Brasilien nimmt die Herausforderung der Offshore-Erdölförderung an

Datum: 18. Juni 2010
Uhrzeit: 12:15 Uhr
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Autor: Redaktion
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Brasilien sieht seine Zukunft trotz der Gefahren einer Erdölförderung aus Lagerstätten in der Tiefsee in seinen scheinbar riesigen Offshore-Erdölreserven. Laut Analysten sind dabei die Regelungen und Kontrollen der brasilianischen Öl-Industrie strenger als die der USA.

Eine Erdölförderung aus Lagerstätten, die sich unter Gewässern befinden („Off-shore-Gewinnung“), bereiten besondere Schwierigkeiten. Hier müssen zur Erschließung der Lagerstätte auf dem Gewässergrund stehende oder darüber schwimmende Bohrplattformen eingerichtet werden, von denen aus gebohrt und später gefördert werden kann. Hierbei ist das Richtbohren vorteilhaft, weil dadurch von einer Bohrplattform ein größeres Areal erschlossen werden kann. Seit Anfang der achtziger Jahre ist die Menge neu entdeckter Ölvorkommen im Gegensatz zum kontinuierlich steigenden Verbrauch rückläufig, was die Ausbeutung der mit unter vergleichsweise hohem Aufwand und technischen Risiken verbundenen Ölreserven aus der Tiefsee für Unternehmen interessant macht.

Die Off-shore-Gewinnung birgt hohe Risiken. Am 21. April 2010 kam es zu einer gewaltigen Explosion auf der Bohrinsel „Deep Water Horizon“, welche zu einer Umweltkatastrophe nie gesehenen Ausmasses führte. Die durch die Explosion und dem nachfolgendem Untergang der Bohrinsel Deepwater Horizon ausgelöste Ölkatastrophe im Golf von Mexiko hat bislang mehr Öl freigesetzt als vorhergehende spektakuläre Tankerunglücke. Sie gilt bereits als die größte Umweltkatastrophe der USA. Die ökologischen Folgen dieser vom BP-Konzern zu verantwortenden Katastrophe für das Meeresökosystem und die Küstenregionen vom Mississippidelta bis Florida sind noch nicht abschätzbar. Selbst auf den Karibikinseln Kuba und Dominikanische Republik waren die Auswirkungen zu spüren.

Vor der Küste Brasiliens werden 60 Milliarden Barrel Öl und Gas vermutet, Schätzungen gehen sogar von bis zu 100 Milliarden aus. Die brasilianische Ölfördergesellschaft Petrobras fördert heute bereits 25 Prozent aus allen weltweit tiefer als 500 Meter unter dem Meeresspiegel liegenden Quellen. Bis 2015 soll die brasilianische Produktion auf 4,2 Millionen Barrel täglich gesteigert werden, überwiegend aus Tiefseequellen gefördert. Die gewaltigen Vorkommen, die teilweise unter einer bis zu mehrere Kilometer dicken Salzschicht liegen, werden als „Pre-Salz-Vorkommen“ bezeichnet. Brasilien Präsident Luiz Inácio Lula da Silva bezeichnete das gigantische Vorkommen als „ein Geschenk Gottes“, welches dem Land die „zweite Unabhängigkeit“ gewährt und Brasilien unter die Top-10 Öl-Produzenten der Welt katapultiert. Haroldo Lima, Generaldirektor der Nationalen Erdölbehörde (ANP) teilte mit, dass Brasilien bereits von der Organisation Erdöl exportierender Länder (OPEC) offiziell zu Gesprächen eingeladen wurde. Die riesigen Vorkommen führen allerdings auch zu Verstimmungen. Die brasilianische Regierung verkündete bereits kurz nach Bekanntgabe der Funde grandiose Pläne zur Verbesserung der Lebenssituation ihrer Bürger in ganz Brasilien. Die Kommunalverwaltungen der brasilianischen Bundesstaaten liefern sich bereits im Vorfeld erbitterte Auseinandersetzungen über die Aufteilung der zu erwartenden Geldströme.

Petrobras, die bereits mehr als 95% des Öls in Brasilien fördern, plant die Ausbeutung der „Pre-Salz-Vorkommen“. Will Brasilien mehr Öl produzieren, ist die einzige Möglichkeit in die Tiefe zu bohren. Über 90% der Reserven befinden sich mehr als 400 Meter unter dem Meer. Über 80% des produzierten Öls in Brasilien kommt aus Tiefsee-Feldern. „Wir fördern in einem komplexen Umweltsystem unter sehr aggressiven Bedingungen: Starke Winde, Korrosion- das Wetter kann sich innerhalb Minuten ändern, Zehn-Meter-Wellen können aus dem Nichts erscheinen … Es gibt keine 100% technische Lösung „, erklärte Claudio Sampaio, Ingenieur an der Universität von Sao Paulo.

Laut Haroldo Lima, Generaldirektor der Nationalen Erdölbehörde (ANP), war der Untergang der Bohrinsel Deepwater Horizon im Golf von Mexiko ein Weckruf für alle Länder, die eine Ölförderung aus der Tiefsee betreiben. „Ist es möglich, unter schwierigsten Bedingungen mit Zuversicht zu bohren und zu hoffen alles wird gut? Dies ist eine sehr wichtige Frage und wir müssen sie uns nach dem Unfall im Golf von Mexiko stellen“, so Lima. „Die Tatsache, dass eine seriöse Firma wie BP (British Petroleum) als Betreiber des Feldes der Katastrophe scheinbar machtlos gegenüberstand, erzeugt bei uns grosse Sorge“, fügte er hinzu. Laut internationalen Analysten sind die Regelungen und Kontrollen der brasilianischen Öl-Industrie strenger als die der USA. Viele dieser Regeln wurden im Jahr 2001 nach einer Explosion der P36-Plattform, bei der elf Personen im Öl-Campos-Becken getötet wurden, eingeführt.

Die Regierung von Brasilien muss die Risiken der Offshore-Erdölförderung sorgfältig abwägen. Der entscheidende Punkt ist die 200-Meter-Grenze. Bis dahin können Taucher noch gemeinsam mit Robotern arbeiten und im Notfall effektiv handeln. Die Umweltkatastrophe im Golf von Mexiko wird zu einem Nachdenken unter Politikern führen, ob sie weiter die Erlaubnis zum Fördern von Öl und Gas in der Tiefsee erteilen.

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