Pappmaschee in Haiti

Plastikdenkmal

Datum: 28. Mai 2010
Uhrzeit: 17:34 Uhr
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Autor: Otto Hegnauer
Sprachkurs Spanisch (Südamerika)

Streich ein ‚M‘ und setz ein ‚PF‘ dafür, und als Dumpfheit ehr sie nach Gebühr. So pflegte mein Methodiklehrer zu sagen, seinerzeit im Seminar. Aber man darf nicht alle über den gleichen Leist schlagen, und „Dummheit“ ist sehr relativ. Ein Igel zum Beispiel hat gelernt, sich bei Gefahr einzukugeln und die Stacheln zu strecken. Mit Autoreifen als Feinde hat die Natur nicht gerechnet, für das der Igel wird überfahren. Viele Pfarrer haben gelernt, bei Bedrohung in die Kirche zu laufen, beim Erdbeben kamen sie unter die Trümmer des Dachs.

Normalhaitimenschen haben Pape maché oder Papmaschee nie kennen gelernt, und was man nicht kennt, davor hat man Angst. Ich habe daraus als Kind Kasperliköpfe und Landschaftsreliefs gebastelt. Haiti-Künstler haben diesen Werkstoff als Gestaltungselement für Masken und Denkmäler entdeckt. Es zeugt von Intelligenz, neue und erst noch billige Werkstoffe zu entdecken, Haitisch grellbunt sind sie, wie alle Kunstwerke hier. Aber wie sich die bei einem langandauernden Platzregen verhalten, wage ich mir allerdings nicht vorzustellen.

Mein „Katmandu-Konsul“ – tönt doch noch schöner als Indien? – ist aber noch intelligenter. Er wollte High-Tech aus neuen Werkstoffen, nämlich aus Pappmaschee herstellen, zum Beispiel eine Parabolantenne. Zu diesem Zweck hatte er eifrig Altpappe gesammelt und in einem Dachfass eingeweicht. Nach einiger Zeit begann die, ekliger zu duften als die Ledergerbereien von Marrakech.

Auf dem Dach, nach dem Auszug Ullis von der Dachfläche, versammelten sich schließlich die Frauen der Umgebung, um nach der Quelle dieses Gestanks zu suchen, der teuflischer war als seinerzeit die aus der Trümmerstadt zugewehten Totendüfte. Nach seinem Weggang hatte Ulli das Stinkgebrüh auf dem Dach stehen gelassen. Jetzt duftet das Zeug so bestialisch, dass die Ledergerbereien von Marrakech Parfum ausströmen dagegen. Als ich das Zeugs anrührte in der Meinung, es wegzuräumen, schrien einige Frauen laut auf und zogen mich panisch weg, wie wenn sie mich vor dem leibhaftigen Teufel retten wollten. Obschon ich die Hände mehrmals mit Seife behandelte und gleich auch badete, sticht mir der Duft jetzt noch in die Nase.

Was die nur glauben möchten? Dummheit wird meist gleichgesetzt mit Ungeschicklichkeit. Vor 100 Jahren stand in einem Lexikon: „eine Unklarheit des Verstandes und Verworrenheit der Vorstellungen veranlasst eine Blödheit, die aus Mangel an Selbstvertrauen entsprungene Furchtsamkeit im geselligen Umgange, Ängstlichkeit durch sein Benehmen gegen den Takt oder die seine Sitte zu verstoßen“.

Wenn sich die versammelten Frauen und der Pappmaschee-Konstrukteur gegenüber stünden, würde wohl jeder von der Gegenpartei dasselbe denken: „Blödmann!“ oder „Blöde Kuh!“. „Mit Ausrufen wie Blödmann! und ähnlich drückt man weniger ein Urteil über das Niveau seines Gegenübers aus, sondern erklärt ihn eher für lästig, störend oder albern“.

Der Yeti aus dem Himalaya jedoch hat wahrscheinlich bei den verdutzten Frauen seine Punkte verspielt.

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Die exklusive Haiti-Kolumne im latina press Nachrichtenportal von Otto ‚Swissfot‘ Hegnauer. Der ehemalige Lehrer lebt seit mehreren Jahrzehnten auf Haiti und berichtet exklusiv von seinem täglichen Leben auf der Insel Hispaniola.

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