der Insel Hispaniola.

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