Ich habe vergessen wie meine Kinder heissen

Datum: 19. November 2009
Uhrzeit: 08:21 Uhr
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Autor: Redaktion
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Haitianische BevoelkerungHandys sind zu einem Statussymbol geworden, besonders bei den Armen. Handys mit Fotoapparat oder Filmkamera, Handys mit Internet das wegen Unbezahlbarkeit „nicht funzt“ und Handys mit Klingeltönen à Gogo. Auch Alson besitzt so ein Ding und drückt immer wieder eine Geheimtaste, wonach das Telefon „klingelt“ bzw. seine Kennmelodie spielt. Er nimmt dann ab und ruft mehrmals „Hallo“ ins Mikrophon, hängt aber jedesmal nach einiger Zeit auf, ich habe ihn noch nie sprechen hören. So spielt er andauernd vor, gesucht zu sein, er möchte doch soooo gerne einmal angerufen werden.

Heute hat Alson einen Freitag und ist nach seinem Dorf unterwegs, aber auch mit einem andern Begleiter stellen sich sogleich Erlebnisse ein. Ich staune immer wieder, wie in diesem Land jeder Tag, jede Reise ein Erlebnis wert ist. Manchmal zum Schmunzeln, und manchmal zum Heulen.

Heute war wieder ein Schmunzel morgen, wenn auch durchzogen, wie eine Mahlzeit. Ich wollte mit einem Begleiter nach den Schwarzen Bergen, den Montagnes Noires fahren. Kaum hundert Meter vom Haus, auf der Hauptstraße angekommen, läutet mein Handy, und ich bitte ihn, abzunehmen. Wie es sich für einen Europa-gelernten Autofahrer geziemt. Er klappert etwas in unverständlichem Kreolisch, ich verstehe nur immer wieder „Hallo“, und hänge dann auf (oder wie sagt man bei Handys?). Ich frage, wer angerufen habe. „Meine Tochter“, antwortet er wie selbstverständlich. Der Junge ist ein liebenswertes Kerlchen, genau wie vom Maler abgebildet, aber er ist kaum 18. So sei mir mein Erstaunen und meine Frage erlaubt: „Du hast eine Tochter, die schon telefoniert?“ Er bejaht und nickt. „Wie alt ist sie?“ wage ich weiter zu fragen. „Ich weiß es nicht mehr“. – Erstauntes, betretenes Schweigen. Ich frage noch einmal: „Wie heißt sie?“ „Das habe ich vergessen“.

Nun weiß ich nicht mehr, ob sich das Kerlchen über mich lustig macht oder was. Ich erinnere mich an den Ausspruch eines sehr geschätzten Didaktik Professors, in den 50ern im Lehrerseminar: „Streich ein „M“ und setz ein „PF“ dafür, und als Dumpfheit ehr sie nach Gebühr.“ Also schwieg ich voll Ehrfurcht, und versuchte die Dumpfheit zu respektieren.

Jetzt kreuzten wir einen Konvoi von Blauhelmen. An der Spitze eine rot-weiße Luxus Karosse mit meterhohem Blinklicht-Aufbau, eine Superwaffe der psychologischen Kriegsführung. Und hinter den schwarzen Scheiben zweifellos eine klimatisierte Kabine mit einem sehr, sehr hohen Tier, das von einer Hundertschaft von Schwerbewaffneten beschützt werden musste. Die Schwerbewaffneten folgten denn auch in ein paar Lastwagen, nicht klimatisiert, aber wohl bachnass von den Schussicheren Westen, die blauen Helme tief in der Stirn, vor Nase und Mund Chirurgenmasken gegen Schweinegrippe ( die im Lande noch gar nicht richtig eingekehrt ist ) und Gestank, Maschinengewehre schussbereit auf Heck Lafetten und Sturmgewehre zwischen den Knien. Das hohe Tier im Innern zitterte wohl vor Angst; und damit man das nicht sah, die schwarzen Scheiben.

Noch kaum ein Kilometer vom Haus, da hört das Schmunzeln unvermittelt auf, denn hier werden Todesopfer aus Autowracks gezogen, die eben erst zusammengekracht sein müssen. Wie leicht sammelt man Erlebnisse auf dieser Insel. Solche zum Schmunzeln, und solche zum Heulen.

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Die exklusive Haiti-Kolumne im latina press Nachrichtenportal von Otto ‚Swissfot‘ Hegnauer. Der ehemalige Lehrer lebt seit mehreren Jahrzehnten auf Haiti und berichtet exklusiv von seinem täglichen Leben auf der Insel Hispaniola.

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