Haiti: Ein halbes Jahr nach dem Erdbeben

Schadenbilanz

Datum: 29. Juni 2010
Uhrzeit: 01:17 Uhr
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Autor: Otto Hegnauer
Sprachkurs Spanisch (Südamerika)

Das Hauptdokument der Haïtianischen Regierung, unterstützt von der Internationalen Gemeinschaft, zum Schreckensbeben vom 12.Januar heisst „PDNA“, für „Damages, losses, general and sectoral Needs Assessment“ und stammt vom April 2010.

Gemeinsamer Bericht Regierung und UNO

übersetzt, gekürzt und kommentiert von Otto Hegnauer

Am 12. Januar 2010, ereignete sich kurz vor 17 Uhr auf der Karibikinsel Hispaniola, das sich Haiti und die Dominikanische Republik teilen,  ein Erdbeben der Magnitude 7.3 nach der Richterskala. Das Beben dauerte 35 Sekunden an und war seit 200 Jahren das stärkste Erdbeben, welches das Land getroffen hat. Das Hypozentrum des Bebens befand sich in nur 10 Kilometern Tiefe, also nahe der Erdoberfläche, und das Epizentrum lag ausserhalb der Stadt Léogâne, 17 km südwestlich der Hauptstadt Port-au-Prince im Département West.

Die schlimmsten Schäden ereigneten sich in den Departementen West, Südost sowie Nippes. Infolge der dichten Bevölkerung wurde die Agglomeration Port-au-Prince mit den Gemeinden Port -au-Prince, Carrefour, Pétionville, Delmas, Tabarre, Cité Solei und Kenscoff von den extremsten Schäden betroffen. Die Stadt Léogâne ist zu 80% zerstört. Das Erdbeben schuf eine Situation ohne Vergleichsfall, verstärkt durch die Tatsache, dass die dichtestbesiedelte Region des Landes betroffen wurde, wie auch sein wirtschaftliches und administratives Zentrum. Die Situation ist umso tragischer als sich das Land seit drei Jahren politisch stabilisieren konnte und eine Phase der Sicherheit, des wirtschaftlichen Wachstums und der Beginn normalerer Lebensbedingungen eben am Einsetzen war.

Die humanitären Folgen sind unermesslich. 1,5 Millionen Personen oder 13 % der Bevölkerung Haïtis wurden betroffen. Mehr als 220’000 Personen haben das Leben verloren oder werden vermisst, und über 300’000 wurden verletzt. 1,3 Millionen leben in den Trümmern oder in Zelten auf Stadtgebiet, 500’000 haben dieses verlassen und auf dem Lande Zuflucht gesucht. Das verursacht eine enorme Erschwerung der schon äusserst angespannten Versorgungslage mit Wasser, Lebensmitteln und Grunddienstleistungen. Volkswirtschaft und Administration des Landes sind vollkommen zerstört, Regierungs- und Nichtregierungsorganisationen existieren nicht mehr.

Auswirkungen auf die Infrastrukturen

Die Zerstörung der Infrastrukturen ist massiv. 105’000 Wohngebäude wurden völlig und 208’000 weitere teilweise zerstört. 300’000 Schulhäuser und 50 Spitäler wurden vernichtet. Der wichtigste Hafen des Landes ist unbenützbar, der Regierungspalast, das Parlaments- und die Gerichtsgebäude, fast alle Ministerien und Regierungsgebäude wurden vernichtet.

Auswirkungen auf die Umwelt

Schon vor dem Beben standen die Ampeln der Umwelt alle auf rot, aber die Erdbebenkatastrophe erhöhte den Druck auf die natürlichen Ressourcen auf unbeschreibliche Weise. Die Verwundbarkeit ist noch extremer geworden.

Schäden, Verluste und Bedarf

An der Schätzung der Schäden, Verluste und des Bedarfs haben 250 in- und ausländische Experten über einen Monat lang gearbeitet. Die Schadenermittlungsteams sind in 8 Themenkreisen organisiert: Regierung, Umwelt, Risiko- und Schadenbewirtschaftung, Soziales, Infrastrukltur, Wirtschaft, Regional- und Landesplanung.

Die Schadensumme durch das Erdbeben wird auf 7’863 Millionen US$ geschätzt, dies entspricht mehr als 120 % des Bruttosozialprodukts von 2009. Es ist das erstemal dass die Schadensumme einer Naturkatastrophe gemessen an der wirtschaftlichen Leistung eines Staates ein solches Ausmass erreichte. 70 % oder 5’491 Millionen US$ betreffen private Schäden, 2’374 Millionen US$ oder 30 % sind Schäden an öffentlichen Einrichtungen.

4.3  Milliarden US$ betreffen allein die Zerstörungen an Wohnbauten, Schulen, Spitälern, Strassen, Brücken, Häfen und Flughäfen (55 % ), 3.561 Milliarden US$ kosten die Schäden durch Produktionsausfälle, Umsatzverluste, Arbeits- und Arbeitsplatzverluste, Erhöhung der Produktionskosten ( 45 % ).

Zweifellos ist der Schaden an Wohnbauten der schwerwiegendste, er wird auf 2,3 Milliarden US$ geschätzt, alle Haus- und Bautypen zusammengefasst. Bei allen Schadenschätzungen wurde ein Wechselkurs von 42 HT-Gourdes pro US$ angenommen. 739 Millionen US$ kosten die temporären Behausungen und Zeltstädte und deren spätere Retablierung.

Kurzfristige Hauptaufgaben

  1. Vorbereitung der Hurrikansaison, Bildung von Risikozonen
  2. Schutz der evakuierten Bevölkerung, Alarmsysteme verbessern
  3. Zivilschutz auf allen Ebenen verstärken
  4. Umweltaspekte in alle Massnahmen einbeziehen
  5. Berufsbildung und Arbeitspolitik forcieren
  6. Bevölkerung dezentralisieren und neue Wachstumszentren schaffen
  7. Regierbarkeit, Administration und Sicherheit in den Lagern organisieren, speziell für Frauen und Kinder

Schlüsselmassnahmen

  1. Rechts- und Sicherheitssystem retablieren und modernisieren
  2. Effiziente Administration einrichten mit korrekter Bewirtschaftung der Finanzen, speziell der Spendengelder
  3. Lohnzahlungen garantieren und kontrollieren
  4. Menschliche Ressourcen fördern und in die Schlüsselprozesse integrieren
  5. Demokratisierungsprozess und Regierbarkeit vorantreiben
  6. Identifikationsprozesse neu ermöglichen und forcieren

Regionale Entwicklung

65 % des Wirtschaftsgeschehens sind auf die Hauptstadt mit Vororten lokalisiert. Entwicklungsmöglichkeiten in andern Departementen bestehen nicht. Als Folge des Erdbebens erfolgte die Migration von 500’000 Personen in Provinzstädte und ländliche Zentren. Die sind alle nicht entwickelt, bieten aber damit neue Entwicklungschancen die genutzt werden müssen. Die PDNA möchte diese Entwicklung durch folgende Massnahmen unterstützen:

  1. Die zugewanderte Bevölkerung soll durch Unterstützungen ermuntert werden, sich an neuen Wachstumspolen niederzulassen
  2. Eine attraktive Infrastruktur soll um die neuen Wachstumspole aufgebaut werden
  3. Elektrifizierung und andere Hilfen zur Arbeitsermöglichung sind beschleunigt einzurichten
  4. Der Dezentralisierungsprozess ist beschleunigt weiterzuführen

Dass die gesamte Umwelt in diesem Staat schon vor dem Erdbeben in einem katastrophalen Zustand war, ist schon bekannt. Grassierender Kahlschlag mit entsprechenden Folgen ungebremster Erosion, Bergrutsch- und Verschlammungs-Desastern sorgten regelmässig für Schlagzeilen, seit es die Medien gibt. Die Waldfläche beträgt heute keine 2% mehr und besteht zudem aus minderwertigem Sekundärwald. Zu den schon bestehenden Problemen hat das Erdbeben noch zusätzlich vierzig Millionen Kubikmeter Schutt hinterlassen, sodass folgende Dringlickheitsmassnahmen empfohlen werden:

  1. Dringlichkeitsmassnahmen gegen Luftverschmutzung und Staub, inkl. Trümmerbewirtschaftung
  2. Dringlichkeitsmassnahmen zum Schutz der Umwelt vor Luftverschmutzung und Staub während der Trümmerbeseitigung
  3. Dringlichkeitsmassnahmen zum Schutz der Küsten und Meere vor Luftverschmutzung und Staub
  4. Dringlichkeitsmassnahmen zum Stoppen des Erosionsabtrags aller Steilhänge

Katastrophenschutz

Von sämtlichen kleinen Inselstaaten ist Haïti derjenige mit der höchsten Verwundbarkeit durch tropische Wirbelstürme. Inmitten des karibischen Sturmbassins gelegen, leben 96 % der Bevölkerung unter der ständigen Bedrohung durch zwei oder mehr Hurrikane. Dazu kommen die bestbekannten exogenen Schocks ( hydro-meteorologisch, geologisch-tektonisch, epidemisch, auf gewissen Inseln vulkanisch und anders bedingt ). Viele haben Panik wegen diverser steigenden Seespiegel, wegen des steigenden Meeresspiegels, Angst vor Tsunamis, Klimaänderung und vielem mehr. In einem Bericht der Weltorganisation wurde Haïti als eines der meistgefährdeten Länder durch die Klimaänderung bezeichnet.

Konfrontiert mit solchen Bedrohungen, schlägt PDNA folgende Massnahmen vor:

  1. Die erfolgten, teils unpopulären Massnahmen sind transparent, plausibel und korruptionssicher zu machen, besonders den betroffenen Massen gegenüber. Sie müssen begründet, nachvollziehbar und verstanden werden. Der Zufallsglaube muss verschwinden ! Vor allem die Obdachlosen sollen verstehen, was geschieht, dass man mit ihnen nicht Zufall spielt.
  2. Neue Wohnzonen müssen geräumt werden, wo sie nach neusten Erkenntnissen schon wieder in Risikogebieten liegen
  3. Der private und öffentliche Wiederaufbau soll in Anerkennung der paraseismischen und parazyklonischen Erkenntnisse erfolgen
  4. Die Bevölkerung muss dafür gewonnen werden, ein fähiges Kader von Verantwortlichen, speziell Ministern zu wählen. Der demokratische Prozess ist der beste, solange kein besserer gezeigt und bewiesen ist
  5. Die Zivilgesellschaft und der Privatsektor müssen für die Verbesserung und Sicherung des Gemeinwohls gewonnen werden und mehr Verantwortung mittragen
  6. Die Auisführungs- und Ausbildungspläne müssen Erste Hilfe, Feuerwehr-Sapeur-Ausbildung, Alarmsysteme, Evakuierung, Wiederaufbau und viel anderes umfassen

Soziales

Bereits vor dem Erdbeben war das Angebot an sozialen Basisleistungen beunruhigend und ungenügend, wenn überhaupt, hauptsächlich ein privates Angebot. Lebenserwartung und Sterblichkeit, besonders von Müttern und Säuglingen, lagen weit neben denen die in anderen Staaten üblich waren. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung hatte keinerlei Zutritt zu den Gesundheitsdiensten und zu Trinkwasser. 30 % der Kinder litten bereits vor dem Erdbeben an chronischer Unterernährung, und schätzungsweise 40 % der Kinder- und Waisenheime waren unterversorgt. Mehr als 500’000 Kinder von sechs bis zwölf Jahren im Land konnten keine Schule besuchen. 70 % der eingeschriebenen Schüler hatten einen Bildungsrückstand von zwei Jahren, und 30 % der über 15jährigen waren Analphabeten. Die Spiel- und Sportplätze waren ungenügend und schlecht unterhalten.

Das Erdbeben vom 12. Januar 2010 hat wie alles, auch die soziale Situation in Haïti gravierend verschlimmert, viel Sozialpersonal getötet, verletzt, vertrieben und einen Grossteil der sozialen Anlagen zerstört. Für die sozial meistverwundbaren Personen ist es noch schwieriger geworden, Zugang zu den spärlichen sozialen Diensten und Hilfe zu finden.

PDNA Massnahmenkatalog:

  1. Der Zugang zu Gesundheitsdiensten ist zu ermöglichen, im besonderen für besonders gefährdete Gruppen und Behinderte
  2. Die regulierende und koordinierende Rolle des Gesundheitsministeriums ist zu stärken
  3. Die menschlichen Ressourcen sind dem Gesundheitswesen dienstbar zu machen
  4. Die Dezentralisierung ist zu fördern und trotzdem die Zentzralregierung zu stärken
  5. Die wichtigsten Medikamente sind zugänglich und für jeden erschwinglich zu machen
  6. Der Eintritt in die Schule ist auch für Unbemittelte zu ermöglichen
  7. Das Erziehungspersonal ist für eine gewisse Zeit des Arbeitsausfalls zu entschädigen und Beiträge an Notunterkünfte sind zu leisten
  8. Der unentgeltliche Unterricht ist mindestens auf Volksschulstufe einzuführen
  9. Das Unterrichtssystem ist neu zu organisieren und durch ein umfassendes Informationssystem zu ergänzen
  10. Das Unterrichtssystem soll eine minimale Unterrichtsqualität garantieren, die Lehrpläne sind zu überarbeiten und die Verpflegung der Schüler ist sicherzustellen
  11. Gegen die Unterernährung der Kinder, speziell zwischen 6 und 59 Monaten, ankämpfen und Nahrungszusätze abgeben
  12. Trinkwasserzugang, Mangelernährung und Hygiene verbessern
  13. Körperliche Betätigungsmöglichkeiten schaffen, speziell für die Jugend
  14. Die Wildbauerei und die Bautechniken in den Griff bekommen
  15. Schutz gegen Erdbeben, Überschwemmungen und andere Naturkatastrophen
  16. Das Strassennetz ist zu verbessern. Von 3’400 Strassenkilometer sind erst 800 km asphaltiert, 70 km beschädigt und zu erneuern.
  17. Hafen- und Flughafenanlagen sind beschädigt und genügen den wirtschaftlichen Bedürfnissen nicht und sind anzupassen.
  18. Mit dem Erdbeben haben sowohl Verkehrsanlagen, öffentliche und private Bauten massiv Schaden genommen, was zu beheben ist.
  19. Die Telekommunikation ist ebenfalls beschädigt.
  20. Einen Wiederaufbaufond für öffentliche Gebäude schaffen
  21. Kommunale Organisationen und die Gemeindebevölkerung rekonstruieren die Infrastrukturen
  22. Einen Wiederaufbaufond für Wohngebäude äufnen
  23. Versicherungsartige Fonds zur Deckung künftiger Risiken schaffen
  24. Eine Ausbildung in risikominimiertem Bauen anbieten
  25. Wiederherstellen einer optimalen Kapazität von Häfen und Flughäfen
  26. Urbanes Strassennetz wieder herstellen in einer minimalen Qualität wie vor dem Beben
  27. Risikomanagement im Transportwesen
  28. Die Bevölkerung in den neuen Ballungszentren ausserhalb der Stadt mittels Investitionen stabilisieren
  29. Energieversorgung für jedermann normalisieren und sichern
  30. Telekommunikation neu organisieren und normalisieren
  31. Den Zugang zum Submarinkabel und anderen Kommunikationsmitteln wieder herstellen
  32. Industrielle Infrastruktur dezentralisieren und ausweiten
  33. Einen Fonds zur Rekapitalisierung schaffen
  34. Den Finanzsektor organisieren, besonders einen Fonds für Mikrokredite für KMV
  35. Recht, Reglementierung und Finanzierung im Privatsektor retablieren
  36. Sektoren Landwirtschaft, Tourismus und Textilwirtschaft wiederentwickeln
  37. Es muss gesichert werden, dass durch wirtschaftliches Wachstum Arbeitsplätze geschaffen werden, speziell durch den Wiederaufbau
  38. Mikrokreditsysteme schaffen
  39. Allmählich die Arbeitsstandards heben
  40. Die Sicherheit der Frauen und Mädchen in der Landwirtschaft fördern
  41. Frauenarbeit fördern, speziell in den Bereichen Soziales und Jugendarbeit
  42. In die Jugend investieren, speziell in den Besuch von Schulen

Arbeitslosigkeit:

Vor dem Erdbeben schätzte man die Arbeitslosenquote für das Gesamtland auf 30 %, für die Agglomeration auf 45 %, für die Frauen auf 32 % und für die Jungen zwischen 15 und 19 auf 62 %. Die vollkommene Absenz eines System sozialen Schutzes macht die Bevölkerung extrem verwundbar. Speziell Mädchen und Frauen sind zudem jeder Form von Gewalt ausgesetzt.

Aufgrund des nach dem Erdbeben sinkenden Bruttosozialprodukts schätzt man den Verlust an Arbeitsplätzen auf 8,5 %, speziell in den Bereichen Handel. Tourismus, Transport und Kommunikation.

Die sozio- und makroökonomischen Auswirkungen des Erdbebens erzeugen anfänglich einen Wachstumsrückgang von 8 %, der sich später auf 2,5 bis 3,5 % reduziert. Die am stärksten betroffenen Sektoren sind Handel, Transport, Kommunikation und Industrie. Während 2009 die Inflation auf 4,7 % geschätzt wurde, wird sie 2010 auf 11 % steigen, einerseits durch eine Verringerung des Angebots, Erhöhung der Transportkosten und Einflüsse der äusseren Hilfe.

Das Defizit der Regierung betrug 2008 bis 2009 noch 7,1 % des BSP und stieg 2009 bis 2010 auf 17,9 bis 18,7 % des BSP, verursacht durch die Aussenhilfe. Der Finanzierungsbedarf beträgt 350 Millionen US$. Das gegenwärtige Defizit wird sich auf 3,2 % des BSP erhöhen. Es wird nötig sein, weitere Finanzquellen zu erschliessen.

Bezüglich Einfluss auf den Arbeitsmarkt bestehen mehrere Szenarien. Man schätzt dass das Erdbeben einen sofortigen Verlust von 8,5 % der Arbeitsplätze verursacht hat, vor allem in Handel, Tourismus, Transport und Kommunikation. Je rascher und intensiver der Wiederaufbau anläuft, desto besser wird sich die Arbeitsmarktsituation entwickeln. So wird die Investition eines Drittels der Ressourcen 2010 den Verlust an Arbeitsplätzen auf 0,6 % beschränken. Durch die starke Konzentration der männlichen Arbeitskräfte im Bauwesen und in der Trümmerräumung werden diese durch den Wiederaufbau mehr profitieren als die weiblichen.

Laut der letzten Sozialbilanz der UNO, erschienen 2009, die Daten bis 2007 enthaltend, betrug der Entwicklungsindikator (IDH) 0,532  (1 = Maximum, 0=Mminimum). Er klassiert Haïti an 149.Stelle von 182 klassierten Ländern. Dies ist der niedrigste jemals bekannte Indikator aus der Gegend und steht für die extreme Armut. Haïti ist auf dieser „Armutsliste“ 2007 auf dem 97.Rang von 135 klassierten Ländern. Schon im Jahre 2001 lebten 76 % der haïtianischen Bevölkerung mit einem Einkommen von weniger als 2 US$/Tag unter der Armutsschwelle, 56 % mit einem Einkommen von weniger als 1 US$/Tag sogar unter der „Schwelle extremer Armut“. Im Laufe des letzten Jahrzehnts ist die Anzahl der Armen und extrem Armen auf dem Lande um mehr als 8 % gesunken, aber in der Region der Hauptstadt, ist die Kennzahl in der gleichen Zeit um 13 % gestiegen. Durch das Erdbeben sind die Zahlen auf den Stand von 2001 zurückgefallen (71/50 %), und es bleibt zu hoffen, dass sie sich durch die Aufräum- und Wiederaufbauarbeiten etwas zum Besseren wenden.

Inzwischen ist der offizielle PDNA-Bericht allerdings schon zwei Monate alt, und man erkennt bereits, was zu befürchten war: PDNA hat die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Die Dislokationen hatten meist nur den Zweck, weitere Verteilstellen von Nahrung „zu erschliessen“. Eine zusammengebrochene Madame Sarah wurde von Blauhelmen aufgegriffen und „heim“ in ihr Zelt transportiert. Dort entdeckten die Soldaten sieben aufgestapelte Reissäcke, sie waren für den Verkauf in der Stadt bestimmt, wo die Dame noch ihr stehen gebliebenes Haus besass. Bevor die Frau wieder freigelassen wurde, nahmen ihr die Blauhelme sechs von den sieben Säcken wieder weg. – Es ist zwar schön, dass eine halbe Million Menschen aus dem Stadtzentrum in die Zeltlager abgewandert sind und so zu den hehren Zielen des PDNA beitrugen. Allerdings sollen seither schon Zehntausende wieder in ihre einstigen „Häuser“ und in den Schutt der Prinzenstadt zurückgekehrt sein und dort ihre neuen Schätze verkaufen, so funktioniert Arbeits- und Lohnbeschaffung. PDNA hat die Rechnung scheint’s ohne den Wirt gemacht.

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Die exklusive Haiti-Kolumne im latina press Nachrichtenportal von Otto ‚Swissfot‘ Hegnauer. Der ehemalige Lehrer lebt seit mehreren Jahrzehnten auf Haiti und berichtet exklusiv von seinem täglichen Leben auf der Insel Hispaniola.

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