Dominikanische Republik: Grund des Bebens liegt im Neiba-Tal

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Datum: 07. Juli 2010
Uhrzeit: 12:00 Uhr
Leserecho: 1 Kommentar
Autor: Otto Hegnauer
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Der Grund des Bebens liegt in dem Tal, das von Haiti nach der Dominikanischen Republik führt und das die Insel Hispaniola weiter teilen wird. Das Tal heißt auf seiner östlichen, dominikanischen Seite „Neiba-Tal“, auf der westlichen, haitischen Seite „Cul-de-Sac“. Auf der Wasserscheide, also am obersten Punkt, liegt der haitianische Grenzübergang Malpasse, der auf der dominikanischen Seite Jimani heißt. Auf jeder Seite der Grenze liegt ein interessanter See, es sind die größten Süsswasserseen der Karibik.

Die Reibereien zwischen den beiden Nachbarn, aber auch der Insulaner mit den Amerikanern, sind bekannt. Besonders die letzteren sind älter als die Menschen selbst. Heute sind sie politisch, aber seit jeher waren sie tektonisch bedingt, denn das Karibische Meer befindet sich am Rande der Nordamerikanischen Platte. An der Reibungszone mit der Karibischen Platte bildeten sich Vulkane und eben, Erdbeben. Die Vulkane verlagerten sich im Laufe der Erdgeschichte von Westen nach Osten, wo sie heute noch Feuer schießen.

Vor 65 Millionen Jahren, im sog. Tertiär, bildeten sich die karibischen Inseln mit den Großen, bis heute mit den Kleinen Antillen. Die heutige Insel Haiti lag noch großenteils am Grund des Karibischen Meeres, das im Kaimangraben fast 8’000 m, im Puerto-Rico-Graben sogar 9219 m tief ist, nach menschlicher Zeitrechnung war das vor 65 bis 250 Millionen Jahren. Damals lebten Dinosaurier, Kopffüßler und andere Untiere auf der Erde, die nach einer Theorie durch einen Planetoiden-Einschlag vor 65 Mio. Jahren mit vielen anderen damaligen Tierarten vernichtet wurden, nach einer anderen Theorie hatte das Massensterben vulkanischen Ursprung. Menschen gab es noch keine, so kamen auch keine ums Leben.

Vor zehn Millionen Jahren bewegte sich die Karibische Platte weiter gegen die Nordamerikanische. Sie wird dies auch weiterhin tun, wohl länger als die Menschen überleben. Die ganze Zeit gab es dabei Erdbeben wie heute, wie gesagt ohne Tote. Die Natur hat eben einen langen Atem. Und mein subjektiver Augenblick ist ein ganz anderer. Ist Erdgeschichte nicht ungeheuer interessant, eines der gigantischsten Erlebnisse überhaupt?

Allmählich wurden zwei über 2.000 Meter hohe Gebirgszüge aufgeschichtet, die sich durch ganz Hispaniola durchziehen. Dazwischen bildete sich ein Graben mit einem Meer. Während Zehntausenden von Jahren folgten andernorts Eiszeiten, während denen viel Wasser an den Erdpolen und in den kälteren Höhen als Gletscher gebunden war. Der Meeresspiegel lag während dieser Zeiten rund 100 Meter tiefer, und um die Kontinente fielen große Gebiete trocken. Diese sind als „Schelf“ bekannt und auf vielen Landkarten als helle Randzonen der Erdteile erkennbar. Sie ermöglichten unter anderem trockenen Fußes Wanderungen von Tieren und Völkern von einem Kontinent auf den andern.

Auch der Graben zwischen Haiti und der heutigen Dominikanischen Republik lag während solcher Zeiten trocken. In den tiefen Mulden jedoch blieben Reste des Meeres in unterschiedlicher Größe liegen, und es entstanden teils große Seen. Wenn sich der Planet jeweils wieder erwärmte, schmolz das Eis, der Wasserspiegel des Ozeans stieg und das Grabental samt Seen geriet wieder unter Meer.

Vor 6.000 Jahren stieg das Wasser in das östliche Neibatal und bildete eine 85 km lange und über 15 km breite Meeresbucht, die 1.200 Jahre lang bestand. Die westliche Küste lag bei Jimani. Der Wasserspiegel des Sees lag noch 15 m über Meeresniveau, in den nächsten 500 Jahren geriet er 45 m unter das Meeresniveau.

Heute gibt es wieder zwei Seen. Der Azüey- oder Saumâtre-See auf der haitischen Seite und der Enriquillo-See auf der dominikanischen Seite. Der haitische Teil des Tales, der Cul-de-Sac, liegt höher und blieb damit trocken. In den 50er Jahren liess der dominikanische Diktator Trujillo große Kanäle bauen, um Wasser vom Fluss Yaque del Sur zum Lago Enriquillo zu leiten und den Seespiegel künstlich zu heben. Er ist aber heute immer noch eine Depression von -46 m.

Der haitianische Azüey-See ist 29 km lang, bis zu 10 km breit und bedeckt 170 km². Sein rasches Ansteigen wurde in diesen Jahren zu einem Problem und bewog im Juni 2010 die dominikanischen Behörden dazu, für den Grenzübergang „Mal Paso“ wegen dem See den Ausnahmezustand ausgerufen. Meinen Lesern ist das Phänomen seit langem bekannt. Bereits sind die Büros der Zollbehörde, der Einwanderungsbehörde, der Pflanzen und Tiergesundheitsbehörde und die Kaserne der spezialisierten Körperschaft für Grenzsicherheit ( CESFRONT ), die Handelsgeschäfte und der Platz, wo der wöchentliche Grenzmarkt abgehalten wird, sowie die Straße, welche die Dominikanische Republik mit Haiti verbindet, großflächig überschwemmt. Wenn man im komfortablen Reisebus die Strecke nach Santo Domingo befährt, kann man öfters mehrere „Generationen“ von überschwemmten Leitplanken sehen, die die versunkenen Straßen säumen.

Die Erde atmet dauernd. Sie hebt und senkt sich, manchmal rumorend mit Beben oder gigantischen Feuerwerken, manchmal sich still hebend und senkend wie der Brustkorb eines schlafenden Riesen. Die andauernde Hebung des Azüey-Sees muss fortwährend aufgeschüttet und durch Erdwälle gesichert werden, Uferpflanzen ertrinken im steigenden Wasser. Ich vermute, dass der Landweg von Haiti zur Dominikanischen Republik bald einmal über die N3 Mirebalais – Belladere führen wird. Es wird angenommen, dass der übermäßige Wasserzuwachs durch unterirdische Zuflüsse aus Karstgebieten, sogenannte Unterwasser-Stromquellen, verursacht wird.

Auch der zweitgrößte See des Landes, der Lac de Miragoâne, wird grösser und grösser und hat die Nationalstraße seit langem überschwemmt. Heute besteht eine kilometerlange Umfahrungsstrasse über das Küstengebirge oder zwingt die Taptap-Reisenden zum Bootstransport über den See, was zusätzliche Kosten verursacht. Den Grund des Grösser- und Größerwerdens dieses zweit größten Sees des Landes habe ich schon in Wo Wasser bergauf läuft und explodiert geschildert. Beide Seen tragen alte Indianernamen und scheinen überzusieden wie heiße Milch, aber im Gegensatz zu dieser diesmal kalt. Sie machen Haiti zu einem reizvollen, interessanten, landschaftlich stets verändertem Reiseziel.

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Die exklusive Haiti-Kolumne im latina press Nachrichtenportal von Otto ‚Swissfot‘ Hegnauer. Der ehemalige Lehrer lebt seit mehreren Jahrzehnten auf Haiti und berichtet exklusiv von seinem täglichen Leben auf der Insel Hispaniola.

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  1. 1
    Chris

    Sehr interessanter Beitrag !!!!!!!!!!

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