Ulli wühlt sich durch

Wassersammler

Datum: 19. Mai 2010
Uhrzeit: 21:49 Uhr
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Autor: Otto Hegnauer
Sprachkurs Spanisch (Südamerika)

Ulli ist nicht nur ein Abenteurer, er ist vor allem ein Lebenskünstler. Nicht nur in den Urwäldern des Himalaya, auch in den Mangrovesümpfen der Nachbarrepublik hat er mit nichts überlebt. Davon berichte ich ein andermal. Sie sehen, ich werde reicher durch das Erdbeben. Immer reicher, diesmal an Geschichten. Ich werde gelegentlich auch solche erzählen, die mein Freund Ulli erlebt hat. Denn die sind mindestens ebenso interessant.

Er hat sich auf dem Dach der Bergburg häuslich eingerichtet und kann so die sagenhaften Augenweiden, Ohrenschmause und Herzensstimmungen noch besser auskosten und genießen. Er hat Planen gespannt um allfälliges Regenwasser aufzufangen, aber es kommt gar keines. Bis kürzlich war das Zuviel an Wasser ein Problem, die Menschen ertranken im Morast und selbst Baumaschinen hatten keinen Zutritt, dann das Gegenteil, seit Tagen Trockenheit und Wassermangel. Das sind die extremen Schwankungen in diesem Land, denen kaum beizukommen ist.

Das Wasser ist ausgegangen, und auch der Strom ist ausgegangen und lässt sich nicht ersetzen. Verbindung gibt’s auch keine, sorry für meine enttäuschten Leser. Ich versuche mit meinen gichtigen Fingern zu kritzeln und den übrigen Tag um die Ohren zu schlagen. Melissa ist immer noch krank, wimmert und stöhnt. Wundert mich auch nicht bei der wasserlosen Wascherei hier. Und Ulli hat sich durchgekämpft bis ganz unten zum Meer, Er sucht die nötigsten Werkzeuge, um auf dem Dach eine Wasserfassung zu bauen, und er bringt das auf Englisch fertig. Das fehlende Wasser ist das größte Problem. Die Wolken sind schwarz und schwanger, aber sie halten nicht, was sie versprechen. Doch wenn es endlich regnet, wollen wir das kostbare Nass wenigstens sammeln und speichern können.

Meine Frau, die ja haïtistämmig ist und die Sache kennt, hat mich erstaunlich gut ausgestattet. Da waren die Steigbügel, angepasst an meine übertriebene Schuhgröße. Da war ein neues Schweizer Handy, in das zügelte Melissa einfach den Chip meines alten Klapperkastens und siehe da – ich habe ein Telefon mit meiner altgewohnten Nummer! Da waren so kleine Diebes- und verlustgefährdete Mini-Elektro-Dinger aber niedlich und nützlich, Solarlader für Handies, Mini-Dynamo-Lampen, Dynamo mit USB-Adapter, aufladbare Mini-Accus für Fotokameras und andere Spezialitäten, die zu einem Abenteurer und Lebenskünstler gehören. Ja, meine Frau hat sich etwas gedacht bei diesen Käufen.

Aber ich wollte ja nicht von meinem unfreiwilligen Ruhetag, sondern von den Abenteuern Ullis berichten, der sich in vierstündigem Marsch durchgekämpft hat bis zur Küste. Das Durchwühlen durch die völlig verstopften, fast unpassierbaren Strassen und Gassen sei schier unmöglich gewesen. Sowohl die haitianischen als auch die vermeintlich besser erzogenen weißen Autoraudis der bekannten Organisationen und Hilfswerke hätten sich durchgeboxt mit Hupen und Ellbögen. Meine bekannte Meinung, der „Westen“ kenne nur zwei Werte, Geld und Gewalt, hatte sich auch hier bestätigt. Ulli wurde oft fast zermalmt zwischen den Fahrzeugen, und es galt die Regel: Vortritt hat stets der Stärkste. Gute vier Stunden wieder zurück, und was dazwischen lag, wohlverstanden. Jedenfalls waren wir alle erleichtert, als unser Inder beim Eindunkeln wieder auftauchte und zu erzählen begann, und darob beinahe den Hunger vergaß.

Die anfängliche, auch mit mir geteilte Begeisterung über den Stand der Aufräum- und Reiningungsarbeiten war verflogen. Unsere Beurteilung schien nur auf die höher liegenden, trockenen und „besseren“ Quartiere zuzutreffen. Unten in der Hauptstadt, bei der Hauptbevölkerung, den Millionen von Armen, sei noch kein Fortschritt erkennbar. Es sei, wie wenn hier überhaupt noch nichts gemacht worden sei. Ich entgegnete, man müsse den Entscheidern immerhin zugute halten, dass bis vor wenigen Tagen Regen und Pflutsch geherrscht hätten und der Zutritt gar nicht möglich gewesen sei. Man hätte die Trocknung des Bodens abgewartet, und in den schon verflossenen paar trockenen Tage immerhin schon hunderttausende von Betroffenen in höher gelegene Zeltstädte umquartiert. Ob mehr Hilfe möglich gewesen wäre, werde ich später beurteilen müssen.

Jedenfalls waren wir froh, nach Sonnenuntergang wieder beisammen zu sein und uns die erlebten Geschichten zu erzählen. Das geht ja auch ohne Licht.

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Die exklusive Haiti-Kolumne im latina press Nachrichtenportal von Otto ‚Swissfot‘ Hegnauer. Der ehemalige Lehrer lebt seit mehreren Jahrzehnten auf Haiti und berichtet exklusiv von seinem täglichen Leben auf der Insel Hispaniola.

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