Was gilt ein Menschenleben in Haiti?

Citadelle2

Datum: 18. November 2009
Uhrzeit: 09:19 Uhr
Leserecho: 0 Kommentare
Autor: Otto Hegnauer
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Citadelle2Vor Zeiten marschierte ich zu Fuß in die Hügel der Schwarzen Berge, das waren Stunden, und es liegt nicht mehr drin. In der Nähe gibt es eine steinig-löcherige Rumpelpiste, die bei trockenem Wetter mit dem Vier Rad knapp gängig ist. Wenn nicht helfen die Moto-Taxis, die unten in Pétion-Ville an gewissen Kreuzungen auf Fahrgäste warten. Die Fahrer müssen neustens einen Helm und eine offizielle Warnweste mit ID-Nummer und Reflexstreifen in gelber oder oranger Tagesleuchtfarbe tragen, die sie als Berechtigte ausweist. Denn vorher waren die Moto-Taxifahrer die häufig Straßenräuber und Kidnapper. Fast zuoberst geht es noch einige Meter weiter zu Fuß steil an, dann querab, und über eine Erosionskrete hinunter.

Gegenüber protzt eine Halde. Hier in den Schwarzen Bergen, hoch über der Prinzenstadt, sieht man das Elend und den Hunger nicht mehr. Die Welt scheint schön und sauber, sie liegt weit unten, die Häuser wie Spielzeuge, Menschen erkennt man keine mehr. Die Halde gleicht gegenüber, die hat ihre Geschichte. Eine traurige Geschichte. Eigentlich müsste man so traurige Geschichten vielleicht verschweigen. Das tun die meisten.

Zuoberst auf der Halde ist ein Auch-Haitianer eben an der Konstruktion seines Schlosses, ich sage dem „Zweite Zitadelle“. Dazu wurde zuerst eine breite Gipfelebene ausgewalzt und befestigt. Hundertschaften haben Hügel und Halde befestigt, seit zwei Jahren sind sie immer noch dran. Trotzdem glitt während den 2008er-Zyklonen der Hügel samt Schlossneubau ab in die Tiefe. Sogleich begann der Schloss-Bauherr von neuem. Ein unterirdisches Parkhaus und eine Terrasse mit Waldbepflanzung und Parkanlage sind schon fertig, bald wird das Wohnhaus folgen, man müsste wohl sagen der „Palas“. Man sagt, es soll nur ein Ferienhaus werden. Hunderte menschlicher Ameisen wimmeln in der Steilhalde. Sie tragen Mörtel und Steine bergab, Tag und Nacht, da scheint noch vieles vorgesehen zu sein. Dazu gehört eine gebührende Zufahrtsstraße, besser als unsere Löcher Piste.

Nun zu den traurigen Geschichte dieser Halde, wie ich sie erlebte. Es war vor Jahren, ich las es in Zeitung und Internet, wurde am Fuße der Halde ein Sack mit abgetrennten Köpfen gefunden. Der Sack hatte sich beim Hinunterrollen geöffnet und einiges von seinem makabren Inhalt verloren. Polizisten und UNO-Soldaten suchten tagelang das Gelände ab, von den wohl den Loa (=Voudou-Götter)-Anbetern zuzuordnenden Tätern hat man nie etwas gehört.

Dann die mysteriöse Dame, die trotz Sintflut den Heimweg über einen steilen Bergpfad gewagt hatte. Sie vermochte den Kampf gegen die Wasserfluten nicht zu gewinnen, glitt aus und wurde zur Tiefe geschwemmt. Es muss eine begüterte Dame gewesen sein, denn sonst hätte man sich nicht weiter um sie gekümmert. Tagelang waren wieder Soldaten und Polizei im Einsatz, diesmal mit Hunden, suchten Zoll um Zoll der Halde ab, und das Bachbett bis unten zur Flusseinmündung in die Ebene, und flussabwärts bis zum Meer – die sterblichen Überreste blieben verschwunden. Natürlich waren es irgendwelche überirdische Spukgestalten, die da herhalten mussten, wie immer in solchen Fällen.

Das Nonplusultra erlebte ich heute Abend. Ein nettes, achtzehnjähriges Mädchen aus der Nachbarschaft war seit drei Tagen überfällig. Es hätte die unkontrollierten Nächte bei jungen Männern verbracht und dort viel Clairin (weißen Rum) erwischt. Offensichtlich unter einer Alkohol- oder Drogenvergiftung hat es schwankend immerhin noch den Heimweg zum Elternhaus in der Steilhalde geschafft. Doch die „Familie“ wollte nichts mehr von ihrer Tochter wissen, die zur „Straßen frau“ geworden sei, und man stieß sie über die Halde in die Tiefe. Das arme Mädchen hat das Bachbett nicht mehr lebend erreicht.

Weder die fehlbaren Eltern noch Kirche oder Polizei kümmern sich angeblich um den Leichnam. Man sagt, die Universität sammle solche Fälle als Sezierfutter, eine andere Möglichkeit sei das Kantonsspital, das von Zeit zu Zeit entsprechende Sammeltransporte aufs Land organisiere. Dort würden die Opfer ebenfalls nicht begraben, denn Hunde kümmerten sich darum. Hier oben finden natürlich da und dort Nachbarschaftsversammlungen mit großem Palaver statt. Man erzählt, das Mädchen sei beim Borlette geopfert worden, und jetzt hätte es eben der Teufel geholt.

Was gilt ein Menschenleben, hier in Haiti? Ist es hier weniger wert als anderswo? Im Staat, in der Familie ( wobei ich nicht verallgemeinern will ). Wo sind da Schmerz und Trauer, wo die Gefühle? Die soziale Rangordnung spielt so richtig erst nach dem Tod. Ehrfurcht vor dem Leben ist in solchen Kreisen völlig unbekannt. In Kreisen des Voudou gehört das Leben nicht zur Schöpfung.

Wie üblich, lege ich meine Geschichten noch einem oder mehreren Kundigen vor. Natürlich stets mit dem Risiko einer schlechten Übersetzung – meine „Fremdsprachkenntnisse“ sind ja bekannt. So hörte ich diesmal eine ganz andere, interessante Erklärung. Auf dem Lande seien die Menschen natürlich, lieb und hilfsbereit, und Verbrechen gäben es kaum. Niemandem würden sie je die Hilfe versagen, auch keinem Verstorbenen. Jedermann wäre hier für ein Begräbnis auch eines Unbekannten in Anstand und Ehren besorgt. Das Problem liege vielmehr in der Zuwanderung und Verstädterung, die Verwilderung bedeute. In der Hauptstadt suche jedermann Arbeit und Glück, beides vergeblich, und die Folge sei Frust, Kulturzerfall und Sittenverrohung. Die Prinzenstadt ist zur Unstadt geworden. Sie erzeugt Verbrechen, Verzweiflung, geistige Verwirrung und Geschichten wie diese.

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Die exklusive Haiti-Kolumne im latina press Nachrichtenportal von Otto ‚Swissfot‘ Hegnauer. Der ehemalige Lehrer lebt seit mehreren Jahrzehnten auf Haiti und berichtet exklusiv von seinem täglichen Leben auf der Insel Hispaniola.

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