Sodo-Wasser reinigt die Seele auf Haiti

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Datum: 03. November 2009
Uhrzeit: 21:37 Uhr
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Autor: Otto Hegnauer
Sprachkurs Spanisch (Südamerika)

Sodo-1Ville-Bonheur, Saut d’Eau oder Sodo, verschlafenes Bergstädtchen mit 35’000 Einwohnern. Sodo erwacht jeweils im Juli aus seinem Dornröschenschlaf, und täglich kommen mehr Pilger herauf, Voudou-Gläubige, Katholiken und Neugierige.

Der Höhepunkt kommt am 15.Juli, dem Tag des großen Spektakels, zu dem sich tausende von Pilgern in hunderten von Taptaps herauf gequält haben, wenn sie Glück hatten und nicht mit einer Panne stecken geblieben sind, irgendwo unterwegs. Andere kommen von weither zu Fuß, so über die Berge vom Prinzengolf her.

Während dieser zwei Wochen im Jahr hat das einzige Hotel im Dorf geöffnet, weiter oben im „Haut du Sodo“ wird eben ein größeres gebaut. Das wird einmal auch nicht länger offen haben. Muss wohl in drei Tagen die Jahresrendite einspielen. Die paar hundert Meter Steigung und drei Kilometer Distanz nach Haut du Sodo sind überhaupt nur noch zu Fuß machbar, wenigstens für die Pilger. Man kann sich kaum vorstellen, wie sich am 15. Tausende durch den steilen Hohlweg zwängen. Das eigentliche Fest dauert drei Tage und ist das größte Festival in Haiti.

Wir aber sind schon Ende Juni hochgerattert, um die großen Pilgerströme zu vermeiden – ich liebe es nicht sonderlich, mit dem Strom zu schwimmen. Auf halbem Weg hat es unser Mazda trotz Vier rad nicht mehr geschafft, und ich vollbrachte das Kunststück, ihn rückwärts zu lenken und schließlich zu wenden. Melissa blieb mit der Hündin Ata zurück beim Fahrzeug, während wir, Alson und ich, zu Fuß weiterkraxelten.

Oben geht es noch zehn Minuten über eine Hochterrasse, Haut du Sodo, geradeaus, an prächtig gelegenen Häusern und bunten Blumen vorbei, bis ein Eisentor mit Wärterhäuschen erreicht wird. Der Eintritt zu dem religiösen Nationalmonument kostet ein paar Münzen, und dann geht es über 300 mit farbigen Mosaiken belegte Treppenstufen abwärts über einen ordentlich steilen Hang. Man gelangt in eine dunkle, kühle Schlucht. Feiner Wassernebel macht den Aufenthalt hier angenehm kühl, obschon „draußen“ das Thermometer fast 40 Grad anzeigt.

Aus der Schlucht dröhnt ohrenbetäubend das Tosen eines Wasserfalls. Dieser stürzt aus 30 Metern Höhe über schwarz klaffende Höhlen senkrecht herunter, wo sich die Wasser stiebend und gischtend in mehrere Felsbecken verteilen. Dem Katarakt wird nachgesagt, er reinige die Seele. Die Felsen rundum sind moosig und gefährlich glitschig.

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Die „Vorzeitigkeit“ war geschickt gewählt, denn es waren erst Vereinzelte die eintrafen, ihre Zeremonien veranstalteten und sich knipsen ließen. Sie schnitzten Kerzen, die sich auch vor Ort kaufen ließen, zündeten mehrere an und pflanzten diese auf Felsvorsprünge mitten im Bach. Mit oder ohne Kleider standen sie unter dem Wasserfall, ließen sich von den Heiligen Wassern begießen, wuschen sich und legten sich auch noch ins reißende Nass. Ihre Bewegungen erinnerten mich ganz und gar ans Suhlen von Huftieren. Die verwendeten Seifen warfen sie anschließend in den Fluss, wohl den Göttern zum Fraß.

Im 19.Jahrhundert soll die Jungfrau Maria bzw. die nahverwandte Voudou-Loa Erzulie aus einer Palme erschienen sein. Ein französischer Priester kämpfte gegen diesen Aberglauben an und ließ die geheiligte Palme fällen, doch sie kam wieder und wurde erst recht ein Wahrzeichen im Glauben der Haitianer.

So ging es etwas mühsam wieder die 300 Stufen hinauf aufs Hochplateau. Auf dem Rückweg zum Auto diskutierten wir noch mit einem alten Anwohner, der Wohnlage und die herrliche Aussicht überaus liebte und nie mehr tauschen möchte. So fühlte ich mich ihm sogleich verwandt, und wir unterhielten uns prächtig. Er öffnete für uns eine Kokosnuss nach der andern und offerierte uns das Göttergetränk. Von seinem dreiteiligen Namen kann ich nur noch den Mittelteil behalten: er hieß Swiss!

Die aus Haiti gebürtige Frau eines Freundes, durch Heirat Schweizerin, hatte uns vor der Reise inständig gebeten, auf diese zu verzichten – sie glaubte ernsthaft, uns an die Götter oder Teufel zu verlieren. Allein sie fand kein Gehör. Im Gegenteil, wir fuhren mit gereinigten Seelen zurück ins liebliche Hotel in Mirebalais. Doch die Teufel versuchten alles. In der Nacht ließen sie so viel Regen niederprasseln und den Fluss so unflätig anschwellen, dass am Rande der Stadt die Brücke an zwei Stellen einbrach und die Hauptstraße unterbrochen wurde, wir waren abgeschnitten. Doch es war beileibe nicht das erstemal, dass wir mit den Teufeln zu tun hatten.

Wie wir trotzdem und trotz den prophezeiten todbringenden Wahldemonstrationen die Rückfahrt schafften, können Sie auf meiner Homepage nachlesen. Bei Interesse, wie immer.

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Die exklusive Haiti-Kolumne im latina press Nachrichtenportal von Otto ‚Swissfot‘ Hegnauer. Der ehemalige Lehrer lebt seit mehreren Jahrzehnten auf Haiti und berichtet exklusiv von seinem täglichen Leben auf der Insel Hispaniola.

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