Haiti: Siedlungsbau im Freiwilligeneinsatz

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Datum: 13. November 2009
Uhrzeit: 13:35 Uhr
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Autor: Otto Hegnauer
Sprachkurs Spanisch (Südamerika)

haitiSchon 2500 vor Christus landeten venezolanische Boat People in Einbäumen auf Haiti, der Berginsel, und irrten sich im Glauben, hier eine bessere Zukunft zu finden. 1492 warf Kolumbus seinen Anker, der heute noch in der Prinzenstadt ausgestellt wird; er irrte sich weil er wähnte, in Indien zu sein. Er nannte die Ureinwohner deshalb „Indianer“ und die Inseln „Westindien“. Die riesige eiserne Markthalle wurde 1889 in Westindien statt Indien, nach anderer Darstellung statt der Türkei aufgestellt.

Mit der Geographie nahm man es noch nicht so genau. Der „Eisenmarkt“ aber wurde zu einer Sehenswürdigkeit in der Prinzenstadt. Und dass heute Iren nach Haiti fliegen, ist kein Irrtum. Sie wollen für eine bessere Zukunft bauen.

Schon ein paar Jahre früher war ich auf meinem letzten Flug, die Zeiten waren noch ganz anders. Trotzdem gelüstete es mich nie mehr nach Europa. Weniger wegen der Fliegerei selbst, als wegen des Umsteigens. So sehr ich die Schwarzen mag und die Etiketten hasse, so wenig mag ich an gewissen Flughäfen unnötig lange Schlange stehen unter der Tafel „Nicht-Europäer“, weil die Schweiz eben nicht Europäerin ist, und mit den Farbigen zusammen, die häufig papierene Probleme mit sich bringen sodass wir Nicht-Europäer viel länger warten müssen als wenn wir Europäer wären.

Ich wollte eigentlich über die Fliegerei sprechen. Die letzte der Fliegerei führt von Miami nach Port-au-Prince, dem Prinzenhafen und der Prinzenstadt. Der Kurs war stets vollgestopft von Entwicklungs- und diversen Helfern, Sozialarbeitern, Freiwilligen jeden Alters und Couleurs, wie heute den Iren. Man hörte jede Sprache. Und meist trugen sie bedruckte T-Shirts, sodass man von weitem lesen konnte, wo sie hingehörten. Sie alle wollten etwas ausrichten, gegen den Hunger, die Arbeitslosigkeit, den Bildungsmangel, die Krankheiten, die Erosion, die… die… Hunderte von Gratis-Arbeitern Tag für Tag, und so seit Jahren.

Jetzt kehren die Auslandhaitianer zusätzlich aus der Diaspora zurück. Es herrscht Völkerwanderung. Politische Flüchtlinge, Wirtschaftsflüchtlinge, „normal“ Ausgewanderte, sie kehren zurück, millionenweise. Im Ausland haben sie eine hervorragende Ausbildung genossen. Haiti verwandelt sich. Die Rückwanderer brauchen Wohnraum. Ganze Siedlungen schießen aus dem Boden. Siedlungen für Reiche, und Siedlungen für Arme, wie hier in Neu-Irrland.
Digicel ist die größte Telefongesellschaft in Haiti; ihr irischer Vizepräsident Leslie Buckle gründete mit seinem Freund und Landsmann Cillian Twomey eine Stiftung, um im abgelegenen Nordosten Häuser für die Armen zu bauen. Vorgesehen sind 200 Steinhäuser, jedes mit zwei Schlafzimmern, einer offenen Wohnfläche, einer Toilette mit Wasserklosett, Dusche und Küche.

Zur Vorbereitung wurden mit dem ersten Geld 14 Morgen (ca. 57 Hektar) Land bei Quanaminthe gekauft, natürlich handelt es sich um abfallreiches, unerschlossenes „Bauland“. Es reichte auch noch zum Bau der Fundamente durch einheimische Arbeiter, denen soll man ja nicht noch die Arbeit wegnehmen. Dann rückten sie an, an der Spitze Cillian Twomey. Mit 80 Frauen und 180 Männern von 15 bis 75 Jahren.

Der 62jährige Twomey arbeitete einst als erfolgreicher Altenmediziner. Er sammelte 260 Idealisten, die je 5000 US$ ersparten oder mit allerhand Aktivitäten ergatterten und als Stiftungskapital einzahlten, dann nach Haiti reisten um die Insulaner anzuleiten, ihr Schicksal selber in die Hand zu nehmen. Er vertauschte das Hörrohr mit Schaufel und Pickel, entstopfte Latrinen und pflasterte Mauern.

Die neuen Einwanderer fanden schon halbfertige Häuser, oder nur Fundamente vor. Arbeit gab’s noch genug, für Ausländer und Quanamintheaner, Banausen und Fachleute, Irisch- und Kreolisch sprachige, aber es funzte. Einheimische Maurer pressten von Hand Mauersteine aus Mörtel und ließen sie dann an der Sonne trocknen, die „Gastarbeiter“ führten sie dann zur Baustelle. Dort wurde gepflastert, gemalt und gehämmert. Alles nach alter Herren Sitte, von Hand, höchstens mit Schaufel und Säge, und, natürlich, mit breitkrempigem Strohhut auf dem Kopf, und einer Wasserflasche im Sack.

Ein Hotel gibt es nicht, braucht es auch nicht hierzulande. Die Leute schlafen auf dem Platz. Und wohl mancher wird dem Reiz dieser Lebensweise, dem Zauber des Klimas und dem Charme der Insulaner(innen) erliegen und nicht mehr zurück wollen in die irische Kälte. Nachdem schon vor über 200 Jahren in Papua-Neuguinea Iren eine Insel entdeckten, auf der sich besser leben ließ als zu Haus, und Neu-Irland gründeten, ist ja nicht ausgeschlossen, dass hier dereinst „Neu-Irrland“ entstehen wird.

Im Wunderland Onkel Toms gibt es zahllose Neugründungen mit Heimwehnamen: New Berlin, New Bern, New Bremen, New Glarus, New England, New Hamburg, New London, New Paris, New York und viele mehr. Zu „New Haïti“ hat es nie gereicht. Die Haiti-Millionensiedlung im Hinterland von Miami Beach nennt man nur „Little Haiti“…

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Die exklusive Haiti-Kolumne im latina press Nachrichtenportal von Otto ‚Swissfot‘ Hegnauer. Der ehemalige Lehrer lebt seit mehreren Jahrzehnten auf Haiti und berichtet exklusiv von seinem täglichen Leben auf der Insel Hispaniola.

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