Karibisches Bermuda-Dreieck

Cayes-Jacmel-

Datum: 05. Juli 2010
Uhrzeit: 19:41 Uhr
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Autor: Otto Hegnauer
Sprachkurs Spanisch (Südamerika)

Die Schilderungen von Augenzeugen betreffen den 12. Januar, kurz vor 17 Uhr, aber ich habe sie erst jetzt gesammelt, und sie sind überwältigender als das Alte Testament. Ich konnte Dutzende interviewen, von Augenzeugen, aus allen Schichten: Lehrer, Hoteliers, Straßeningenieure, Arbeiter, Gläubige, Ungläubige, Abergläubige, & Cie. – sie alle bezeugen, dass hier drüben an der karibischen Küste ganz sonderbare Dinge geschahen. Gleichzeitig mit dem großen Erdbeben, und unmittelbar danach. Dinge, die ich kaum glauben, geschweige denn begreifen kann. Soweit MEINE Wenigkeit. Und ob SIE das glauben und was, das müssen Sie selber entscheiden.

Sicher ist, dass keiner der Augenzeugen empfand, das sei ein „normales“ Erdbeben. Alle glaubten im Moment an etwas wie Weltuntergang, oder mindestens an den eigenen Tod. Die ihn wirklich erleiden mussten, oder „erlebt“ man den Tod? – gehörten ja auch nicht mehr zu den Augenzeugen, den Zeugen schlechthin. So gaben viele an, wie der Boden „geschmolzen“ sei, auf den Berghängen und in sich öffnenden Meerestiefen. Da nach meinem Wissensstand zu einem Schmelzvorgang ordentliche Temperaturen nötig sind, und es zur Bildung passender Nebenprodukte kommt, glaube ich eher, dass es sich bei den scheinbaren „Schmelzvorgängen“ um Verflüssigung, Entfestigung, Verschlammung und Versandung gehandelt haben mag, zum Teil unter erheblicher Spaltenbildung. – Und in diesen Bodenspalten sind denn auch mehrere Menschen vor den Augenzeugen verschwunden beziehungsweise hinab geschlürft worden in tiefere Schichten.

Spalten und mächtige Risse hatten sich in der Fallinie an den Steilhängen der Berge gebildet, sodass der hell gefärbte Untergrund wie ein Zebrafell zutage trat. In diesen Fallinien kam es auch zu Erdschlipfen. Riesige offene Spalten hätten sich überdies am Meeresgrund gebildet, der längere Zeit trocken lag, als das Meer „zurückwich“. Was ich da zu hören bekam, ließ mich erschauern und eher an Hexenzauber glauben als Natur, eher an die Küste des Bermudadreiecks als an die des Karibischen Meers, aber es wurde noch verrückter.

In den weißen Streifen und Rissen des „Zebtrafells“ an den Bergflanken rumorte es, die Landschaft ruckelte in zuckenden Bewegungen senkrecht empor, Rauchwolken und Gasausstöße stießen gen Himmel, die einen glaubten an Rauch, andere sagten es sei Nebel und wieder andere sprachen von Staub. Jedenfalls rann die Erde tüchtig, diesmal aufwärts, man wähnte die Hölle sei ausgebrochen, und viele glaubten an die Geburt eines Vulkans. Es roch nach Schwefel, Feuer und Rauch, Natura hatte die Düfte ihrer Apotheke geöffnet, und viele sahen „Feuerkugeln tanzen“.

Ich selbst habe ja schon etliche Vulkane besucht, auch aktive in den Tropen, habe auch schon darüber geschrieben und Vorträge gegeben, aber so etwas habe ich noch nie gehört, geschweige denn erlebt. Das übersteigt nun wirklich jedes Verständnis, und ich kann all mein Schulwissen aus der Uni-Zeit glatt an den Hut stecken, das Gehörte so wenig erklären wie all die Unbedarften hier an der karibischen Küste. Und es sollte erst recht beginnen.

Nach dem Vorgeschmack der Hölle kam Poseidon und stahl Neptun die Show. Tsunamis waren jedermann schon hinlänglich bekannt, aber die bewegen sich „normalerweise“ vom Meer aufs Land zu und umgekehrt, aber hier geschah es anders, wie alles, am 12.Januar. Die erschrockenen Küstenbewohner wurden Zeugen eines Tsunamis von der Seite, der das karibische Meeresbecken zuerst nach Norden entleerte bis der Meeresboden sichtbar war, wieder unter Spaltenbildung und „Schmelzen“ des Meeresgrundes, die Fischer alle Riffe zählen konnten ( und zuschauen mussten, wie einzelne noch dort fischende Boote mit Kollegen zerschellten ), und während die Zuschauer an der Küste, wohl wissend was jetzt folgen würde, in panischer Hast Anhöhen und Hausdächer erklommen, kam prompt die Gegenreaktion:

Der Meeresgrund erhob sich im Norden haushoch und stülpte das Meer aus nach Süden, am Land vorbei gegen die Dominikanische Republik hinüber. In Haiti gab es kaum Tsunami-Schäden, wenn man von den Verschluckt-Verschlürften absehen will. Jedoch sei die Tsunami-Welle so hoch gewesen, dass sie drüben Leitungsmasten überschwemmt und mitgerissen habe, über die dortigen Opfer steht in den Berichten nichts.

Was mich am meisten wunderte, dass die Küstenleute die Eigenartigkeit des Phänomens erkannt hatten und auch eine Erklärung boten: das Epizentrum, was das ist und wo das lag war ebenfalls schon durchgedrungen, sei eben diesmal nicht in der Meerestiefe gelegen wie bei einem normalen Tsunami, sondern liege auf dem Land, deshalb sei der Tsunami eben querab abgelaufen, und das seltene Schauspiel sei zustande gekommen, ohne weitere, große Zerstörungen verursacht zu haben. Ganz einfach, nicht wahr ? Ob die wohl recht haben?

Und, zu Frank Elstner gewendet: schade, dass meine Einladung ins Fernsehstudio in Deutschland zu früh kam, denn erst DIESE, neuen Erlebnisse wären so richtig „fernsehgerecht“ gewesen! Sicher ist jedenfalls, dass das Meer fast aus- und dann übergelaufen wäre, und der Himmel fast Feuer gefangen hätte. Aber er wollte noch nicht brennen. Er hat noch andere Pläne, wieder einmal… Und sicher ist, dass es noch schlimmer war, als ich es aus der Bibel kenne. Aber vielleicht bin ich nicht genug Bibelkenner, pardon!

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Die exklusive Haiti-Kolumne im latina press Nachrichtenportal von Otto ‚Swissfot‘ Hegnauer. Der ehemalige Lehrer lebt seit mehreren Jahrzehnten auf Haiti und berichtet exklusiv von seinem täglichen Leben auf der Insel Hispaniola.

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