Strom ist in Haiti unterwegs

strom

Datum: 15. Juni 2010
Uhrzeit: 13:37 Uhr
Leserecho: 0 Kommentare
Autor: Otto Hegnauer
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Eigentlich wollte ich gar keine Kolumne schreiben, sondern nur eine Art Trostpreis. Trostpreis für meine bedauernswerten Leser, die seit Tagen auf ein Lebenszeichen warten – vergeblich. Denn seit Tagen ging nichts mehr, gar nichts. Zuerst ein Wort zur Situation. Wir stehen in der Bergburg, am 11.Juni 2010, und blicken gegen Osten, wo eben der goldene Riesenball der Sonne aufgegangen ist. Die Stimmung ist wunderschön, so wie sie nur am frühen Morgen sein kann. Frühmorgens heißt ja auf kreolisch auch „Granmatin“, „Gross ist der Morgen“. Bergburg nenne ich, wie Sie auch wissen, meine provisorische Wohnstatt bei meiner Pflegerin, auf einer engen Erosionskante rund 1.000 Höhenmeter über der einstigen Prinzen- und heutigen Trümmerstadt, aber mit herrlicher „Alpenluft“ und Tiefblick auf die riesigen Ruinenfelder, die immensen Zeltstädte daneben und aufs von weitem tiefblau scheinende Meer. Von weit genug weg ist eben alles wunderschön. Man hört sogar einige Vögel zwitschern, wie drüben in der Schweiz.

Wir sehen auf ein rötliches Haus hinunter, vielmehr auf eine unfertige Bauruine, wie das meiste hier. Das ist der Endpunkt der für Vierräder bezwingbaren „Straße“, auch der einzige „Laden“ im Umkreis von Stunden. Hier kann man mit etwas Glück einige völlig übersetzte Dinge finden, die man so braucht, vor allem teures Trinkwasser in Gallonenflaschen, einige Kleider – oft auch gebrauchte -, Spaghetti und Tomatenpurée, Batterien und Medikamente – meist völlig abgelaufene -, einige Dosen mit steinhart gewordenem Milchpulver und ebenso hartes Brot. Aber die alte Dame muss schließlich etwas tun zum Leben, und den meisten bleibt keine andere Wahl, wenn sie ihre Einkäufe nicht selber herauftragen wollen, drei oder vier Stunden lang. Und wenn nicht gerade ein Lastwagen oder Taptap gewendet wird, wird hier auch gespielt, Fußball, Lotto, oder einfach gekreischt um sich selbst willen. Es ist ja der einzig mögliche, kleine flache Platz, der Treffplatz und der abendliche Tanzplatz und der Wendeplatz für alles, was sich Auto nennt. Die einzige Möglichkeit.

Kreolisch heißt der Punkt „Le Pont“, die Brücke. Weil dies zugleich die einzige Brücke ist über den Erosionsgraben, der von hoch oben her niederstürzt und sich mit ähnlichen Gräben vereinigt, bei Unwetter halte man sich besser fern. Aus der einstigen Primarschule erinnere ich mich, dass es solche Dinge auch im Napfgebiet gibt, und dass man dort von Eggen und Gräben spricht. So auch hier. Also, vor zwei, drei Tagen haben sie der engen Bergstraße nach, der „Route des Montagnes Noires“, eine Stromleitung hochgezogen, mit massiven Holzmasten. Beim Pont ist der End- und Verteilpunkt. Jeder der umliegenden Anwohner musste scheint es tausend Dollar ( HT$, das entspricht je etwa 200 SFr ) beitragen, und jetzt kann man sehen, dass eine Kabelleitung tatsächlich die finalen Masten erreicht hat und dort ein Transformator und sogar eine Straßenlampe hängen. Stromuhren werden zurzeit noch montiert.

Von diesem Verteilpunkt aus führen sternförmig kleinere Kabel in alle Richtungen zu den Privathäusern, meist hunderte von Metern weit, über tiefe Klamme und Schluchten. Einen vollen Tag genossen wir auch die Freude und Hoffnung, und glaubten wieder einmal an den aufkeimenden Fortschritt, der ja mit den Milliarden von ( US- ) Spendendollars endlich kommen MÜSSTE.

Leider eine Rechnung ohne den ( haitianischen ) Wirt, wieder einmal. Zum Glück hatte ich einige vorproduzierte Indianergeschichten auf Lager – diese haben es mir zur Zeit angetan – aber eigentlich ist die heutige seit ein paar Tagen die einzige „Live“-Geschichte. Darin lesen Sie auch warum. Trotz der vermeintlich ehrenwerten Bestrebungen der EDH ( Eléctricité de Haïti, der offizielle Name der verantwortlichen Behörde ) bekamen wir oben in der Bergburg nie Strom, und eine Reklamation ergab, man hätte uns ein verbranntes Kabel verpasst, zu 400 Dollar, wir müssten nochmals eins kaufen, zum selben Preis. So geht es unbescholtenen Greenhörnern, wenn sie an Fortschritt und Redlichkeit glauben.

Schon in Gressier, als mein prächtiges Haus noch stand, hatten wir einen mächtigen Strommast mit Transformator, Uhren und allem was dazu gehört, auf eigene Kosten kaufen müssen, auch die Leitung von der Straße her hatten wir bezahlt. Das könnte ja alles noch hingehen, wenn später nicht Dutzende von Neusiedlern von dieser Infrastruktur mit profitiert hätten, ohne jegliche Entschädigung, versteht sich. Endgültig genug hatte ich jedoch bekommen, als „meine“ Leitung zu weiteren Neubauten verlängert wurde und man mir die benötigten Kabel und Anschlüsse in Rechnung stellte. Die Rechnung habe ich natürlich nie bezahlt, und danach ging das Erdbeben „über die Bühne“ und vernichtete Neubauten und Zuleitungen ohnehin. Wer weiß, ob dafür dereinst nicht noch verjährte Rechnungen eintreffen. Gleich rechts neben dem roten Haus, ein Foto wird später mal folgen, besteht eine Schule mit Internet, Computern und so, und alles funktioniert dort. Ohne Geknatter eines Generators. Ich habe mich bei Frau Boucard, der Lehrerin, erkundigt und erfahren müssen / dürfen, dass dort alles bestens funktioniert. Freundlicherweise durfte ich umziehen und schreibe meine brandaktuelle Geschichte DORT, wieder einmal in der Schule. Ich habe ja oft gesagt, wer nicht mehr lerne, der sei bereits gestorben…

In der Bergburg oben sind noch andere eigenartige Dinge passiert: ein in Reparatur gegebener „Inverter“ kam als irreparabel beschädigt zurück, einem Benzinaggregator ging es ähnlich, und Sie erhalten jetzt hoffentlich wieder Ihre täglichen Geschichten aus Haiti, das sich die Karibikinsel Hispaniola mit der Dominikanischen Republik teilt. Es sind ihrer so viele, dass man gar nicht alle erzählen kann.

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Die exklusive Haiti-Kolumne im latina press Nachrichtenportal von Otto ‚Swissfot‘ Hegnauer. Der ehemalige Lehrer lebt seit mehreren Jahrzehnten auf Haiti und berichtet exklusiv von seinem täglichen Leben auf der Insel Hispaniola.

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