Die Tainos in Haiti litten nicht unter Goldfieber

Datum: 04. Juli 2010
Uhrzeit: 09:44 Uhr
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Autor: Otto Hegnauer
Sprachkurs Spanisch (Südamerika)

Vor lauter Schreckensgeschichten in diesem einstigen Lande vergessen wir fast, dass das Land auch eine echte Geschichte hatte, eine Urgeschichte, und eine Kulturgeschichte, die in der Karibik ihres gleichen sucht. Ich werde mich deshalb in den nächsten Kolumnen ein wenig auf diese reiche Kultur und ihre Entstehung zurückbesinnen, die nicht zusammengestürzt ist wie das meiste in diesem Land, sondern zu dem Überlebenden gehört, das die Menschen seit jeher geprägt hat, das besser verstehen lässt, was scheinbar so fremd und eigenartig ist. Ich spreche von der Kultur der Ureinwohner, der Taino-Indianer und ähnlicher Gruppen, dann von den kulturellen Einflüssen durch die Einführung der Sklaverei, wohl der grässlichsten Erfindung durch uns Weiße.

Sie lebten auch ohne Goldzähne, auf Haiti, dem Nachbarstaat der Dominikanischen Republik, ohne Goldschmuck, ohne Goldmünzen, -Barren und Goldsäcke. Auch Gold zum Verkaufen kannten sie nicht. Aber sie lebten trotzdem. Sie sangen und waren glücklich. Sie „besaßen“ und veschenkten Gold. Eigentlich waren es ihre Flüsse, die das besaßen, denn Indianer kennen keinen Besitz. Besitz der gehört allen, gehört der Natur. Sie teilen alles. Besitz ist zum Teilen.

Die Weißen dachten da anders. Dann gehöre eben ihnen, was „niemand“ gehöre. Ihre Gegengeschenke waren Alkohol, Zigaretten, statt Goldfieber richtige Fieber, Aids, Tuberkulose, Pocken und Rauschkrankheiten. Zum Beispiel. Die Spanier brachten ihnen auch den Alkoholrausch, und den Goldrausch, die schlimmste Krankheit überhaupt. Dagegen halfen weder Magie, noch Blätter und Wurzeln. Dagegen „half“ nur Gewalt und der Tod.

Gold ist ein Stück Natur. Es kommt in den Gesteinen vor, tief unter der Erde, nah bei den Epizentren. Durch Regen und Erosionskräfte werden die obersten Körner allmählich freigelegt, in Größe der Sandkörner. Und in den Fluss-Sanden werden sie talwärts geschwemmt. Die Goldsucher schöpfen den Sand in ihre flachen, getreppten Pfannen, dort schwenken sie ihn geduldig rundum, stundenlang. Das Wasser ist am leichtesten und spritzt zuoberst über die Ränder hinaus, die Sandkörner sortieren sich allmählich nach Schwere und bleiben in den verschiedenen Treppenstufen der Goldpfannen hängen. Die Goldkörner sind dabei die schwersten und bleiben deshalb zuunterst, während die oberen, leichteren sorgfältig weggekreiselt werden. Man arbeitet jetzt besonders vorsichtig, um ja kein Gold wegzuschwemmen, bis nur noch dieses übrig bleibt: Reiner Goldsand.

Das dauert seine Weile, aber auch Goldwäscher sind noch nie über Nacht Millionäre geworden. Die Spanier jedoch, die sind es schon: denn die haben tausende zum Goldwaschen gezwungen, rund um alle Flüsse des Landes. Und ohne andere Beschenkung als die erwähnte. Etwas Hehreres als Gottes Lohn gab es ja nicht. Und solchen haben die Spanier genug gebracht. Dazu gehörte der Schlussakt, der Mord. Der König musste es ja wissen.

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Die exklusive Haiti-Kolumne im latina press Nachrichtenportal von Otto ‚Swissfot‘ Hegnauer. Der ehemalige Lehrer lebt seit mehreren Jahrzehnten auf Haiti und berichtet exklusiv von seinem täglichen Leben auf der Insel Hispaniola.

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