Der Konsul auf dem Dach

internet-small

Datum: 19. Mai 2010
Uhrzeit: 22:03 Uhr
Leserecho: 0 Kommentare
Autor: Otto Hegnauer
Sprachkurs Spanisch (Südamerika)

Es ist schon Mitte Mai, und meine Freunde und Leser haben immer noch nichts gehört von uns. Von den e-Mails ganz zu schweigen, da wird die Zeit nicht reichen, alle zu lesen, geschweige denn zu beantworten. Schon zweimal hatte ich einen dienstfertigen Nachbar gebeten, den Provider zu suchen und sich um die Verbindung zu bemühen, für mich ist das zu beschwerlich, angesichts meiner Kletterfähigkeit. Und eine solche ist fast nötig, um da hinunterzusteigen. Wie bekannt, ist hier alles etwas schwieriger als anderswo, man macht es so, um mehr raus zu gaunern. Ich gab ihm 100 US$ mit, in der Meinung, das würde für die Verbindung des laufenden Monats genügen. Die hatte vorher 50 Dollar gekostet. Das erstemal beschied man dem Boten, er müsse meine Identitätskarte mitbringen, als Beweis, dass sein Anliegen rechtens sei, er hätte ja eine Verbindung für Ben Laden schaffen können, oder ähnlich.

Nach etlicher Zeit kehrte er erneut zurück mit der Schockmeldung, das Geld reiche nicht, die wollten jetzt mehr. Die 60 $ seien für jeden Monat zu bezahlen, auch die die ich nicht da war, da der Vertrag weitergelaufen sei. Das war „starker Tabak“, und ich beschloss selber hinzugehen, in Begleitung von Ulli. Tatsächlich versuchten die Gauner, uns ein drittes mal heimzuschicken, da wir das Modem hätten mitbringen müssen. Ich war schon recht laut am Ausrufen, da kam mir Ulli zu Hilfe und verlangte von den verdutzten Damen auf englisch, sofort den General Manager zu sprechen, der sei natürlich nicht da, und er, Ulli, er sei der Konsul von Indien. Was diese Notlüge Wunder wirkte, das hätten Sie sehen sollen! Blitzschnell war alles abgefertigt, und wir mussten an der Kasse 60 Dollar bezahlen, für einen einzigen Monat, das Gerät sei jetzt angeschlossen und ab sofort betriebsbereit.

Mein Fehler war natürlich, das zu glauben, wieder einmal. Denn die Verbindung war zwar da, aber das Internet kam immer noch nicht. Ich versuchte es während einiger Stunden – bis der letzte Strom der Computerbatterie auch noch verglimmt war. Da heute Samstag ist, werden wir es wohl oder übel montagfrüh nochmals versuchen müssen. Dann ist es endlich Zeit, sich um anderes zu kümmern, wie das in Paris gestohlene Bankheft und das zugehörige Konto, unser Auto und unser einstiges Haus. Zuerst lege ich mich mal aufs Bett und mache Siesta, wieder einmal denke ich über Haiti und die Dominikanische Republik nach.

Anzeige
wandere aus, solange es noch geht

P.S.: Sind Sie bei Facebook? Dann werden Sie jetzt Fan von agência latinapress! Oder abonnieren Sie unseren kostenlosen Newsletter und lassen sich täglich aktuell per Email informieren!

Die exklusive Haiti-Kolumne im latina press Nachrichtenportal von Otto ‚Swissfot‘ Hegnauer. Der ehemalige Lehrer lebt seit mehreren Jahrzehnten auf Haiti und berichtet exklusiv von seinem täglichen Leben auf der Insel Hispaniola.

© 2009 - 2016 agência latinapress News & Media. Alle Rechte vorbehalten. Sämtliche Inhalte dieser Webseite sind urheberrechtlich geschützt. Vervielfältigung und Verbreitung nur mit vorheriger schriftlicher Genehmigung von IAP gestattet. Namentlich gekennzeichnete Artikel und Leser- berichte geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder. Für Einsendungen und Rückmeldungen bitte das Kontaktformular verwenden.

Dies könnte Sie auch interessieren

Kommentarbereich

Hinweis: Dieser Kommentarbereich ist moderiert. Leser haben hier die Möglichkeit, Ihre Meinung zum entsprechenden Artikel abzugeben. Dieser Bereich ist nicht dafür gedacht, andere Personen zu beschimpfen oder zu beleidigen, seiner Wut Ausdruck zu verleihen oder ausschliesslich Links zu Videos, Sozialen Netzwerken und anderen Nachrichtenquellen zu posten. In solchen Fällen behalten wir uns das Recht vor, den Kommentar zu moderieren, zu löschen oder ggf. erst gar nicht zu veröffentlichen.

Leider kein Kommentar vorhanden!

Diese News ist älter als 14 Tage und kann nicht mehr kommentiert werden!