Baron Samedi – Herrscher der Friedhöfe auf Haiti

Baron_Samedi

Datum: 03. November 2009
Uhrzeit: 14:20 Uhr
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Autor: Otto Hegnauer
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Baron_SamediWährend in den Peristylen mit Ghede-Zeremonien die weiblichen Elemente, die Mambo-Priesterinnen dominieren, sind die Feiern in den Friedhöfen eher Sache der Hougans, also der Männer. Der Ritus richtet sich an Baron Samedi, den höchsten in der Götter-Hierarchie.

Baron Samedi ist nicht nur der Boss aller Götter, sondern der prominenteste Spitzbube in Haiti, ein schlüpfriger Sprücheklopfer, Zigarrenraucher und Rumtrinker. Er ist zwar unsichtbar, wird aber bildlich als schwarz gekleideter Mann mit Zylinder, Spazierstock und weißem Bart oder als Skelett dargestellt.

Baron Samedi ist der Herrscher aller Friedhöfe. Er ist ein dunkler Totenboss, verheiratet mit der Göttin Maman Brigitte. Ihm gehört der Erstbegrabene jedes Friedhofs. Seine normale Rolle ist es, die Seelen der Verstorbenen vom Grab in die Unterwelt zu begleiten. Er entscheidet über Krankheit und Gesundheit, über Leben und Tod.

Am letzten Oktobertag kommen die Gläubigen schon nach Sonnenuntergang auf den Friedhof und wecken ihn mit lautstarkem Getöse durch aufeinandergeschlagene Steine, oder sie schlagen dreimal mit der stumpfen Seite einer Machete gegen ein Grabkreuz aus Stein. Wenn er, aufgeschreckt durch den Radau, erscheint, wenden sich die Frauen inständig an ihn mit ihren Bitten. Sie versprechen, sollte ihre Bitte erhört werden, später mit Kupfermünzen, Speisen und Genussmitteln als Opfergaben zurückzukehren. Sie werfen ihm Akazienblätter zu und skandieren „Dormi pa`fumé, Baron Samedi!“ was soviel wie „Schlafe im Wohlduft“ bedeutet.

Niemals darf ein Grab ohne seine Einwilligung geöffnet werden. Erlaubnis auf Bitten gibt er auf mystische Weise, das heißt sein Einverständnis wird von den Bittstellern subjektiv interpretiert. Exhumierte Leichenteile dürfen jetzt für schwarzmagische Zwecke verwendet werden. Darauf begibt sich der Totenherrscher wieder zurück in die Erde.

Eine besondere Friedhofgruft ist dem Gott Ghede gewidmet.

Hier beten seine Gläubigen und feiern die Kulte. Weil er Herr über Tod, Leben und Fruchtbarkeit ist, findet man hier die Werkzeuge der Totengräber und das riesige Abbild eines Phallus. Ghede ist der Mitarbeiter Baron Samedis. Ähnlich seinem Chef malt man ihn als großen Mann mit schwarzem Zylinder, langem schwarzem Frack und dunkler Sonnenbrille. Er steht an der Kreuzung zur Ewigkeit, die die Seelen auf ihrem Weg in die Unterwelt passieren müssen, und sammelt hier seine Informationen. Er erweckt Tote und belebt Zombies, vor kurzen zu Grabe getragenen Leichen, die von Zauberern gestohlen und zu ihren Sklaven gemacht werden.

Seine Besucher haben ihre Gesichter mit Kalk gebleicht, als aschfahle Masken des Todes. Manche haben die Nasenlöcher mit Baumwolle zugestopft, wie es beim Präparieren eines Leichnams üblich ist, und sind in Purpur gekleidet. Ein mit Flecken bemalter Totenschädel ohne Unterkiefer grinst vom Giebel eines Mausoleums herunter, wie wenn er das Treiben da unten verlachen würde.

Die Grenze zwischen Leben und Tod ist im Voudou verwischt. Voudou ist nicht nur Religion, sondern Philosophie und Psychologie, Magie und Lebensstil. Hougans und Mambos sind nicht nur Meister in all diesen Dingen, Hougans und Mambos verfügen auch über ein ungeheures Repertoire von homöopathischen, pharmakologischen und chemischen Kenntnissen. Hougans und Mambos gewinnen aus Kugelfischen Tetrodotoxin und gehen um damit, sie wissen Capsicum und Capsaicin einzusetzen, können heilen und vergiften, angeblich bis in die Ferne. Sie gehen mit Hypnose und Ekstase um und erzeugen Besessenheit oder Abhängigkeit nach Wunsch. Auch sie sind mit ihrem Wissen über Blüten und Wurzeln, Gräser und Pulver Herren über Leben und Tod. Wie Baron Samedi und Ghede.

Nach Überzeugung wohl aller Haitianer sind Zombies eine Realität. die nicht mit wissenschaftlichen Mitteln erklärbar ist. Sogar die Sicherheitskräfte des Zentralfriedhofs in Port-au-Prince sind überzeugt dass sie hie und da Zombies beobachten können, so eins oder zwei alle paar Wochen. Man müsse sie aus einer Deckung beobachten; es sei wichtig, unentdeckt zu bleiben, Es seien schließlich Menschen mit einem sehr schlechten Herzen gewesen, die von ihren Familien zu Zombies verwandelt wurden. Aber noch niemand ist einem echten Zombie von nahem begegnet und kann sagen, was dann passiert wäre.

Jede Religion, sei es eine monotheistische wie das Christentum oder eine polytheistische wie Voudou, enthält als „Geschenk des Glaubens“ unerklärliche Elemente von Magie und Aberglauben. Für die Gläubigen werden sie Wirklichkeit. Die Gemeinsamkeit aller Religionen ist, dass sie die Menschen konfrontieren mit Fragen der Herkunft und Entstehung, der Ewigkeit, des Geschehens nach dem Tod, dem Grund und Zweck unseres Lebens.

Es scheint makaber, den Tod mit Rum, Gelächter und Spiel zu feiern, besonders in Haiti, wo er so vielfältig und nah ist. Und doch gibt der Toten tag den Haitianern Gelegenheit, wenigstens einmal im Jahr dem traurigen Alltag von Hunger und Elend zu entfliehen, einzutauchen in die spirituelle und magische Welt und zu fühlen, dass man trotz allem noch lebt.

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Die exklusive Haiti-Kolumne im latina press Nachrichtenportal von Otto ‚Swissfot‘ Hegnauer. Der ehemalige Lehrer lebt seit mehreren Jahrzehnten auf Haiti und berichtet exklusiv von seinem täglichen Leben auf der Insel Hispaniola.

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