Sex oder Magie?

magdalenien

Datum: 10. Juni 2010
Uhrzeit: 00:13 Uhr
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Autor: Otto Hegnauer
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Eigentlich wollte ich von den Magdalenien Menschen schreiben, die vor x tausend Jahren in den Höhlen der Pyrenäen ihre Haut so schön bemalt haben wie ein Picasso, und schon landeten meine verrückten Gedanken bei der Streetparade in der Zürcher Bahnhofstrasse. In den Bahnhofunterführungen von Frankfurt und Düsseldorf waren es zwar nicht die Felle, aber die Mauern und Fliesen die den Sprayern zu sauber waren, und bei den Punks und wie die heißen sogar die Hahnenkämme in schönstem Violett und Pfauenrad – einen Ausdruck, den ich durchaus auf Farbe und Form beziehe. Kunstvoll oder ekelhaft, was soll’s.

Eine Welt, die vielen nicht schön genug ist, Haare, die ihnen nicht bunt genug sind, und Haut, die verblasst ist und ihnen nicht sexy genug strahlt ( man kann sie ja noch ölen…), und Brüste, die mit Plastik ausgestopft noch besser wirken.. Nein, die Farb- und Formverbesserer sind nicht ausgestorben, sie verschlimmbessern sich schon seit der Steinzeit. Heute nennt man das vornehm Body Painting. Das hält sich ein paar Stunden bis zu mehreren Wochen, und das ebenso modische Tatoo bleibt sogar permanent.

Damals allerdings ging es noch um andere Dinge, das zeigten auch die Sarawaken auf Haiti, vor 500 Jahren noch. Die kunstvollen Hautbilder hatten einen Sinn, den wir oftmals nur noch erraten können. Magische und religiöse Bedeutungen etwa sind nicht messbar, etwa wenn Gläubige ihre Kulte figurenverziert besuchen, oder sich zu Ritualen angemessen bemalen.

Kriegsbemalungen von Gesicht und Körper sind leichter zu deuten und bei „unentwickelten“ Völkern auch weltweit üblich. Sie mochten dazu dienen, die Eigenen leichter von den Feinden zu unterscheiden, oder gegenüber den Gegnern zu drohen und Angst zu verbreiten. In diesem Sinn haben sie wohl mit den Uniformen der Krieger vieles gemeinsam.

Fest- und Liebesbemalungen mochten dem Narzissmus dienen, dem sich besser darstellen und Verschönern. Was schreibe ich da „mochten“; man beobachte doch noch heute, wie lange viele Menschen oft vor dem Spiegel sitzen, immer wieder hineinschauen, einen Schminktupfer wieder entfernen und durch einen kunstvollen neuen übermalen, ein Lippenrouge durch ein anderes ersetzen. Sie unterstreichen die Drohgebärden der Tiere, wenn man ihre kritische Distanz nicht respektiert. Sie ähneln etwa dem Fletschen der Zähne, dem Knurren eines Hundes, dem Trommeln oder Luft-Ohrfeigen eines Gorillas.

Aufgemalte Körperzeichen hatten einst magische Bedeutungen: ein roter Tupf an einer bestimmten Körperstelle sollte eine anziehende Wirkung auf einen Wunschpartner auslösen, bei Höhlenmalereien musste ein auf Fels abgebildetes Wild seine Erlegung bewirken oder mindestens unterstützen, und bei vielen Menschen herrscht heute noch eine tiefwurzelnde Furcht, fotografiert zu werden. Denn mit einem Foto in der Tasche könnte man ja von einem Kundigen vereinnahmt oder gar getötet werden…

Sie trugen die Farben gleich mit der Hand auf, oder brauchten Tierhaare, die sie an Stöcke banden, als Pinsel. Die Pulver der farbigen Erdfarben, zum Beispiel Ocker, schwarzes Manganoxyd oder Holzkohle. vermischten sie mit einem Bindemittel zum Beispiel pflanzlichen Ölen oder tierischen Fetten. Eine große Bedeutung besaß die Körperbemalung. Sie galt als Maßstab für die Wertschätzung innerhalb der Gruppe – ist das bei heutiger Schminkkunst anders?, -,gab Auskunft über die Verdienste eines Mannes bei der Jagd und im Krieg. Rot war die Farbe des Krieges und symbolisierte den Erfolg, während Blau meist Niederlage und Schwierigkeiten verkörperte.

Körperfarben dienten als Schmuck bei Hochzeit und Festen, Bemalung bei Tod und Trauer, Kriegsbemalung zur Kennzeichnung und Steigerung einer furchterregenden Erscheinung, Tarnung, Anonymität und Schutz vor äußeren Einflüssen, Dämonen und Magie, von der Eroberung eines Wunschpartners bis zur erleichterten Erlegung einer Jagdbeute, für medizinisch-hygienische Zwecke und als Schutz vor Krankheiten und Insekten.

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Die exklusive Haiti-Kolumne im latina press Nachrichtenportal von Otto ‚Swissfot‘ Hegnauer. Der ehemalige Lehrer lebt seit mehreren Jahrzehnten auf Haiti und berichtet exklusiv von seinem täglichen Leben auf der Insel Hispaniola.

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