Der Präsident von Haiti ist bekannt für seinen trockenen Humor

Datum: 02. November 2009
Uhrzeit: 15:42 Uhr
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Autor: Otto Hegnauer
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prevalRené Préval ist der 72.“Präsident“ in der Geschichte Haitis, seit 1803 – hoffentlich habe ich mich nicht verzählt. Ich habe „Präsident“ in Anführungszeichen gesetzt, denn ohne Anführungszeichen wäre es der erste. Der erste wirklich anerkannte und getragene Führer des Landes, und der zweite demokratisch gewählte.

Ich war mit dem vormaligen Präsidentensprecher befreundet. Nach Prévals Début bat ihn mein Freund um ein Amt in der neuen Regierung. Préval entgegnete, er könne keinen brauchen, der Wellblech aus dem Palast verkaufe. Damit spielte er auf einen Skandal an, wonach in der vormaligen Regierung die Parlamentarier eine Schiffsladung gestifteter Wellblechdächer auf dem Markt Salomon ( ein großer Markt für Diebesbeute ) zugunsten ihrer eigenen Taschen verkauft statt an die Armen verteilt hatten. Das war damals hierzulande so üblich. Keiner der betroffenen Parlamentarier durfte sich wieder zur Wahl stellen, wie auch keiner der ehemaligen Lavalas-Parlamentarier das Billet zur Wahlkandidatur erhielt ( Lavalas ist die Partei des einstigen Präsidenten Aristide ). Angeblich weil Aristides Unterschrift auf den Bewerbungsformularen fehlte…

René Préval ist Agronom und Fabrikant von Möbeln aus einheimischen Hölzern und Bambus. Und der Begründer und engagierte Verfechter der Strategie „Production Nationale“, Einheimische Produktion. Er ist kein Mann der Worte, wie sein demagogischer Vorgänger, sondern ein Mann der Taten. Er ist bekannt für seinen trockenen Humor und „löst“ viele Probleme mit einem kurzen Witz. Kein Wunder, dass tausend Anekdoten um den Mann kreisen, in den USA auf Englisch, in Frankreich auf französisch, und anderswo eben anderswie. Aber da kann ich nicht mehr mitreden, denn ich versuche jetzt zu übersetzen. Und so wie Préval, bin ich bekanntlich kein Sprachgenie.

Also Préval ist in Sprachen nicht besser als ich. Wie die meisten meiner früheren Vor- und Ober-Vorgesetzten, im Job und im Militär. Als ihn nach einer kreolischen Rede ein Journalist fragte, ob er denn auch französisch spreche antwortete er trocken: „Ich kenne mich in Mathematik nicht aus.“

Préval ist berühmt für seine Wortspiele und für seinen grimmigen Humor. Seine Antworten genießen Narrenfreiheit zwischen Zweifel und Zweideutigkeit. „Naje pou sòti!“, auf deutsch: Schwimmt wenn ihr überleben wollt !

In einer Wahlrede rief er aus: „Magier und Wahlkandidaten haben eines gemeinsam: sie behaupten Wunder zu vollführen – sehen Sie in meine Augen! Das ist nicht mein Job!“ Während einer anderen Wahlrede stülpte er seine Hosentaschen raus und sagte: „Seht, wie Ihr habe auch ich keinen Cent!“ Das saß, auch wenn es nicht die Sprache ist die man vom Präsidenten erwartet. Man folgerte das sei ein volksnaher Präsident, einer, der die Wahrheit nicht vertusche. Und man hatte nicht unrecht.

Im April 2008 demonstrierten tausende gegen Hunger und Lebensmittelpreise. Die Manifestanten skandierten ihren Kampfruf „Grangou, Klorox“ ( Hunger, Chlorox ), schlugen Schaufenster ein, und es gab mehrere Tote. Als Mob den Palast stürmen wollte, rief er ihnen zu: „Ich auch, ich habe im Chlorox gebadet !“

Ein andermal wollten Demonstranten in den Nationalpalast eindringen, Préval herausholen und umbringen. Das brachte ihn keineswegs aus der Fassung, Er rief ihnen vom Fenster aus zu, sie sollten doch einen Augenblick warten, er komme raus und werde auch mit demonstrieren…

Das Scherzen ist am Limit. Das Volk versteht seine Worte, zu Recht oder zu unrecht, mehr und mehr als Provokation. Sie können zu einem Bumerang werden und sich gegen ihn selbst richten. Sie bringen als Ergebnis dass die Manifestanten noch mehr Schaufenster einschlagen.

Zur legalen und illegalen Migration der Haiti-Bürger nach der östlichen Nachbarrepublik fehlen präsidiale Stellungnahmen, das wird an die Bilaterale Kommission abgeschoben. Die Äußerung zur Enthauptung eines haitianischen Bürgers durch dominikanischen Pöbel und das anschließende barbarische Spiel mit dem Kopf, unter Beifall der Zuschauer und mitten auf offener Strasse war karg: „Ich verlasse mich auf die dominikanische Justiz“.

Der Präsident distanziert sich vom üblichen politischen Gequassel, und verunglimpft die tragenden Parteien. Nicht gerade das was am 21.Juni 2010, dem Tag der nächsten Präsidentenwahl, mehr Wähler anziehen und die Situation retten könnte.

„Die Macht in unserem Land hat drei Jahre Zeit sich zu beweisen. Nachher, so wie der Geist von Victor Hugo, zersetzt sie sich.“ ( Victor Hugo schrieb 1820 sein Werk Bug-Jargal, Die schwarze Fahne, über den Sklavenaufstand, durch den sich Haiti von der Kolonialmacht Frankreich freigekämpft hatte ). Er arbeitet zurzeit dran, eine Verfassungsänderung einzuleiten, die ein längeres und damit effektiveres Präsidieren des Landes erlauben würde. Ich bin gespannt, wie sich ein allfälliger Gouverneur Clinton in diese exotische Mentalität einleben würde.

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Die exklusive Haiti-Kolumne im latina press Nachrichtenportal von Otto ‚Swissfot‘ Hegnauer. Der ehemalige Lehrer lebt seit mehreren Jahrzehnten auf Haiti und berichtet exklusiv von seinem täglichen Leben auf der Insel Hispaniola.

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