Das Gefühl der Ohnmacht in Haiti

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Datum: 22. Juni 2010
Uhrzeit: 13:55 Uhr
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Autor: Otto Hegnauer
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Die ehemals und heute Mächtigen, die beritten auf hohen Sockeln stehen, wurden alle zu Ohnmächtigen, die „rezenten“ innert 35 Sekunden. Dafür wurden die vormals Ohnmächtigen, die Armen, zu Mächtigen. Denn meine Ansichten von Macht und Ohnmacht weichen von den landläufigen ab. Sie wissen ja, dass die Gedanken meine persönlichen sind. In die Streitereien der „Fachleute“ mag ich mich nicht einmischen, dass die andere Definitionen haben, ist ja wohl klar.

Ohnmächtig sein, und sich ohnmächtig fühlen, ist nicht dasselbe. Ohnmacht bedeutet dass einer zu einer bestimmten Lage nichts machen, nichts ändern kann. Das Gefühl hat, es müsse so sein. Ohnmacht ist absolut. Ein richtig Ohnmächtiger hat nicht einmal mehr Macht über seine Glieder, seine Gefühle, seine Gedanken, er liegt regungslos, aber er lebt. Er ist ein Fall für den Arzt. Die Überlebenden, die am 12.Januar in 35 Sekunden alles verloren, fühlten sich ohnmächtig, auch die die nicht in Ohnmacht fielen. Nah der Verzweiflung. Ich bin keine Ausnahme.

Das Gegenteil von Ohnmacht ist Macht. Ohnmacht ist traurig, aber sie geht vorbei, und nachher folgt wieder Macht. „Macht“ im landläufigen Sinne ist quantitativ gemeint und bedeutet VIEL Macht, als Fähigkeit, auf das Verhalten und Denken anderer oder der Umwelt einzuwirken. Das ist einseitig, denn Macht ist relativ, man kann wieder etwas, mehr oder weniger, „machen“. Macht ist stets auf die Situation bezogen und hat mit Machen zu tun. Solang einer etwas machen kann in und zu einer Situation, hat er Macht.

Mir scheinen eher die „Mächtigen“, die Sagenden, die Herrschenden, die Reichen ohnmächtig und die Armen mächtig, mehr und mehr. Denn trotz ihren Millionen und Milliarden, auch denen der Welt, knattern sie im Helikopter und scheinen Lösungen zu suchen, aber keine zu finden. Die Armen, die arbeiten, schaufeln, hämmern, pickeln, sie singen auch, lärmen und bewegen sich – sie machen etwas. Sind die nicht mächtig? Zweifellos, wenn sie mehr Mittel hätten, könnten sie mehr tun, an sich. Aber die Mittel scheinen in falschen Händen. In Händen der Schein-Mächtigen, der Möchtegerns.

Gestern besuchte mich Alson, 30 Kilometer weit, zu Fuß. Er wollte Schutt von meinem eingestürzten Haus wegführen und dazu eine Stoßkarre kaufen, die koste 1500 Gourdes, etwa 60 Schweizerfranken. Ich konnte sie ihm noch nicht geben, da ich hier nur ein paar € habe und die niemand wechseln kann. Das ist nur unten in einer Bank möglich, und die ist schwer zugänglich. Tut mir leid, Alson, Du musst zurückwandern, ohne Stoßkarre!

Zurückreisen ohne Fröhlichkeit, enttäuscht. ohne Ergebnis, aber mit gutgestopfter Geldbörse, in der ersten Klasse der Flugzeuge, das tun auch viele einst Mächtige von Staaten und Hilfswerken. Die Entmutigten haben eingesehen, dass sich zuhause in Europa, Kanada oder den USA leichter Geld verdienen lässt, ohne Probleme und Mediengegacker. Und sie ziehen das Bequemere vor und opfern die Armen, die Haitianer, ihrem Schicksal. Und das läuft besser so!

Die „Macht“ (das was man so nannte) zieht immer mehr ab. Man sieht keine Ami-Soldaten, kaum Blauhelme mehr. Man hört keine nächtlichen Schusswechsel mehr, die entwichenen Supergauner seien nach Aussagen der Polizei zwar alle gefasst, wie die das nur fertig gebracht haben, es waren 6300. Jedenfalls herrscht Ruhe, Frieden und wieder Lebensmut und Fröhlichkeit. Das ist ein Wunder.

Ohne mich der zunehmend schnodderigen Berichterstattung anzuschließen, die über Haiti, das sich die Insel Hispaniola mit der Dominikanischen Republik teilt urteilt- ohne je dagewesen zu sein, muss ich etwas doch einmal loswerden: Bei all meinen Flügen waren die Erstklassig-Sessel stets lückenlos besetzt, wohl mit neuen Anwärtern auf restliche Millionen. Das einfache Volk ist nach wie vor mausarm, aber hoffnungsvoll, fleißig, voll Lebenslust, macht vorwärts – und wird echt „mächtig“!

Die Macht der Mächtigen zieht ab. Übrig bleiben die Armen, die Massen. Sie sind nicht ohnmächtig, sie wurden zu Mächtigen, sie machen. Neue Riesenstädte entstehen, fast täglich, aus Zelten, aus Holz. Sauber und aufgeräumt. Wer eigentliche Macht hat, außer dem Volk, das sieht man nicht. Die Macht zeigt sich nicht, sie bleibt versteckt. Das ist völlig neu in diesem Land, wo sich „Macht“ stets auf der Straße manifestierte. Und das ist gut so!

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Die exklusive Haiti-Kolumne im latina press Nachrichtenportal von Otto ‚Swissfot‘ Hegnauer. Der ehemalige Lehrer lebt seit mehreren Jahrzehnten auf Haiti und berichtet exklusiv von seinem täglichen Leben auf der Insel Hispaniola.

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